Wo der Wolf zum Hund wurde

Die ersten Hunde wurden von Jägern und Sammlern domestiziert, und zwar in Europa. Zu diesem Schluss kommen Forscher, die alte Hundeknochen genetisch untersucht haben. Doch die Diskussion um den Ursprung des Hundes ist damit noch nicht beendet.

Ein Hund bringt seinem Herrchen auf Boden mit Laub einen Stock.

Bildlegende: Hund und Herrchen: Wo hat sie begonnen, diese Beziehung? Keystone

«Man kann auch ohne Hund leben, aber es lohnt sich nicht» soll der deutsche Schauspieler Heinz Rühmann einmal gesagt haben. Für viele Menschen ist ein Hund der Inbegriff von bedingungsloser Liebe und Hingabe. Andere haben eher Respekt oder gar Angst vor Hunden. Klar ist: Der Hund begleitet den Menschen schon seit Jahrtausenden.

Wo aber wurden aus wilden Wölfe zahmen Hunde? Diese Frage beschäftigt die Forscherwelt schon seit längerem. Eine neue Studie im Fachmagazin «Science» spricht nun dafür, dass es vermutlich Jäger und Sammler in Europa waren, die sich als erste mit dem Tier anfreundeten.

Uralte Hundeknochen

Olaf Thalmann von der Universität Turku in Finnland und seine Kollegen haben Knochen von 8 Ur-Hunden und 10 Ur-Wölfen untersucht. Es sind Fundstücke aus Museen, die nun erstmals mit genetischen Methoden analysiert wurden.

Ein unterkiefer eines Hundes vor schwarzem Hintergrund.

Bildlegende: Kräftige Zähne: Unterkiefer eines Ur-Hundes aus Deutschland. LVR-Landesmuseum Bonn/J. Vogel

Die Forscher extrahierten DNA-Schnipsel aus diesen Knochen und verglichen diese mit der DNA von modernen Hunden, Wölfen und Kojoten aus verschiedenen Erdteilen. Demnach stammen alle heute lebenden Hunde von europäischen Vorfahren ab. Eine Beziehung zu modernen Wölfen sei hingegen nur entfernt vorhanden.

«Ich war verblüfft, wie deutlich herauskam, dass die heute lebenden Hunde alle auf gemeinsame Stammbäume zurückgehen», sagt Thalmann. Er und seine Kollegen haben auch den Zeitpunkt der Domestizierung untersucht. Sie begann demnach vor etwa 19'000 bis 32'000 Jahren, als Europa von Jägern und Sammlern bevölkert war. «Vermutlich folgten die Wölfe den jagenden Menschen auf der Suche nach Aas und Nahrungsresten, und gaben so den Anstoss zum späteren Zusammenleben», schreibt das Team um Thalmann in seiner Publikation. Die Forscher widersprechen damit der Hypothese, dass erst die Landwirtschaft sesshafter Bauern zur Domestizierung führte.

Europa oder China?

Greger Larson von der Durham Universität in England forscht seit vielen Jahren daran, wo Hunde herkommen. Er findet die neue Studie sehr interessant, nicht nur, weil sie etwas über die Hunde aussagt: «Hunde waren die ersten Haustiere des Menschen. Je mehr wir über sie erfahren, desto mehr lernen wir auch über die Domestizierung von anderen Tieren und auch Pflanzen.»

Olaf Thalmann mit zwei Hunden auf einem Feld.

Bildlegende: Forschender Hundefreund: Olaf Thalmann studiert den Ursprung der Hunde. Doreen Schwochow-Thalmann

Das sieht auch Olaf Thalmann so. Seine neue Studie ist allerdings nicht unumstritten. Peter Savolainen vom Royal Institute of Technology in Stockholm zum Beispiel ist davon nicht überzeugt. Er propagiert schon seit Jahren, dass der Hund aus Südchina stamme. An Thalmanns Studie bemängelt er, dass ausgerechnet aus Südchina keine Fossilien untersucht wurden. Der Forscher arbeitet zur Zeit ebenfalls an einer neuen Studie, die seine These weiter stützen soll.

Ob China oder Europa: Das müsse kein Gegensatz sein, meint Greger Larson. Vielleicht sei der Hund gleichzeitig in verschiedenen Weltgegenden domestiziert worden. Die Sache ist also noch nicht ganz entschieden, aber zumindest eine Wiege des Hundes liegt in Europa.

Der Beitrag im Radio: Samstag, 16.11. um 12:35 auf SRF 2 Kultur