Kunst rückt Menschen vom Rand in die Mitte

Am Festival Wildwuchs in Basel dreht sich dieses Jahr alles um das Thema Verantwortung. «Wir übernehmen!» lautet das unbescheidene Motto. Das Festival will mit den Mitteln der Kunst zeigen, dass Normalität nichts Absolutes, sondern eine Frage der Perspektive ist.

Am Gesicht eines Mannes mit nacktem Oberkörper kleben so vielle Pillen und Tabletten, dass sie zu einer Maske werden. Der Mann schluckt eine Tablette.

Bildlegende: In der Open-Air-Performance «Club Ritalin» hinterfragen vier Künstler ADHS und die Gesellschaft. Wildwuchs

Bescheidenheit ist nicht die Sache von «Wildwuchs». Das Festival trumpft absichtlich mit grossen Ambitionen auf. Es soll sich etwas ändern in der Gesellschaft. Menschen, die an den Rändern leben, sollen in die Mitte gerückt werden. Denn auch die Mitte, die Normalität, ist relativ.

Das ist eine tolle Absicht, und es ist zugleich eine Gratwanderung. Wie kann man Vorurteile gegen andere, fremde oder behinderte Menschen gegen eine – gute – Erfahrung eintauschen? Wie können sich Menschen begegnen, deren Wege sich im Alltag nie kreuzen? «Wir wollen durch künstlerische Projekte aufmerksam machen auf Themen, die in der Öffentlichkeit nicht berücksichtigt werden», sagt Festivalleiterin Gunda Zeeb.

Flucht und Migration ein Gesicht geben

Ein thematischer Schwerpunkt des diesjährigen Festivals ist Flucht und Migration. «Natürlich ist dieses grosse Thema in der Öffentlichkeit präsent», sagt Gunda Zeeb. «Wir versuchen aber, ihm ein Gesicht zu geben, indem wir es auf eine persönliche Ebene herunterbrechen.»

Dabei steht immer der künstlerische Anlass im Mittelpunkt. Das gilt auch im Bereich Behinderung, der seit den Anfängen des Festivals 2003 dazugehört. Gerade hier gibt es noch viel zu tun. Gunda Zeeb: «Der Alltag von behinderten Menschen wird durch vieles erschwert. Da möchten wir künstlerische Impulse geben, damit sich in Zukunft etwas ändert.»

Eine Frau in einem Rollstuhl vor einer Leinwand, die ein lachendes junges Mädchen mit Sonnenbrille zeigt.

Bildlegende: Genickbruch bei einem Sprung ins Schwimmbecken – Maria-Cristina Hallwachs in «Qualitätskontrolle» von Rimini Protokoll. Festival Wildwuchs

Was heisst «normal»?

Zugänglichkeit wird beim Festival Wildwuchs gross geschrieben. Nicht nur künstlerisch, sondern auch praktisch. «Es ist noch lange kein Normalfall, dass Theatervorstellungen in Gebärdensprache übersetzt werden, oder dass Zuschauerräume rollstuhlgerecht gebaut sind», erläutert Gunda Zeeb. Den Begriff «Behinderung» versteht die Festivalleiterin denn auch viel umfassender: «Man kann auch aufgrund von sozialen Bedingungen behindert sein, am normalen Leben teilzunehmen», sagt sie.

Was die Gesellschaft als Normalität definiert, nimmt das Festival unter die Lupe. Der künstlerische Anlass steht dabei im Zentrum, die eingeladenen Gastspiele wie auch die eigens für Basel entwickelten Projekte zeichnen sich durch eine hohe professionelle Qualität aus. Dadurch soll ein breites Publikum eingeladen werden, sich mit Themen zu beschäftigen, die selten ins Rampenlicht gelangen. Dass das Festival diesen hohen Anspruch hat und so konsequent verfolgt, ist sein grosses Verdienst.

Menschen zusammenbringen

Für Michael Harr, den Geschäftsführer der Stiftung Cerebral, ist entscheidend, dass sich das Festival für die Vielfalt einsetzt: «Wildwuchs vermittelt Begegnungen und bringt Kunstschaffende, Betroffene und Zuschauende zusammen», sagt er. Es sei eben gerade nicht ein Festival für eine bestimmte Gruppe von Behinderten oder nicht Behinderten. Es gehe einfach darum, Menschen zusammenbringen und Begegnungen zu vermitteln.

Es klingt einfach, was das Wildwuchs sich auf die Fahne schreibt. Dass es ein langer Weg ist, weiss auch Festivalleiterin Gunda Zeeb: «Materiell kann ein solches Festival nicht viel verändern. Wir hoffen ab, dass sich im Kopf des Publikums Dinge und Einstellungen zu wandeln beginnen.»

Das Festival

Wildwuchs präsentiert alle zwei Jahre internationale Kunst und Kultur, experimentiert mit Tanz-, Performance- und Theaterformen und richtet sich an Menschen aus allen Lebensbereichen. Das Festival stellt künstlerisches Schaffen ins Zentrum und verzichtet auf jegliche Etikettierung bestimmter Gruppen. Basel, 4.-14. Juni 2015.

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