«Im schlimmsten Fall ist alles verloren»

Für Stephan Ulamec ist dieser Mittwoch einer der wichtigsten Tage seines Lebens. Auf sein Kommando hin wird die Raumsonde Rosetta ihr Mini-Labor Philae abkoppeln, damit es auf dem Kometen 67/P landen kann. Für alles weitere brauche es nun Glück, erzählt Projektleiter Ulamec im Interview.

Foto aus dem Hauptkontrollraum der Esa in Darmstadt

Bildlegende: Hier erfolgt das «Go» für den Abwurf: Im Hauptkontrollraum der Esa in Darmstadt werden die Esa-Techniker und Wissenschaftler die Abkoppelung verfolgen. Reuters

SRF: Herr Ulamec, Sie werden am Mittwoch das Kommando geben, dass Rosetta den Lander Philae abkoppeln und ins All schubsen soll – wie lange schon fiebern Sie auf diesen Moment hin?

Stephan Ulamec: Seit 20 Jahren arbeite ich am Philae-Projekt, aber am aufregendsten werden die letzten Sekunden vor dem Aufsetzen sein. Da wird sich zeigen, ob wir das Quäntchen Glück haben, das wir sicher brauchen, damit die Landung klappt. Oder ob im schlimmsten Fall alles verloren ist.

Was kann schief gehen?

Dass die Landung nicht klappt. Beim Landegebiet haben wir eine Ungenauigkeit von etwa einem Quadratkilometer, wo Philae aufsetzen kann. Wenn wir Pech haben, ist gerade dort irgendein grosser Felsbrocken oder ein Kliff, und Philae kippt bei der Landung um. Wenn dann noch die Antennen nach unten zum Boden zeigen, kann der Lander nicht mehr kommunizieren. Das wäre dann das Ende der Mission.

Was erwartet denn den Lander, wenn er auf dem Kometen auftrifft?

Das ist genau der Punkt: Wir wissen es nicht. Wir haben natürlich hochaufgelöste Bilder, da sieht der Komet eher staubig als eisig aus. Aber ob die Oberfläche tatsächlich hart oder weich ist, wissen wir erst, wenn wir dort sind. Das macht es so spannend.

Der Lander selbst soll helfen, die Eigenschaften des Kometen zu erforschen. Wann beginnen die wissenschaftlichen Experimente?

Einige Experimente sind schon während des Anflugs in Betrieb. Eine Kamera schiesst Bilder vom Landegebiet. Ein Magnetometer und ein Radarinstrument laufen auch schon. Aber die Hauptmessungen beginnen so schnell wie möglich nach der Landung.

Grafik mit der Beschreibung aller 10 wissenschaftlichen Instrumente auf dem Rosetta-Landemodul Philae

Bildlegende: Die 10 Instrumente auf dem Lander Philae: Kameras machen Fotos, ein Radar erforscht den Kometen-Kern, Bohrungen liefern Daten über die chemische Zusammensetzung. SRF

Was machen die Instrumente genau?

Als erstes wird die Panorama-Kamera ein Bild machen und es zur Erde übertragen. Das ist wissenschaftlich interessant, aber es ist auch wichtig, um überhaupt zu wissen, wie wir gelandet sind. Steht der Lander aufrecht? Wie ist das Terrain drum herum? Dann beginnen wir sehr schnell mit dem Radar-Experiment. Wir durchleuchten den Kometen-Kern und bekommen so Daten von seinem inneren Aufbau. Wir machen auch Messungen über die physikalischen Eigenschaften: Die Harpune zum Beispiel die bei der Landung in den Kometen geschossen wird, enthält Beschleunigungssensoren, mit denen man die Härte des Kometen messen kann. Etwa acht bis zehn Stunden später beginnt die etwas kompliziertere Phase. Da werden wir dann bohren und Bodenproben nehmen.

Das klingt, als sollten so schnell wie möglich wissenschaftliche Resultate erzielt werden. Ist das so, weil man nicht weiss, wie lange Philae überhaupt operieren kann?

Ja, deshalb haben wir zwei wissenschaftliche Phasen nach der Landung. Für die erste nutzen wir die Energie, die wir auf einer grossen Primärbatterie mithaben – ungefähr eine Kilowattstunde. Damit können wir jedes der zehn Experiment einmal betreiben. Diese Phase ist sehr gepackt und dauert etwa zweieinhalb Tage. Danach beginnt die langfristige Wissenschaft. Dafür haben wir den Solargenerator und eine wieder aufladbare Batterie. Es dauert ein paar Tage, um die Batterie für ein Experiment aufzuladen. Dann müssen wir wieder ein paar Tage warten, um ein anderes Experiment zu betreiben und so weiter.

Wie lange kann Philae so arbeiten?

Das können wir erst sagen, wenn wir wissen, wie gut die Beleuchtung ist und wieviel Staub von dem Kometen zurückfällt, auch auf die Solarzellen. Entweder staubt Philae ein, dann geht die Energie aus. Oder – und das wäre schön für uns – er lebt so lange, dass die Überhitzung das Problem wird, wenn wir im März/April so nahe an der Sonne sind. Wenn wir bis dahin Daten sammeln können, sind wir alle sehr glücklich.

Grafik der Landung von Philae auf dem Kometen Churuyumov-Gerasimenko.

Bildlegende: Der Countdown läuft: Am Mittwoch soll Philae auf dem Kometen Tschurjumow-Gerassimenko 67/P aufsetzen. Eine Mission voller Ungewissheiten. Esa

Sie sind der Mann, der nächsten Mittwoch entscheidet, ob Rosetta den Lander abkoppelt. Der die Go- oder No-Go-Entscheidung trifft. Warum könnte es zu einem No-Go kommen?

Zum Beispiel wenn unsere Kommandosequenz – also der genaue Zeitplan der Mission, die wir hochgeladen haben – korrumpiert ist. Oder wenn im letzten Moment der Computer abstürzt, weil ein geladenes Teilchen ihn zerschiesst. Wenn der Lander nicht so funktioniert, wie wir uns das erhoffen, dann würden wir ein No-Go geben.

Und dann gäbe es noch eine zweite Chance?

So ein No-Go wäre zwar unangenehm, weil wir wahrscheinlich zwei Wochen brauchen, um wieder auf eine passende Bahn zu kommen und einen zweiten Versuch zu starten. Aber das ist allemal besser als ein hohes Risiko einzugehen. Rosetta würde dann weiterfliegen, ohne den Lander abzutrennen, wieder in den Kreisorbit gehen und dann kann man einen zweiten Versuch starten.

Wann ist der Moment, an dem Sie endlich jubeln können?

Wenn wir wissen: Der Lander sitzt auf dem Kometen und er sendet Daten – also er spricht mit uns. Wenn man Messdaten bekommt, geht das in der Regel auch in die andere Richtung. Das heisst, wir können kommandieren. Dann knallen die Korken.

Zur Person

Porträt von Stephan Ulamec

Stephan Ulamec ist Projektleiter für Philae beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln. Der Geophysiker hat den Bau von Philae von Beginn an begleitet.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Mit «Rosetta» dem Ursprung des Lebens auf der Spur

    Aus Einstein vom 30.10.2014

    Die Berner Physikerin Kathrin Altwegg ist begeistert: Die Messgeräte der Uni Bern auf der Kometen-Sonde «Rosetta» übertreffen alle Erwartungen. Die Messdaten aus dem Schweif des Kometen «Chury» zeigen, welche chemischen Verbindungen in unserem Sonnensystem schon vorhanden waren, als die Erde vor gut vier Milliarden entstand. Es waren die Grundbausteine bei der Entwicklung des irdischen Lebens.

  • Schweizer Hightech-Kameras für den Weltraum

    Aus Einstein vom 30.10.2014

    Wenn Anfang November erstmals ein Landegerät auf einem Kometen aufsetzt, herrscht in Neuenburg Hochspannung. Der Lander der Mission «Rosetta» ist mit sieben Kameras ausgerüstet, die vom Neuenburger Jean-Luc Josset und einem europäisch-schweizerischen Team entwickelt wurden. Diese Spezialkameras sollen Panoramabilder vom Kometen liefern.