Origen-Festival: Sintflut am Stausee

Das Bündner Festival ist bekannt für seine ungewöhnlichen Spielorte: Nach der Burg von Riom und der Rhätischen Bahn wird nun die Staumauer von Marmorera zur Theater-Bühne. Und das für eine moderne Interpretation des Arche-Noah-Stoffes, für eine düstere Geschichte, die ohne grosse Worte auskommt.

Ein Mann sitzt an einer grossen Luke und schaut aufs Wasser. Hinter ihm sind Berge.

Bildlegende: Die Arche ist ein schwarzer Kubus mit grossen Luken zum See: Hier quält sich eine dekadente Gesellschaft zu Tode. Benjamin Hofer

Wir befinden uns in einem hohen Schiffraum, die Turbinen dröhnen, man glaubt fast, der Raum schwanke – aber wir fahren noch nicht ab, durch schmale Luken blicken wir auf das ruhige Meer. Das ist der Eindruck, der sich dem Publikum im Theaterraum auf der Staumauer von Marmorera vermittelt. Allein der äussere Anblick des schwarzen Festspielgebäudes hoch oben in den Bergen ist imposant.

Nicht zum ersten Mal sucht das Bündner Kulturfestival einen ungewohnten Spielort auf: Die hohe Burg von Riom wurde 2006 eigens zum Theater umgebaut. In vielen der alten Kirchen des Oberhalbstein (rätoromanisch: Surses) fanden schon Konzerte statt, die Rhätische Bahn wurde für Aufführungen genutzt und vor drei Jahren errichtete man oben auf dem Julierpass ein eigenes Festspielhaus, um den Besuch der Königin von Saba bei König Salomon eindrücklich in Szene zu setzen.

Bibel-Geschichten in der Jetzt-Zeit

Am Ufer des Sees steht ein grosser schwarzer Kubus: die Theaterbühne des Origen-Festivals.

Bildlegende: Das temporaere Theaterhaus des Freilicht-Musiktheaters «Noah» auf dem Staudamm des Marmorera-Sees. Keystone

Und nun die Staumauer: Mit Bussen wird das Publikum aus dem Unterland hinaufgefahren. Dann sitzt man an diesem Stausee, der 1954 ein Bergdorf unter sich begrub, und erwartet die Sintflut. Denn um biblische Geschichten geht es Giovanni Netzer, dem Regisseur und Festivalleiter von Origen, immer wieder.

Der studierte Theologe und Kunstgeschichtler deutet sie jedoch neu aus unserer Zeit heraus. So erzählte er von König Belsazar, von Samson und von der Königin von Saba, vom Messias und vom Paradies. Und angesichts des Stausees war es eigentlich zu erwarten, dass hier irgendwann einmal die Arche Noah anlegen würde, um den Menschen vor der drohenden Katastrophe zu retten.

Diktator, Popstar und Manager statt Tiere

Aber hier gehen keine Tiere an Bord. Wir erleben eine moderne Version des Stoffs: Es sind ein Diktator und seine traumatisierte Frau, eine Königin und ihr Butler, ein Boxer, ein Popstar und seine Managerin sowie ein blinder Passagier, die auf dem Schiff Zuflucht vor dem Klima-Kollaps suchen. Und noch bevor diese Arche überhaupt in See sticht, treten Störungen auf und brechen zwischen den Passagieren Konflikte aus, die in Mord und Totschlag münden. Am Ende verlässt der Kapitän allein sein sinkendes Schiff.

Es ist eine düstere Geschichte, die Giovanni Netzer und sein Team da erzählen – und eine sehr aktuelle: Der Mensch braucht keinen Gott mehr, um sich und die Welt zu zerstören. Existentiell eindringlich, ja aufrüttelnd wirkt denn auch dieses Bewegungstheater, das ohne Worte und fast ohne Gesang auskommt. Als Ballett mag Giovanni Netzer sein Stück nicht bezeichnen, dafür ist es zu wenig virtuos, zu wenig akrobatisch.

Getriebenes Bewegungstheater

Es wirkt durch die fast aggressive, neurotisch getriebene Härte der Bewegungen, durch die unbedingte Hingabe der Darstellerinnen und Darsteller, durch den einengenden Raum, durch die schweren orchestralen und elektronischen Klänge von Lorenz Dangel und die silbrig-schwarz leuchtenden Kostüme von Martin Leuthold. Und dazu geht der Blick auf den ruhigen See, die teilnahmslose Natur.

Bei der Premiere war es windstill, ein fast zu schöner Sommerabend. Durchaus möglich, dass sich in dieser Theaterproduktion noch andere dramatische Gewalten freisetzen, wenn das Wetter mitzuspielen beginnt und ein heftiger Wind durch den Zuschauerraum fährt, wenn die Tänzerinnen und Tänzer auch noch gegen die Elemente ankämpfen müssen. Warme Jacken sind bei dieser Schiffsreise auf jeden Fall angebracht.