Smartphones im Feuerwehr-Einsatz

Unser Alltag ist gespickt mit Elektronik; bestes Beispiel ist unser Smartphone. Doch oft fehlen schlaue Anwendungen, um sie zu nutzen. Zwei Doktoranden des Wearable Computing Lab in Zürich wollen das ändern. Ihr Versuchskaninchen: die Feuerwehr. Doch die kann nur brauchen, was einfach ist.

Ein Feuerwehrmann steht auf der Feuerwehrleiter vor einem Fenster im oberen Stockwerk eines Hauses, aus dem Rauch dringt.

Bildlegende: Rauch ist das grösste Problem: Ob im Einsatz oder bei der Nachbesprechung: Wearables können helfen, die Arbeit der Feuerwehr sicherer zu machen. Jan Bauke

Der Feuerwehrmann der Zukunft wird mit der Alarm-App aus dem Schlaf gerissen: Grossbrand! Sofort schlüpft er in seinen Schutzanzug und die feuerfesten Stiefel, in denen ein Beschleunigungssensor steckt. Schnell zieht er das Smartphone aus der Ladestation und steckt es in seinen Anzug. Dann geht es los zum Einsatzort.

Derweil hat der Einsatzleiter über eine App bereits alle wichtigen Informationen auf sein Smartphone gespielt bekommen. Am Brandort angekommen kann er dank der Beschleunigungssensoren über einen Monitor jeden seiner Männer auch bei dichtestem Rauch lokalisieren und per Funk notfalls in die richtige Richtung lotsen. Nach dem Einsatz geht es zur Nachbesprechung. Die Smartphone-Aufzeichnungen geben einen detaillierten und objektiven Überblick: Welches Team war zu langsam? Woran lag es?

Das Smartphone zeigt: Kühlen Kopf behalten ist besser

Feuerwehr-Hauptmann Jan Bauke beim Einsatz.

Bildlegende: Feuerwehr-Hauptmann Jan Bauke beim Einsatz. Jan Bauke

So fern ist diese Zukunft nicht. Dafür sorgen unter anderem die Forscher des Wearable Computing Lab der ETH Zürich. Hier wird an Elektronik geforscht, die wir direkt an oder bei uns tragen und die uns das Leben vereinfachen sollen. Der Computeringenieur Sebastian Feese hat im Rahmen seiner Doktorarbeit den Einsatz von Smartphones bei Bränden bereits mit der Feuerwehr Zürich Nord ausprobiert.

76 Feuerwehrleute trugen für ihn im letzten Dezember bei mehreren Lösch-Einsätzen ein Smartphone an sich – in wechselnden Teams, von denen Feese genau aufzeichnen konnte, wieviel sie sprachen, sich bewegten oder in welcher Höhe des Gebäudes sie sich befanden. Damit konnte er Feuerwehrhauptmann Jan Bauke erstmals objektive Daten für die Einsatz-Nachbesprechung zur Verfügung stellen. «Wir konnten bei der nachträglichen Auswertung der Smartphone-Daten beispielsweise genau sehen, dass Teams, die sich vor dem Einsatz kurz absprachen, schneller waren, als Teams, die sich erst im Einsatz unter schwierigeren Bedingungen besprachen», sagt Jan Bauke, Chef der Berufsfeuerwehr Nord. «So etwas sehen wir ja in all dem Rauch sonst nicht».

Wer also vor dem brennenden Gebäude einen kühlen Kopf behält, ist im Endeffekt schneller als der, der sofort ins brennende Gebäude rennt. Das ist eine der Erkenntnisse, die Bauke aus dem Projekt gezogen hat. Und dass die Daten oft ganz andere Ergebnisse liefern, als das subjektive Erlebnis seiner Männer.

Es darf nicht kompliziert sein

Neuer Technik im Feuerwehreinsatz findet Bauke grundsätzlich spannend, aber alles, was er einsetze, müsse ganz einfach sein, betont er: «Sobald es einen unserer Abläufe behindert, bringt die beste Technik nichts». Das Projekt von Sebastian Feese traf da genau ins Schwarze. Er wollte beweisen, dass Wearable Computing nicht kompliziert sein muss. Für viele nützliche Daten reicht schon unser Smartphone, das uns tagtäglich überallhin begleitet.

«Wir alle haben ständig eine Unmenge an Sensoren bei uns», bestätigt Michael Hardegger, ebenfalls Doktorand am Wearable Computing Lab, «aber sie werden noch gar nicht richtig eingesetzt. Das zu ändern, ist unser Job.»

Sensoren sollen Feuerwehrleute retten

Hardegger ist Elektroingenieur, er möchte einen weiteren Sensor einsetzen, der die Arbeit der Feuerwehrleute in Zukunft noch sicherer machen kann – in Echtzeit, während des Einsatzes. Denn da kann es vorkommen, dass ein Feuerwehrmann durch den starken Rauch nicht sehen kann, dass die rettende Tür nur zwei Schritte neben ihm ist. Wenn aber der Einsatzkommandant wüsste, wo sein Mann steht, könnte er ihn warnen.

Ein Turnschuh mit Beschleunigungssensor, daneben ein Smartphone, auf dem das Tracking zu sehen ist.

Bildlegende: Positionserkennung mit dem Beschleunigungssensor: An der roten Spur auf dem Smartphone sieht Michael Hardegger, wie der Träger des Sensors durch den Raum geaufen ist. Michael Hardegger

Dieses Szenario will Hardegger zur Realität machen. Den Beschleunigungssensor, den es dafür braucht, gibt es bereits. Doch erst mit dem von ihm entwickelten Algorithmus ActionSLAM kann daraus der präzise Standort eines Feuerwehrmannes im brennenden Gebäude bestimmt werden. Bisher stellt Positionserkennung in Innenräumen die Programmierer noch vor grosse Probleme. Das Satellitennavigationssystem GPS funktioniert schlecht in Gebäuden, weil das Signal nicht durch Wände gehen kann oder so reflektiert wird, dass Fehler entstehen. Die Forschung an Alternativen läuft auf Hochtouren.

Die Technik kann den Instinkt nicht ersetzen

Hardegger ist überzeugt, dass sein Algorithmus funktionieren kann. Und auch Feuerwehrhauptmann Jan Bauke kann sich den Einsatz des Sensors gut vorstellen, denn «die wichtigste Aufgabe des Feuerwehrmannes ist, gesund wieder aus dem brennenden Gebäude herauszufinden».

Er ist sich sicher, dass die Technik der Feuerwehr der Zukunft noch in den Kinderschuhen steckt und dass Wearable Computing eine grosse Rolle spielen wird. «Wir leben im Zeitalter der Apps, auch die Feuerwehr ist dabei, neue Einsatzmöglichkeiten von Smartphones zu überprüfen» erzählt Bauke. Er selbst ist an der Entwicklung beteiligt. Doch bei aller Technikliebe, eines darf durch keine App ersetzt werden: «Wir Feuerwehrleute müssen auf unseren Instinkt vertrauen. Die Technik kann ausfallen, der Instinkt muss immer funktionieren».

Wearable Computing

Überbegriff für Elektronik, die wir am Körper tragen. Wie die Brille «Google Glass», auf deren Gläsern Informationen aus dem Internet projiziert werden. Oder Uhren, die anzeigen, wenn eine Nachricht auf dem Smartphone eintrifft. In der Medizin werden E-Textilien entwickelt, die Körperfunktionen messen oder automatisch Medikamente abgeben können.

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