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Bühne Gotscheffs Beton-Manifest eröffnet das Berliner Theatertreffen

Eine Verneigung vor der Vergangenheit: Das 51. Berliner Theatertreffen wurde mit «Zement» des verstorbenen Regisseurs Dimiter Gotscheff eröffnet. Ein wuchtiger Abend mit einem bedeutungsgeladenen Theater über die Blutspuren aller Revolutionen, und die Sehnsucht nach einer besseren Welt.

Ein Mann steht auf einer Betonbühne. Im Vordergrund ist ein maskierter Chor.
Legende: Hochkonzentriert: Das Ensemble des Münchner Residenztheaters inszeniert «Zement». Armin Smailovic

Würdevoller hätte man sich diese Eröffnung nicht denken können: Das wichtigste Theaterfestival im deutschsprachigen Raum begann mit einer Verneigung, einem ebenso andächtigen wie wuchtigen Abend. Zum Auftakt des 51. Berliner Theatertreffens wurde Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Heiner Müllers «Zement» gezeigt. Dreieinhalb Stunden massiges, betonschweres Theater über die Blutspuren aller Revolutionen und den Preis der Freiheit, aber auch die Sehnsucht nach einer anderen, besseren Welt. Gespielt von einem hoch konzentrierten Ensemble des Münchner Residenztheaters.

Im Oktober des vergangenen Jahres ist der aus Bulgarien stammende Regisseur Dimiter Gotscheff 70-jährig verstorben. Und so wurde die Berliner Aufführung seiner letzten Inszenierung jetzt zu einem Manifest. Über Jahrzehnte hat sich Gotscheff wie niemand sonst im deutschen Theater mit ungebrochener Hingabe, zuweilen mit inniger Verzweiflung, immer aber mit bissigem Ernst der Dramatik und dem Denken Heiner Müllers gewidmet.

Die blutige Geschichte

Alle Arbeiten Gotscheffs kreisen im Einklang mit Müller um die offene Frage, wie sich die menschenverachtenden Ausbeutungsverhältnisse ändern lassen, seien sie kapitalistischer oder kommunistischer Herkunft. Nie predigt er dabei simple Auswege, immer rechnet er der Geschichte die blutigen Opfer aller Umwälzungsversuche vor. Das wird auch in Müllers «Zement», uraufgeführt vor 41 Jahren am Berliner Ensemble, verhandelt, hier mit besonderem Blick auf die russische Revolution von 1917, den Bürgerkrieg, den Stalinismus.

Dimiter Gotscheff im Porträt. Er raucht.
Legende: Theater gegen menschenausbeutende Verhältnisse: Der verstorbene Dimiter Gotscheff. Thomas Dashuber

In einem betongrauen Bunker treten aschefarbene Figuren auf. Ein maskierter Chor, eine raustimmige Bibiana Beglau, ein kantiger Sebastian Blomberg, die Gesangs- und Erzählzwischenstücke von Valery Tscheplanowa ergeben dabei einen Abend, der dem Publikum wie ein schwerer Stein vor die Füsse geworfen wird – die Frage nach Auswegen aus dem mörderischen Kreislauf der Geschichte wird zur gesamtgesellschaftlichen Angelegenheit erklärt.

Das fügt sich gut in den «Focus Gotscheff», den das Theatertreffen ins Programm genommen hat. Die Bühnen in Berlin zeigen ihre Gotscheff-Abende, im zentralen Veranstaltungshaus des Theatertreffens, dem Haus der Berliner Festspiele, laufen im Foyer Mitschnitte älterer Arbeiten, hängen Fotografien und Zeichnungen.

Das Theater als Leitmedium

Und vor dem «Zement»-Gastspiel wurden drei Filme Alexander Kluges über Heiner Müller und Gotscheff gezeigt, trat Kluge selbst ans Rednerpult und pries das Theater als einen Ort, «an dem wir unsere Fähigkeit zur Einfühlung sortieren können». Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, unter deren Dach das Theatertreffen abgehalten wird, verkündete in seiner Begrüssungsrede gar die «Morgenröte eines neuen Zeitalters, dessen Leitmedium das Theater sein wird».

Das diesjährige Theatertreffen mit den von einer Kritikerjury ausgewählten zehn bemerkenswertesten Inszenierungen des vergangenen Jahres sei, so Oberender, «interessant wie nie». Zumindest wurde lange nicht derart grossspurig und bedeutungsgeladen dieses Festival begonnen.

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