Wir leben im Zeitalter des Menschen

Seit einiger Zeit geistert der Begriff Anthropozän durch Medien und Wissenschaft: das Zeitalter des Menschen. Der Name für unsere erdgeschichtliche Epoche ist noch nicht offiziell – doch Geologen debattieren ernsthaft darüber, ihn einzuführen.

Die künstliche Insel «Palm Island» wurde unter Leitung niederländischer Fachleute vor vor der Küste von Dubai errichtet.

Bildlegende: Eiland von Menschenhand: Die künstliche Insel «Palm Island» wurde unter Leitung niederländischer Fachleute vor der Küste von Dubai errichtet. Keystone

Etwa viereinhalb Milliarden Jahre ist sie alt, unsere Erde. Wer einen solch immensen Zeitraum überblicken müsste, der würde ihn sich auch einteilen in handlichere Abschnitte, wie es die Geologen tun. Leiten lassen sie sich dabei von der Lebensgeschichte des Planeten: von Eiszeiten, gewaltigen Meteoriteneinschlägen, der Faltung von Gebirgen.


Anthropozän

2:31 min, aus 100 Sekunden Wissen vom 11.02.2013

Die gegenwärtige Epoche des Holozän, zum Beispiel, hat vor 12'000 Jahren begonnen, als die Erde aus der Kältestarre der letzten Eiszeit aufgewacht ist und einem agilen Zweibeiner plötzlich optimale Entfaltungsmöglichkeiten bot. Dieser hat die Gelegenheit so erfolgreich beim Schopf gepackt, sich dermassen ausgebreitet und den Planeten geprägt, dass seine Nachfahren – also wir – nun darüber diskutieren, ob man eine neue Epoche einläuten müsste: das Anthropozän, das Zeitalter des Menschen.

Massiver Einfluss des Homo sapiens

Ursprünglich vorgeschlagen hat dies der Erdwissenschaftler und Nobelpreisträger Paul Crutzen im Jahr 2000. Der Mensch greife so stark ins Getriebe der Erde ein, dass wir es mit der prägenden Kraft von kosmischen Einschlägen oder Gebirgsfaltungen aufnehmen könnten. Ansetzen will Crutzen die Erdepoche des Anthropozäns im 19. Jahrhundert, als die Industrialisierung begann.

So oder ähnlich könnte die Erde während der letzten Eiszeit ausgesehen haben, wie die computergenerierte Visualisierung zeigt.

Bildlegende: Erde in der Kältestarre: So oder ähnlich könnte die Erde während der letzten Eiszeit ausgesehen haben (Computergenerierte Visualisierung). Ittiz / Wikipedia

Doch in der Wissenschaft kann niemand so schnell eine neue Erdepoche ausrufen – und sei er auch Nobelpreisträger. Denn die geologische Einteilung der Erdgeschichte ist für viele wissenschaftliche Disziplinen eine wichtige Referenz, die in allen Laboren und Studierstuben der Welt gleich gelten soll. Darum prüft nun die Internationale Union für Geowissenschaften, die IUGS, den Vorschlag sorgfältig.

Die geologische Zeitskala ist ein aufwendiges System, das dank der immer präziseren Kenntnis der Erdgeschichte fortlaufend verfeinert wird. Vor dem bereits erwähnten Holozän durchlief der Planet das Pleistozän: eine Epoche des Wechsels zwischen warm und eisig kalt, 2,5 Millionen Jahre lang. Bekannt ist auch der Abschnitt der Kreidezeit, der vor 145 Millionen Jahren begann – aber eher wegen seines abrupten Endes vor 65 Millionen Jahren, als ein mächtiger Meteorit auf die Erde nieder rauschte und der Einschlag den Dinosauriern vermutlich den Garaus machte.

Ein Planet in ständigem Umbruch

Diese Katastrophe hat sich ins steinerne Geschichtsbuch der Erde eingeschrieben. Auf dem Meeresgrund lagern sich Sedimente ab; sie bestehen etwa aus Muscheln oder Kleinstlebewesen, die aus der Wassersäule nach unten rieseln, oder aus Stoffen, die Wind und Wetter von Gebirgsfelsen abnagen, Flüsse ins Meer transportieren, wo sie sich schliesslich am Boden ablagern. Je nachdem, was auf der Erde gerade so los ist an Gebirgsbildungen, Vulkanausbrüchen oder Verschiebungen von Kontinenten werden unterschiedliche Sedimente abgelagert, bilden sich andere Gesteine, Schicht für Schicht, wie bei einer Schwarzwälder Kirschtorte.

Unser Planet formte sich über unvorstellbare Zeitraum – bis ins heutige Holzän, wie die grafische Zeitspirale der Erdgeschichte zeigt.

Bildlegende: Zeitspirale der Erdgeschichte: Unser Planet formte sich über unvorstellbare Zeitraum – bis ins heutige Holozän. United States Geological Survey / Wikipedia

Diese Schichten erzählen den Geologen, was in der Vergangenheit auf der Erde vorgegangen ist. Der Meteorit, dessen Kollision mit der Erde vermutlich zum Aussterben der Dinosaurier führte, enthielt eine grosse Menge des Elements Iridium. Dieses Metall lagerte sich nach dem Aufprall in den Sedimenten ab und kündet 65 Millionen Jahre später noch immer von diesem epochalen Ereignis. In den Gesteinen, die über dieser Iridium-reichen Schicht abgelagert wurden, finden die Geologen keine Knochen von Dinosauriern mehr – weil diese vom Antlitz der Erde verschwanden. Es sind solche Spuren in den Gesteinen, die die Geologen nutzen, um sich ein Bild von der Erde zu verschiedenen Zeiten zu machen und um die Erdepochen wie Kreidezeit oder Holozän zu definieren.

Geologische Spuren in die Erde geprägt

Ob es in nächster Zeit tatsächlich zum Epochenwechsel kommt, und wir fortan im Anthropozän leben, wie es der Erdwissenschaftler Crutzen vorschlägt, das müssen zahlreiche Komitees und Subkomitees der Geologenvereinigung IUGS nun entscheiden. Wie lange das Verfahren dauern wird, kann niemand sagen. Eingeweihte sprechen von geologischen Zeiträumen. Klar ist aber jetzt schon: Unser Einfluss ist tatsächlich umwälzend, wie schon wenige Beispiele zeigen. Dreiviertel des Festlandes hat der Mensch umgestaltet durch Bauten und Landwirtschaft. Dies wiederum hat die natürliche Erosion verzehnfacht, und das Anthropozän wird dies in den Sedimentschichten deutlich kennzeichnen.

Gigantische Bagger und Lastwagen in einer Kohlemine in der Mongolei.

Bildlegende: Gigantische Kohlemine in der Mongolei: Kohleverbrennung verändert die Landschaft, das Klima – und die Meere. Und damit langfristig auch die Geologie der Erde. Keystone

Oder unsere Liebe zu Öl und Kohle: Sie hat den CO2-Gehalt der Atmosphäre auf ein Niveau gebracht, das es seit mindestens 800'000 Jahren nicht gegeben hat. Auch dies werden zukünftige Geologen in Tausenden von Jahren aus den Gesteinen lesen können. Allerdings könnten wichtige Beweisstücke für unseren intensiven Gebrauch fossiler Brennstoffe dank einer Ironie der Chemie aus dem steinernen Geschichtsbuch getilgt werden. Das CO2 aus der Verbrennung gelangt nicht nur in die Atmosphäre, sondern in grossen Mengen auch ins Meer, wo es zur Übersäuerung führt. Diese Säure löst die Kalkschichten jener Muscheln, Korallen und anderer kalkhaltigen Meerestiere auf, die nach ihrem Tod nach unten rieseln: Das Sediment unserer Epoche verschwindet wieder, bevor es von späteren Schichten bedeckt und versteinert werden könnte.

Neue Debatte um die Rolle des Menschen

Wann und wie auch immer die IUGS entscheidet: Paul Crutzens Vorschlag hat in der Wissenschaft und darüber hinaus eine lebhafte Debatte ausgelöst darüber, wie der Mensch die Erde beeinflusst. Ein Ausdruck davon ist eine grosse Ausstellung zum Anthropozän, die 2014 in Berlin im Deutschen Museum stattfinden soll. Erste Anlässe zur Vorbereitung haben im Januar bereits stattgefunden. Nicht nur Wissenschaftler sind zum Mitdenken aufgerufen, sondern die ganze Gesellschaft – man wird noch viel hören vom Anthropozän.