«Hunger for Trade»: den Hunger auf die Bühne holen

Die Debatte um Hunger und Lebensmittel steht in einem globalen, vernetzten Kontext. Und wenn Theaterschaffende dieses komplexe Thema auf die Bühne bringen wollen, geht das nur mit einem globalen Theaternetzwerk: so geschehen beim Theaterprojekt «Hunger for Trade».

Ein schwarzer Mann mit Teilen eines Huhns vor sich auf dem Tisch.

Bildlegende: Es geht zur Sache: Szenebild der Hamburger Produktion «Cargo Fleisch», im Vordergrund Justin Yao. Klaus Lefebvre

Der Theaterschaffende Clemens Bechtel war in den Jahren 2008 und 2009 im afrikanischen Malawi. Er erlebte dort die Auswirkungen einer Hungersnot, gleichzeitig kam es zu globalen Protesten wegen der steigenden Lebensmittelpreise. Im Gespräch mit einer Kollegin reifte in ihm die Idee, diese globale Debatte um Hunger und Essen auf die Bühne zu bringen.

Clemens Bechtel hatte bereits vor dem Projekt in zahlreichen Produktionen weltweit gearbeitet, etwa in Rumänien und Westafrika. Für sein Projekt «Hunger for Trade» konnte er so auf bestehende Kontakte zurückgreifen. Ausgehend vom Schauspielhaus Hamburg stellte Clemens Bechtel ein internationales Netzwerk von Theatergruppen zusammen.

Rechercheaufträge an andere Länder

In einer Konferenz im November 2013 trafen sich die Theatergruppen aus neun verschiedenen Ländern. Gespräche mit Expertinnen und Aktivisten, aber auch der gegenseitige Austausch standen im Zentrum. Auch Spiel und Spass kamen nicht zu kurz: In einem fiktiven Strategiespiel wurden die Lebensmitteldeals in den Hinterzimmern der Macht imitiert. Die Konferenzteilnehmenden spielten die Rollen von Aktivistinnen, die die Deals der Lobbyisten stören. Sie erlebten so selber, wie wirtschaftspolitische Entscheide Mägen füllen oder leer halten.

Nach der Konferenz kehrten die Theatergruppen in ihre Länder zurück und entwickelten dort Stücke, die ihre lokale Situation reflektieren. Mit Rechercheaufträgen, die sie an andere Theatergruppen vergaben, nutzen sie das Netzwerk für einen Austausch auf globaler Ebene. Im Frühling 2014 feierten die Stücke in den jeweiligen Ländern Premiere.

Grosses Finale in Deutschland

Die deutsche Produktion «Cargo Fleisch» thematisierte etwa die Produktion von Hühnerfleisch – inklusive gefrorenem Hühnerfleisch, das auf der Bühne zerhackt wurde. Die Brüsseler Produktion «Mest» (Mist) stellte einen skrupellosen Lebensmittelinvestor auf der Bühne einer von Hunger gezeichneten Frau gegenüber. Die südafrikanische Produktion «Hungry» beschäftigte sich mit dem alltäglichen, nagenden Hunger.

Der Höhepunkt und Abschluss des Projekts war schliesslich im Schauspielhaus Hamburg: Ende Mai 2014 zeigte das Schauspielhaus bei einem grossen Finale Ausschnitte der verschiedenen Produktionen. Lesungen liessen die Stücke erneut aufleben und in Diskussionen blickte man auf den Schaffensprozess zurück.

Ein Austausch auf Augenhöhe

Ob «Hunger for Trade» etwas zur Lösung des globalen Hunger- und Ernährungsproblems beitragen konnte, bezweifelt selbst der Initiator Clemens Bechtel. Trotzdem ist für ihn eine solche Zusammenarbeit auf Augenhöhe zwischen den einzelnen Ländern sehr wertvoll. Clemens Bechtel: «Es gibt sehr viele Filme, Beiträge und Texte über Afrika. Aber meiner Meinung nach geht es darum, dass wir mit Afrika, mit verschiedenen Ländern in Kontakt kommen und dass auch diese Länder untereinander ins Gespräch kommen.» Denn erst die Auseinandersetzung zwischen den Künstlerinnen und Künstlern auf der einen Seite, aber auch zwischen den Menschen in den verschiedenen Ländern, sei eine Voraussetzung, das Hungerproblem zu lösen.

Die beteiligten Produktionen

  • «Mest», Brüssel
  • «Opéra da Soja», São Paulo
  • «Grève de la Faim», Ouagadougou
  • «Black Gold» / «Tender Bolus»/ «Balance» / «This Land», Manchester
  • «Cargo Fleisch», Hamburg
  • «The Americans», Bangalore
  • «De Vanzare», Bukarest
  • «Hungry», Pretoria
  • «Switzerland’s Next Top Problem 2014», Bern

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

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    Theaterprojekt «Hunger for Trade» – global denken, lokal handeln

    Aus Kulturplatz vom 4.6.2014

    Deutschland, Rumänien, England, Südafrika, Brasilien, die Schweiz: Aus diesen und weiteren Ländern der Ersten und der Dritten Welt haben sich neun Theaterensembles zusammengetan. Gemeinsam untersuchen sie die vielschichtigen Probleme und Perspektiven der globalen Nahrungsmittelproduktion, jedes Theater aus seiner länderspezifischen Perspektive. Worum geht es bei diesem Projekt? Worauf zielt es ab? Und, generell gefragt, was kann Theater erreichen? «Kulturplatz» traf den Initiator von «Hunger for Trade», den Theaterschaffenden Clemens Bechtel.

    Méline Sieber

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