Streit um Transparenz in der Forschung

Wissenschaft darf keine Blackbox sein; immer häufiger wird von Forschenden maximale Transparenz gefordert. Doch das ist ein zweischneidiges Schwert, warnen nun einige von ihnen im Fachmagazin «Nature».

Ein Forscher schaut auf einem Monitor Aufnahmen von grün gefärbten menschlichen Zellen an.

Bildlegende: Geheimsache Daten? Wissenschaft soll Wahrheiten liefern – doch das Rohmaterial zu Studien wird oft für Interessen missbraucht. Reuters

Stephan Lewandowsky ist ein gebranntes Kind. Der Psychologe von der University of Bristol führte 2012 zusammen mit Kollegen eine Studie über Blogs zum Klimawandel. Er kam zum Resultat, dass Blogger, die in Zweifel ziehen, dass der Klimawandel vom Menschen verursacht ist, auch zu Verschwörungstheorien neigen.

Das kam bei den Betroffenen schlecht an. Sie versuchten auf verschiedenen Wegen, die Publikation der Resultate zu verhindern. Und sie schrieben im Internet gegen die Studie und ihre Autoren an.

Publikation verhindert

Lewandowsky nahm das zum Anlass, genau diese Reaktionen auf seine erste Studie in einer zweiten Studie zu untersuchen. Und fand auch hier wieder Elemente von Verschwörungstheorien. Doch diese Studie wurde von der Fachzeitschrift «Frontiers in Psychology» zurückgezogen, nachdem ihr mit rechtlichen Schritten gedroht worden war.

Die Transparenz als Falle

Lewandowskys Gegner forderten von ihm nicht zuletzt mehr Transparenz. Sie erzwangen vor Gericht Einsicht in seine E-Mails. Zudem verlangten sie, dass er ihnen in sozialen Medien Red und Antwort steht, und beschuldigten ihn, Daten geheim zu halten.

Und so begann Lewandowsky zu zweifeln, ob Transparenz wirklich in jedem Fall gut ist - obwohl er eigentlich grundsätzlich für mehr Transparenz ist. Zum Beispiel könne die Forderung, alle Daten zu Studien offenzulegen, missbraucht werden.

Mit Transparenz-Forderung Zweifel säen

Die Tabakindustrie, so Lewandowsky, habe Jahrzehnte lang auf die Herausgabe von wissenschaftlichen Daten gepocht. Nur um diese dann nach ihrem Gusto neu auszuwerten – mit dem Resultat, dass Rauchen nicht zu Lungenkrebs führe. Denn schon mit minimalen statistischen Kenntnissen lasse sich aus Daten irgendetwas herauslesen, das halbwegs plausibel klinge – auch wenn es falsch sei.

Ein anderer Fall wurde unter dem Namen «Climategate» bekannt. Hacker veröffentlichten 2009 E-Mails von Klimaforschern und beschuldigten, darauf basierend, zum Beispiel den US-Forscher Michael Mann, unpassende Resultate vertuscht zu haben. Der Forscher wurde später entlastet.

Gleich lange Spiesse!

Was tun? Stephan Lewandowsky fordert gleich lange Spiesse für Forschende und deren Kritiker. Kritiker müssten genauso transparent vorgehen wie die Kritisierten, müssten ihre Forschungsvorhaben genauso im Voraus in Registern veröffentlichen, ihre Analysen überprüfen lassen und ihre Interessenkonflikte offenlegen.

Die Reaktionen auf den Appell im Fachmagazin «Nature» fielen gemischt aus: Es sei eine wichtige Warnung, fanden die einen; es sei ein Bärendienst an den unbedingt nötigen Transparenzbemühungen, fanden die anderen. Denn Lewandowskys Plädoyer kann natürlich auch dazu benutzt werden, Mauscheleien zu verheimlichen, die durchaus an die Öffentlichkeit gehörten.

Das Thema im Radio

Der Beitrag zu den Bemühungen um mehr Transparenz in der Wissenschaft ist am 19. Februar ab 18 Uhr im «Echo der Zeit» auf Radio SRF 1 und SRF 4 News zu hören.