Erfolgreiche Herdenschutzhunde – und das Leid der Wanderer

Die Zahl der Wölfe in den Alpen steigt. Rund 20 Tiere sind es zurzeit. Der Schutz von Schafherden wird damit immer wichtiger. Diesen Sommer waren rund 200 Schutzhunde auf den Schweizer Schafalpen im Einsatz – sehr erfolgreich. Das Problem: Sie vertreiben nicht nur Raubtiere, sondern auch Wanderer.

Ein Herdenschutzhund vor einer Schafherde.

Bildlegende: Er trägt die Verantwortung: Die Hunde verteidigen ihre Schaf-Herde vehement gegen Eindringlinge. Das bekommen auch Wanderer zu spüren. Keystone

In Frankreich und Italien werden sie schon seit Jahrhunderten als Schutzhunde gegen Wölfe, Bären und andere Raubtiere eingesetzt: der «Chien de Montagne des Pyrenées» (Patou) in den Pyrenäen und der «Cane da Pastore Maremmano-Abruzzese» in den italienischen Abruzzen. Je rund 100 Hunde dieser beiden Rassen schützten in diesem Sommer Schafherden in der Schweiz. Mit grossem Erfolg. Dort wo diese Hunde im Einsatz waren, sank die Zahl der Schafrisse praktisch auf null.

Hunde mit ganz besonderem Charakter

Die Herdenschutzhunde haben Eigenheiten, die sie von anderen Hunderassen klar unterscheiden. Wenn sie schon als Welpen zusammen mit Schafen gehalten werden, entwickeln sie eine enge Bindung zu ihrer Schaf-Familie. Niemals würden sie Schafe aus ihrer Gruppe angreifen. Im Gegenteil, der Berner Schafhirt Paul Bähler hat eine verblüffende Beobachtung gemacht: «Einmal kam einer der Hunde mit einer blutigen Schnauze zu uns. Wir erschraken und dachten an das Schlimmste, dass er ein Schaf getötet haben könnte. Doch dann entdeckten wir ein neugeborenes Lamm. Der Hund hatte sich offensichtlich irgendwie als Geburtshelfer betätigt».

Für Ueli Pfister, Präsident des Vereins Herdenschutzhunde Schweiz und Züchter von Maremmano-Hunden, zeichnen sich die Tiere durch eine aussergewöhnliche Sensibilität aus: «Sie sind zu 200 Prozent Hund. Sie können eine hundertprozentige Bindung zu den Schafen eingehen und gleichzeitig eine zu 100 Prozent verlässliche Bindung zu ihren Haltern.» Von ihren Bezugspersonen lassen sich die Hunde gern liebkosen, gehen aber, wenn sie genug haben, zurück zu ihrer Schaf-Familie.

Ein weisser Welpe zwischen weissen Schafen im Stall.

Bildlegende: Hund oder Schaf? Der Welpe wurde im Stall geboren und lernt, dass er zu den Schafen gehört. Der Kontakt zu Menschen ist dennoch wichtig. SRF

Zur Sensibilität der Hunde gehört, dass sie immer aufmerksam darauf achten, was um die Herde herum passiert. Unbekannte Eindringlinge – Tiere oder Menschen – halten sie auf Distanz, mit furchterregendem Gebell und Zähnefletschen. Aber sie attackieren praktisch nie, sie drohen nur. Viele Wanderer nehmen das allerdings anders war und klagen, sie seien attackiert worden.

Verhaltensregeln beachten

Schafhirt Paul Bähler musste sich diesen Sommer von Berggängern einiges anhören: «Es kamen Leute mit Tränen in den Augen und beschimpften uns wegen der beiden bellenden Schutzhunde. Dabei haben die Leute meist die Informationstafel nicht gelesen und sich dann den Hunden gegenüber völlig falsch verhalten», erzählt er.

Mit der Rückkehr der Wölfe in den Alpen und den dadurch nötigen Herdenschutzhunden müssen Berggänger umdenken und sich anders verhalten: Die Schutzhunde verteidigen das Territorium ihrer Herde konsequent und mit Nachdruck. Trotzdem auf die Herde zuzugehen, ist daher eine schlechte Idee. Besser ist es, die Herde weiträumig zu umgehen, Provokationen mit Stöcken oder Ähnlichem zu unterlassen und vielleicht sogar eine andere Route zu wählen, empfiehlt der Verein für Herdenschutz. An diese kleinen Einschränkungen ihrer Freiheit werden sich die Wanderer gewöhnen müssen.

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