Fischer müssen ihren Beifang abliefern

Ab kommendem Jahr dürfen europäische Fischer ihren Beifang nicht mehr einfach zurück ins Meer werfen, sondern müssen ihn an Land bringen. Dadurch haben sie weniger Platz für verkaufsfähige Fische an Bord und sollen so zu weniger Beifang umerzogen werden. Ob das funktioniert, ist fraglich.

Ein Fischer zieht ein riesiges Netz mit Garnelen auf seinen Kutter.

Bildlegende: Problem Beifang: Bei der traditionellen Garnelenfischerei landen auch viele Jungfische im Netz. Keystone

Den Grundschleppnetzen der grossen Fischtrawler entkommt niemand. Wie ein gigantischer Pflug werden sie über den Meeresboden gezogen und sammeln alles ein, was sich im Sand oder zwischen den Algen versteckt: Krebse, Garnelen, Seesterne, Fische und anderes Meeresgetier. Vieles davon können die Fischer gar nicht verkaufen. «Sie haben keine Quote dafür oder die Fische sind noch so jung, dass sie die vorgeschriebenen Mindestanlandegrössen nicht erfüllen, sagt Mike Heath, Professor für Fischereiwissenschaften an der Strathclyde Universität in Glasgow.

Bis zu 40 Prozent der Fische landen deshalb wieder im Meer. Nach Schätzungen der EU sind es jedes Jahr rund zwei Millionen Tonnen – die meisten Fische überleben diese Prozedur nicht.

Erziehungsmassnahmen für Fischer

Ab 2015 soll der Beifang nun schrittweise an Land gebracht werden, so will es die neue Fischereireform, die seit Januar 2014 in Kraft ist. Dort soll er zu Forschungszwecken dokumentiert und – wenn möglich – verwertet werden.

Das eigentliche Ziel ist aber, den Beifang auf ein so kleines Minimum wie möglich zu reduzieren. Das Verbot, ihn in Zukunft über Bord zu kippen, bedeutet für die Fischer mehr Bürokratie und weniger Ladekapazität für die Fische, die sie eigentlich verkaufen wollen. Ausserdem soll der Beifang auf ihre Quote angerechnet werden.

Gratis-Futter vom Fischkutter

Das Verbot, den Beifang ins Meer zu werfen, werde den Fischbeständen aber wenig bringen, warnt Mike Heath im Fachmagazin «Nature Communications». «Es wird sich eher nachteilig auf das gesamte Ökosystem auswirken», sagt der Fischereiexperte. Er und sein Team haben das mithilfe eines komplexen Computermodells genau berechnet – am Beispiel der Nordsee. Dort gibt es eine Menge Tiere, die sich auf das Gratis-Futter vom Kutter eingestellt haben.

Möwen fliegen einem Fischkutter hinterher.

Bildlegende: Gratis-Futter: Möwen wissen genau, dass bei Fischkuttern leichte Beute wartet. Reuters

Die ersten Nutzniesser sind die Seevögel, die die Trawler auf hoher See belauern, aber auch Säuger wie Seehunde und Schweinswale tun sich an dem Beifang gütlich. Was sie nicht schon an der Wasseroberfläche wegschnappen, sinkt zu Boden und wird zum Festmahl für Krebse, Seesterne und Fische. Den letzten Rest zersetzen die Bakterien.

«Die Nährstoffe werden im gesamten Nahrungsnetz verwertet», sagt Mike Heath. Wenn weiter gefischt würde wie bisher, der Beifang aber an Land gebracht werde, würden dem marinen Ökosystem deutlich mehr Nährstoffe entzogen. Dies läuft der Idee, die Fischerei nachhaltiger zu machen, zuwider. Nur wenn die Fischer den unerwünschten Beifang gar nicht erst aus dem Wasser zögen, würden alle profitieren: «Die Fischpopulationen, die anderen Lebewesen im Nahrungsnetz und nicht zuletzt die Fischer selbst», sagt Mike Heath weiter.

Tiere müssen sich umstellen

Mit den neuen Beifang-Regeln werden sich einige Tiere neue Futterquellen suchen müssen. Der Fischereibiologe Rainer Froese vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel sieht darin kein grosses Problem. Im Gegenteil: Durch die Gratishappen haben sich einige Arten, etwa die Raubmöwen, unnatürlich stark vermehrt. Solche menschengemachten Verzerrungen werden dann zwar aufgehoben. Doch das Grundproblem bleibt: Die Fischbestände werden sich auf diese Weise nicht erholen.

Alle würden profitieren

Wenn die Fischer allerdings von vornherein gezielter fischen, würden sie eine positive Kaskade in Gang setzen: Die Jungfische bleiben im Meer, wachsen und vermehren sich und die Fischbestände erholen sich schneller, wie die Berechnungen der Forscher aus Glasgow ergeben haben. Langfristig gäbe es nicht nur mehr Futter für die Meeresräuber, sondern auch mehr ausgewachsene, marktfähige Fische für die Fischereiindustrie.

«Mit dem Einsatz von Grundschleppnetzen muss endlich Schluss sein», fordert deshalb auch Rainer Froese aus Kiel. Es gebe heute schon bessere Fangmethoden: mit Fallen etwa oder mit hakenbesetzten Leinen, die mit speziellen Ködern für spezielle Fischarten bestückt werden. Solche Methoden versprechen auch eine höhere Qualität als die Schleppnetze: «Die Fische werden nicht mehr stundenlang im Netzbeutel über den Meeresboden gezerrt.»

Ein neuer Markt für Jungfische?

Die EU will den Fischern neue Netze und Fangtechniken mitfinanzieren. Sie hat eigens einen Fonds dafür aufgelegt. Rainer Froese fürchtet, dass die Fischer trotzdem weitermachen könnten wie bisher – weil sie mit dem Beifang möglicherweise ein viel grösseres Geschäft machen könnten. Aus Jungfischen wird nämlich Fischmehl hergestellt, Futter für Lachse oder Forellen, die in Aquafarmen herangezogen werden.

«Eine Tonne Fischmehl kostet um die 1000 Dollar», sagt der Fischereibiologe, «von daher gibt es wirklich einen Markt, um den Beifang weiter zu verkaufen.» Ein Markt für Jungfische, sagt Froese, wäre genau das Gegenteil von dem, was die EU eigentlich erreichen wollte.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Fischfang und Beifang

    Fischerei-Beifang in der EU

    Aus Wissenschaftsmagazin vom 14.6.2014

    Mit Schleppnetzen pflügen die Fischer durch den Ozean und werfen danach fast die Hälfte der gefangen Tiere wieder über Bord. Die Europäische Union will dem jetzt einen Riegel vorschieben: Fischer müssen ihren Beifang künftig an Land bringen.

    Sie haben dann aber weniger Ladekapazität für die Fische, die sie eigentlich verkaufen wollen - und sollen so umerzogen werden, hin zu gezielteren Fangmethoden.

    Eine Studie in Fachblatt Nature erhebt Kritik an der neuen Regelung.

    Marieke Degen