Theater im Wandel Nur zuschauen geht nicht: Wenn Digital Natives die Bühne betreten

Wie sieht Theater aus, wenn Digital Natives übernehmen? Das Symposium «On/Live» befasst sich mit dem Theater der jüngsten Generation.

Das Theaterkollektiv machina eX im Porträt.

Bildlegende: Zurücklehnen und entspannen – nicht beim neuen Theater. Bei «machina eX» spielen die Zuschauer mit. machina_eX/Philip Steimel

Wer sich viel in der digitalen Welt bewegt, ist vertraut damit: In einem virtuellen Raum nach einem Gegenstand zu suchen, um sich aus einem Raum zu befreien. Oder einer Figur zu befehlen, zu rennen, zu springen und Dinge zu werfen. Oder sich per Social Media mit anderen zu verbinden und Ausschnitte aus ihrem Leben zu sehen. Natürlich weiss man nicht immer, was echt und was inszeniert ist.

Man könnte auch sagen: Das sind dramaturgische Strukturen. Wir erleben hier keine Geschichte, die uns von vorne bis hinten erzählt wird. Wir entscheiden selbst, nehmen Kontakt auf, geben Anregungen.

Mitmachen – auch im Theater

Ins Theater zu gehen könnte also die absolute Gegenerfahrung sein, wenn sich in den letzten paar Jahren nicht schon eine Menge entwickelt hätte, was der Generation der Digital Natives eine stabile Basis bietet.

Zum «Theater der Digital Natives» veranstaltet das Forum Freies Theater in Düsseldorf jetzt jedes Jahr ein Symposium – eine Bestandsaufnahme zum jüngsten Theater.

Stefan Kaegi, Helgard Kim Haug und Daniel Wetzel sitzen auf Stühlen.

Bildlegende: Vorreiter: Stefan Kaegi, Helgard Kim Haug und Daniel Wetzel sind seit 2000 das Autoren-Regie-Team von Rimini Protkoll. Daniel Becker

Was bisher geschah …

Die Vorgänger sind inzwischen so selbstverständlich, dass sie hier niemand mehr genannt hat: Vor ungefähr 15, 20 Jahren begannen vor allem freie Gruppen wie She She Pop, Rimini Protokoll und Hofmann & Lindholm, die Grenze zwischen Zuschauerraum und Bühne in Frage zu stellen.

Die Mitwirkung von Publikum und von Laien als «Experten des Alltags» oder «Komplizen» war am Anfang manchmal noch etwas anstrengend, wurde aber bald oft leichtfüssig, poetisch und charmant.

Auch der öffentliche Raum wurde erobert: Zuschauer erwanderten sich Geschichten zur Stadt per Audio und GPS. Zum Beispiel. Die ganze Welt kann Bühne sein. Theater wurde immer offener und auch medialer.

Ein Netzwerk von Geschichten

Von einer «Alternativvorstellung für Social Media» berichtet die Kunsthistorikerin Katja Kwastek auf dem Symposium: Die Briten von Blast Theory, die schon seit 1991 produzieren, haben im Jahr 2007 die Besucher ihrer Performance «Rider Spoke» einzeln auf dem Fahrrad durch die Stadt geschickt.

Per Audio wurden die Gäste höflich gebeten, ihren Namen zu nennen und an für sie bedeutsamen Orten für sie bedeutsame Geschichten ins Audionetz der Performance einzuspeisen. Jeder konnte entscheiden, ob er erfindet oder persönlich wird. Das Netzwerk der Geschichten entstand erst durch die Ortsbezüge der Teilnehmer untereinander und nicht unbedingt gleichzeitig.

Eine Frau auf einem Fahrrad.

Bildlegende: Besucher in Bewegung: Bei «Rider Spoke» von Blast Theory musste das Publikum mitradeln. Blast Theory

Die neue Generation von Theatermachern

Jetzt bringt eine neue Generation von «Digital-Natives»-Theatermachern ihre Dramaturgien auf die Bühne. Die Performer von Anna Kpok lassen Gruppen von Zuschauern Figuren nach dem Jump 'n' Run-Schema dirigieren.

Auch bei Vorstellungen des Kollektivs machina eX spielen die Zuschauer direkt miteinander: Sie müssen Aufgaben lösen, Gegenstände finden, aus Räumen entkommen – was sehr politisch werden kann, wenn der Raum ein fiktives Flüchtlingslager ist. Machina eX baut für die Dramaturgie ihrer Geschichten Baumstrukturen, aber auch Brüche. Es funktioniert nicht immer alles. Oder die Tragweite einer Entscheidung, die alle gemeinsam treffen, erhöht sich plötzlich sehr.

Die ganz frischen Gruppen komplexbrigade und THE AGENCY beschäftigen sich mit Utopien oder mit Intimität und Neoliberalismus. Während die Inszenierungen von pulk fiktion selbst bei interaktiven Dramaturgien eher liebevoll handgemacht wirken.

Keine klare Botschaft

Die alten Themen Utopie, Macht, Geld, Körper, Gerechtigkeit, Intimität sind dem jüngsten Theater nicht fremd. Es setzt oft voraus, dass die Dramaturgie durchdacht ist, die Darsteller improvisieren können und die Zuschauer mitdenken, sich auch körperlich bewegen. Wer die klare Botschaft sucht, sollte nicht unbedingt das Theater der Digital Natives besuchen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 07.03.2016, 17:15 Uhr.

Zum Theater-Symposium

Das FFT (Forum Freies Theater) veranstaltete in Kooperation mit dem Institut für Kunst und Kunsttheorie der Universität Köln am 3. und 4. März das Symposium «On/Live – das Theater der Digital Natives». Hier das Programm.

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