Pflicht oder Menschlichkeit – das war seine Frage

Der St. Galler Polizeikommandant Paul Grüninger rettete 1938/39 rund 3000 jüdischen Flüchtlingen das Leben, in dem er sie gesetzteswidrig in die Schweiz einreisen liess. Jetzt kommt seine Geschichte in St. Gallen auf die Bühne. Nicht als Heldengeschichte, dafür mit brisantem Material aus dem Archiv.

Szenenphoto aus dem Stück «Paul Grüninger - Ein Grenzgänger».

Bildlegende: Erzählt mit dokumentarischen Texten: Der Fall Paul Grüninger auf der Bühne. Keystone / Theater St. Gallen / Tine Edel

Fast 20 Jahre nach seiner Rehabilitierung, die erst mehr als 20 Jahre nach seinem Tod geschah, wird der Fall Grüninger zum Bühnenstoff. Das Projekt «Paul Grüninger – ein Grenzgänger» bringt die Geschichte des Ostschweizer Fluchthelfers auf die Bühne.

Die Gründe, diese Geschichte fürs Theater aufzubereiten, liegen für die Dramaturgin Nina Stozol vom St. Galler Theater auf der Hand: «Es ist ein Stoff, der regionalhistorisch immer noch von Bedeutung ist. Es ist aber auch eine Geschichte, die über die Region hinausweist und sich mit der Geschichte der Schweiz auseinandersetzt. Und es geht ausserdem um Themen, die immer noch eine Brisanz besitzen.»

Spiegel für heutige Flüchtlingsdebatten

Grüninger mit Frau und Tochter vor seinem Hauseingang.

Bildlegende: Der historische Grüninger sei ein einfacher Mensch gewesen. In diesem Fall - ein Kompliment. Keystone

Mit seinem Buch «Grüningers Fall» hat der Historiker und Publizist Stefan Keller Anfang der 1990er Jahre die Geschichte von Paul Grüninger wissenschaftlich aufgearbeitet. Dieses Buch legte die Grundlage für Grüningers Rehabilitierung im Jahr 1995.

Es sei eine Geschichte, die immer dann wieder aktuell werde, wenn Flüchtlingsdebatten anstehen: «Was Grüninger so zeitlos und aktuell macht, ist dieser Konflikt zwischen Gewissen und Amtspflicht: Zwischen dem, was die Politik von ihren Beamten will, und dem, was die Menschlichkeit und die individuelle Verantwortung eigentlich verlangen», sagt Stefan Keller. «Das macht diese Geschichte so unmittelbar nachvollziehbar für alle Generationen. Allerdings muss man sie auch immer wieder erzählen.»

Das Theater St. Gallen tut mit seinem Projekt «Paul Grüninger – ein Grenzgänger» genau dies und fokussiert dabei auf ein jugendliches Publikum ab 15 Jahren. Doch wie erzählt man diese Geschichte auf der Bühne? Gar nicht einfach, zumal (der echte) Paul Grüninger keineswegs als ein grossartiger Held auftrat oder sich selbst besonders wichtig nahm.

Grüningers Geschichte spricht jeden von uns an

Szenenphoto Paul Grüninger, Theater St. Gallen

Bildlegende: Grüninger in der Auseinandersetzung mit seinem Gewissen. Keystone / Theater St. Gallen / Tine Edel

Paul Grüninger tauge absolut nicht zum Helden, so Regisseurin Elisabeth Gabriel: «Er war ein ganz normaler Mensch, kein Held, kein Intellektueller. Doch gerade dadurch spricht seine Geschichte alle an. Jeder von uns kann in eine Situation geraten, in der sich die Frage stellt: Folge ich meinem Gewissen und dem Anspruch der Menschlichkeit – oder gehorche ich Gesetzen, die es mir ermöglichen, die Verantwortung von mir weg zu schieben.»

Wie bringt man Zeitgeschichte auf die Bühne? Das Theaterprojekt «Paul Grüninger – ein Grenzgänger» hat sich entschieden, keine fiktive Geschichte zu erzählen und Paul Grüninger nicht zu einem Theaterhelden zurecht zu biegen.

Im Gegenteil: Auf der Bühne werden nur dokumentarische Texte zu hören sein. Die Regisseurin Elisabeth Gabriel: «Das Packende an diesem Fall sind die Fakten: Augenzeugenberichte, Protokolle, Flüchtlingsdossiers, Gerichtsverhandlungen. Je mehr ich mich mit dem Fall auseinandergesetzt habe, desto klarer wurde mir, dass ich die Geschichte von Paul Grüninger nur aufgrund von Dokumentarmaterial erzählen will.»

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Paul Grüninger – ein Grenzgänger

2:20 min, aus Tagesschau vom 13.2.2013

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