Helmuth Lohner: Der leise Mensch war auf der Bühne eine Wucht

Helmuth Lohner war die Inkarnation des wienerischen Schauspielers. Er war ein grüblerischer Melancholiker, der in allen Genres und Rollen brillierte – sei es als Faust oder in der klamaukigsten Boulevardrolle. Der Wiener ist im Alter von 82 Jahren gestorben.

Helmuth Lohner im Porträt.

Bildlegende: Helmuth Lohners Spiel war intensiv – egal in welcher Rolle. Getty Images

«Ein Boulevardstück muss so ernsthaft gespielt werden wie Tschechow. Nur dann wird es glaubhaft. Man darf die Leute im Boulevard nicht für dumm verkaufen», das war Helmuth Lohners Credo. Und sei es Komödie oder Tragödie: Helmuth Lohner brillierte im boulevardesken Sketch genauso wie im shakespeareschen Königsdrama.

Der Schlossersohn aus dem Wiener Arbeiterbezirk Ottakring vermochte Hofmannsthals Aristokraten ebenso vielschichtig und facettenreich auf die Bühne zu bringen wie grosse Rollen der Weltliteratur – von Richard III. über Faust bis hin zu Hamlet. Dabei hat sich Lohner auf der Bühne stets ein Quäntchen Distanz zu sich bewahrt – eine Doppelbödigkeit, die seinen Figuren eine faszinierende Gebrochenheit verlieh.

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Helmuth Lohner als Hamlet (Perspektiven, 6.6.1974)

3:04 min, vom 23.6.2015

Privat zurückhaltend, auf der Bühne eine Wucht

Helmuth Lohners Wandlungsfähigkeit und die unerhörte Intensität seines Spiels verzauberten das Publikum nicht nur im Burgtheater und im «Theater in der Josefstadt», seiner Lebensbühne. Sie begeisterten auch Theaterfans in München, Hamburg, Zürich und Berlin, wo Lohner in jüngeren Jahren unter Vertrag stand. Zwischen 1990 und 1994 überzeugte der Schauspieler auch als «Jedermann» in Salzburg.

Helmuth Lohner, privat ein nachdenklicher, leiser, zurückhaltender Mensch, war auch ein gefragter Film- und Fernsehschauspieler. Eine seiner Glanzrollen in den 1960er-Jahren war der Leutnant von Trotta in Michael Kehlmanns TV-Verfilmung von Joseph Roths «Radetzkymarsch».

Der Direktor stand selbst auf der Bühne

Zwischen 1997 und 2006 amtierte Helmuth Lohner auch als Direktor des «Theaters in der Josefstadt», die anstrengendsten und aufreibendsten Jahre seines Lebens. Die ständigen Finanznöte des Hauses glich der Direktor durch eine aufopferungsvolle Besetzungspolitik aus: Um sparsam zu wirtschaften, stand er selbst praktisch en suite auf der Bühne.

In der Wiener Gesellschaft war Helmuth Lohner, der Vielbeschäftigte, gern gesehen. Seit 2011 war er in vierter Ehe mit der Inhaberin des Hotels Sacher, Elisabeth Gürtler, verheiratet.

Talentiert und liebenswürdig

Das offizielle Österreich reagiert auf den Tod des Schauspielers mit Bestürzung. Bundespräsident Heinz Fischer würdigt Lohner als «hinreissenden Künstler und liebenswürdigen Menschen», Otto Schenk, ein enger Freund des Verstorbenen, rühmt Lohners schauspielerisches «Genie und Urtalent».

Helmuth Lohner, daran besteht kein Zweifel, hat als Schauspieler und Regisseur alles erreicht, was man in der Welt des Theaters erreichen kann.

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