Appell ins Leere: Henri Pousseurs Oper «Votre Faust»

Publikumsbeteiligung zum Wohl der Kunst: Was Henri Pousseur und sein Librettist Michel Butor 1969 mit «Votre Faust» vorhatten, funktioniert heute nur noch bedingt. Über eine zerfranste Koproduktion von «Work in Progress», Berlin, mit dem Theater Basel.

Theaterszene, Ein Mann kniet am Boden und hält eine liegende Frau.

Bildlegende: Faust als «variable Oper»: Am Theater Basel bestimmt das Publikum, was im Stück passiert. Johannes Zillhardt/Theater Basel

Bei Wein und Hühnersuppe kommt es in der Pause zur Abstimmung: Soll der Komponist Henri mit Maggy in den zweiten Teil von Henri Pousseurs variabler Oper «Votre Faust» ziehen oder lieber mit Greta?

Die beiden Frauennamen stehen für Gretchen, Henri für Faust selber. Und zugleich für den Komponisten Henri Pousseur, der mit seiner Oper ein raffiniertes Selbstporträt geschrieben hat, ganz im Stil seiner Epoche. «Votre Faust» wurde 1969 in Mailand uraufgeführt und 1982, in einer deutschen Fassung, in Gelsenkirchen. Die Schweizer Erstaufführung hat sich das Theater Basel gesichert, in einer Koproduktion mit der Berliner Gruppe «Work in Progress».

Die Oper in der Oper

Worum geht’s? Ein Komponist erhält von einem Theaterdirektor den Auftrag, eine Faust-Oper zu schreiben. Der Theaterdirektor, ganz mephistophelische Gestalt (Peter von Strombeck), ist mit unerschöpflichen Geldmitteln gesegnet. Als Muse oder Maskottchen will er Henri (Franz Rogowski) der lasziven Sängerin Greta zuführen. Doch Henri verliebt sich in deren schwesterliches Gegenteil Maggy (in beiden Rollen: Julia Reznik). Ihre Liebe ist für die Komposition der Oper eine Gefahr.

Bühnenszene: Okkultes Ritual mit Priester in schwarzer Kutte und einer Frau, die auf einem Tisch liegt.

Bildlegende: Raffinierte Verknüpfungen mit Goethes Faust: Schwarze Messe in «Votre Faust». Johannes Zillhardt/Theater Basel

Liebe versus Kunst? Nein, so einfach machen es uns Henri Pousseur und sein Librettist Michel Butor nicht. Es geht um mehr. Um den Anspruch von Kunst in der Gesellschaft, um die Unabhängigkeit des Künstlers, um seine und damit wiederum auch unsere Individualität. Das Spiel mit Musik und Wort ist raffiniert mit Episoden aus Goethes Faust verknüpft, mit Jahrmarktszenen, Begegnungen im Wirtshaus, einer schwarzen Messe.

Dem Autoren-Duo schwebte in den 60er-Jahren noch mehr vor: die Einbindung des Publikums. Sich entscheiden müssen für das Liebesglück des Künstlers und somit seine (auch künstlerische) Freiheit oder dafür, dass sich Henri in die Fänge einer Institution begibt: in die des Theaterdirektors. Klar, welches Ziel des bessere sein müsste.

Gewandelte Vorzeichen

Heute liegen die Dinge etwas anders, sind Theaterdirektoren froh, wenn sie Geld verteilen können. Sind Künstler Institutionen gegenüber weniger skeptisch. Haben sich freie Szene und Stadttheater angenähert. So auch hier: Vergangenen März hatte die Koproduktion des Ensembles «Work in Progress» im Berliner Radialsystem Premiere. An zwei Abenden wurde «Votre Faust» nun im Schauspielhaus des Theater Basel gezeigt.

Auf einem fahrbaren Podest befindet sich der Dirigent Gerhardt Müller-Goldboom. Ebenso mobil sind die Bläser in einem Affenkäfig, Streicher in Beatles-Perücken und die Schlagzeuger, verkleidet als deutsche Blondinen. Viel wird da herumgeschoben. Dazwischen agieren Schauspieler, die nicht singen, und Sänger. Es gibt elektronische Zuspielungen, einen Conférencier, Installationen, Schautafeln. Blinkende Lämpchen, einen Springbrunnen, Hühner, Ziegen – das Leben: ein Zirkus.

Raffinesse und Brüche

Seine guten Momente hat der knapp dreistündige Abend (Regie: Aliénor Dauchez, Georges Delnon), wenn sich Musik und Spiel in ihrer angelegten Raffinesse verbinden. Wenn Henri seine Kompositionstheorie erklärt, Hexachorde, Ganz- und Halbtonleitern wie auf einem Klavier unhörbar auf einem Regalbrett spielt, und der Pianist im Hintergrund das Gespielte zu Gehör bringt.

Tanzendes Paar, im Hintergrund der Dirigent

Bildlegende: Künstlerische Freiheiten und Individualität: «Votre Faust» hinterfragt die Rolle der Institutionen im Theater. Johannes Zillhardt/Theater Basel

Stark auch Julia Reznik als Maggy: eine Figur, die halb in-, halb ausserhalb ihrer Rolle steht. Absurd und gekonnt – solche Brüche bestimmen den Abend. Und lassen ihn auch zerbrechen. Denn die mächtige Institution, an der sich Pousseur und sein Alter Ego abarbeiten, gibt es nicht mehr. Das Bildungsbürgertum, das mit Faust einerseits angesprochen, andererseits mit dessen Dekonstruktion schockiert werden soll – dieses Bildungsbürgertum gibt es ebensowenig mehr. Und Publikumsbeteiligung, Mitmachtheater, sind spätestens seit dem Eurovision Song Contest ein abgegriffener Hut.

Pfeile ohne Ziel

Natürlich unterscheidet sich eine Kommerzveranstaltung wie der Song Contest von den Ansprüchen eines einstigen Avantgarde-Stücks an einem renommierten Theaterhaus. Wenn aber das Ziel fehlt, gegen welches Pousseur seinen Pfeil einst schoss, warum dann überhaupt noch den Bogen spannen? Wenn weder der Faust-Stoff, noch bürgerliches Leben fett wie Klötze die Mitte der Gesellschaft belegen, sondern schon längst an deren Ränder verdrängt worden sind? Ja, was dann?

Wir gaben gehorsam unsere Stimme ab, protestierten oder animierten zum Weitermachen. Fünf Enden standen für unseren Faust, für «Votre Faust» zur Verfügung. Heraus kam, wen wundert’s, die neutrale Mittellösung. Henri, ein halb geknechteter, halb freier Künstler. Das Publikum halb gelangweilt, halb zufrieden. Da stehen wir heute wohl. Ein kleines Unwohlsein kommt bei einem solchen Schuss ins Leere schon auf. Immerhin.