Ob Kälbchen oder Kätzchen: Hirschkuh eilt zu Hilfe

Ein Experiment in der kanadischen Prärie zeigt: Wenn Hirschweibchen Hilferufe von Säugetier-Jungen hören, kommen sie, um zu helfen – auch wenn das Kleine nicht zur gleichen Art gehört. Warum? Der Grund sind womöglich uralte neuronale Mechanismen, die sich über Millionen von Jahren gehalten haben.

Susan Lingle und einen Kollegen in der kanadischen Prärie beim Erspähen der wildlebenden Hirschweibchen

Bildlegende: Susan Lingle und ein Kollege in der kanadischen Prärie beim Erspähen der wildlebenden Hirschweibchen Cam Goater

Das Video zeigt die Weiten der kanadischen Prärie; hügeliges Weideland, das sich bis zum Horizont erstreckt. Eine Hirschkuh äst friedlich im hohen Gras, als plötzlich von weit her ein jämmerliches Quäken ertönt. Sofort hebt die Hirschkuh den Kopf. Ihr Kälbchen ist in Gefahr. Möglicherweise wird es von einem Koyoten bedroht. Es geht um Leben und Tod. Mit grossen Sprüngen hechtet sie über das Weideland, bereit zum Kampf. Ihr Fell ist gesträubt, ihre Ohren stehen rechtwinkling vom Kopf ab. Als sie sich der Geräuschquelle nähert, stösst sie Grunzlaute aus, ein Kontaktruf, der dem Kalb signalisiert: Mama ist da.

Doch ein Koyote ist diesmal nicht in Sicht – nur ein Lautsprecher, den die Biologin Susan Lingle von der Universität von Winnipeg und ihr Team im Gras versteckt haben. Und die kläglichen Laute, die die Forscher über einen iPod abspielen, stammen auch nicht von einem Hirschkalb, sondern von einem Seebärenkind. Oder von einem Murmeltier, einem Baby, einem Zicklein oder einer kleinen Katze. «Auf die Seebären- und Katzenrufe haben die Hirschmütter besonders stark reagiert», sagt Susan Lingle.

Ähnliche Laute – gleiche Reaktion

Ein Maultierhirschkalb in der kanadischen Prärie.

Bildlegende: Forschungsobjekt: Ein Maultierhirschkalb in der kanadischen Prärie. Peter Neuhaus

Dass sich die Hilferufe von Säugetierkindern ähneln, ist lange bekannt. Doch Lingles Experimente in der kanadischen Prärie haben jetzt gezeigt, dass sie bei erwachsenen Säugetierweibchen offenbar auch das gleiche Verhalten auslösen. Sowohl den Rufen als auch der Reaktion darauf liegen neuronale Mechanismen zugrunde, die sich seit Millionen von Jahren im Gehirn von verschiedenen Säugetieren gehalten haben, vermuten die Forscher. Die Studie erscheint in der Oktoberausgabe des Fachmagazins American Naturalist.

«Hilferufe von Säugetierjungen sind sehr einfache, getaktete Laute in einer bestimmten Tonhöhe», sagt Lingle. Das ängstliche Quäken eines Säuglings, die Rufe eines Hirschkalbs, eines kleinen Seebären oder eines Zickleins klingen fast gleich. Andere Hilferufe sind von der Anmutung her ähnlich, hören sich aber höher oder tiefer an – zum Beispiel die Rufe von jungen Murmeltieren oder Antilopen.

Für ihre Experimente hatten die Forscher solche Rufe in der Tonhöhe angepasst. Für die Hirschmütter klangen all diese Laute nach einem Kälbchen in Not – sie stürzten los. Andere Laute, die die Forscher zur Kontrolle eingespielt hatten – das Bellen eines Koyoten, Vogelgesänge – liessen die Tiere dagegen kalt.

Uralte neuronale Mechanismen

Aus evolutionärer Sicht ergebe das Verhalten sogar Sinn, sagt Biologin Lingle: «Für das Hirschweibchen ist es am wichtigsten, ihrem Kalb im Notfall so schnell wie möglich zur Hilfe zu eilen.» Ob die Laute tatsächlich vom eigenen Kalb stammen, sei im Zweifelsfall zweitrangig. Doch die Ergebnisse offenbaren noch mehr. Der Neurobiologe Paul Faure von der MacMaster Universität in Hamilton sagt: «Der neuronale Schaltkreis im Gehirn – vom Wahrnehmen des Rufs bis hin zur Reaktion darauf – scheint bei allen Säugetieren ähnlichen zu funktionieren.» Womöglich handele es sich um uralte, noch nicht näher bekannte Mechanismen, die sich im Stammbaum der Säugetiere gehalten haben – obwohl sich die Arten teilweise schon vor mehr als 90 Millionen Jahren auseinander entwickelt haben.


Jungtierrufe

5:26 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 27.09.2014

Susan Lingle geht davon aus, dass andere Säugetiere ähnlich fürsorglich auf artfremde Hilferufe reagieren. Möglicherweise liesse sich damit auch die ein oder andere Anekdote aus dem Tierreich erklären, die Biologen schnell als abweichendes Verhalten abtun. In Kenia etwa adoptiert eine Löwin seit Jahren immer wieder Antilopenkitze. Und in Indien geriet ein Elefant in die Schlagzeilen: Nachdem er ein ganzes Dorf niedergetrampelt hatte, hörte er unter den Trümmern ein Baby wimmern. «Da hielt er inne und legte mit seinem Rüssel ganz vorsichtig die Wiege frei», erzählt Lingle.

Und auch bei uns Menschen zieht sich der Magen zusammen, wenn wir ein Tierkind schreien hören – was gern damit erklärt wird, dass wir seit Jahrtausenden mit Tieren zusammenleben. Und dass wir zu komplexen Emotionen wie Mitleid fähig sind. Doch höchstwahrscheinlich sind wir Menschen einfach nur denselben evolutionären Mechanismen unterworfen wie alle anderen Säugetiere auch.