«Wir brauchen Künstler auf der Bühne, keine Maschinen»

In ihrer Doktorarbeit «Der dressierte Leib» ergründet die Tanzkritikerin Dorion Weickmann die Geschichte des klassischen Tanzes. Ihr Fazit: Ballett hat viel mit Dressur zu tun. Wir haben den renommierten Choreografen Martin Schläpfer, einst Solotänzer unter Heinz Spoerli, gefragt, was er davon hält.

Dorion Weickmann macht in ihrem Buch «Der dressierte Leib» zwei Arten von Dressur im Ballett aus: die Dressur des Leibes und die Dressur des Geistes. Was halten Sie vom Begriff «Dressur» im akademischen klassischen Tanz?

Martin Schläpfer: Klar, die Technik ist extrem. Es ist ein Handwerk. Aber: Ich liebe es heute noch, mit meinem Körper an die Grenze zu gehen. Wenn jemand ein Künstler ist und dafür brennt, dann ist das keine Dressur.

Ein grosses Problem sehe ich aber tatsächlich bei der Schulung. Tänzer sind permanent, von Anfang an, von Kind auf im Kollektiv. Sie trainieren zusammen und es wird ihnen gesagt: So und so muss es sein. Sie kopieren und werden nicht dazu erzogen, Fragen zu stellen. Die Disziplin, die Dressur in den Akademien ist so gross, dass Fragen wie «Ist das überhaupt noch, was ich will?» und «Bin ich wirklich ein Künstler?» keinen Platz haben. Ich würde sagen, 60 Prozent der Ballettstudenten sollten keine Tanzausbildung machen. Sie sind keine Tänzer.

Was zeichnet denn Ihrer Meinung nach eine Tänzerin, einen Tänzer aus?

Talent hat nichts mit einem perfekten Körper zu tun. Es ist die psychologische Konstitution, die einen Künstler auszeichnet. Es braucht Wille, Passion, Zweifel, Rebellion, aber auch die Fähigkeit, demütig zu sein. Sonst hätten 80 Prozent der grossen Tänzer nie getanzt.

Martin Schläpfer zeigt mit dem Finger.

Bildlegende: Wille, Passion, Zweifel, Rebellion: Das braucht laut Martin Schläpfer ein Tänzer. SRF

Die Technik wurde in den letzten 500 Jahren auf die Spitze getrieben. Was kann oder sollte sich denn jetzt daran ändern?

Die Technik muss, wenn sie zeitgenössisch sein will, auch in unsere Zeit geholt werden. Das heisst: Wir müssen das Handwerk weiterentwickeln. Die Körperlichkeit, die Intensität muss extremer sein. Ich schiebe zum Beispiel häufig das Becken der Frauen, wenn sie auf Spitze gehen, nach vorne. Somit ist der Abdruck vom Boden schneller und damit aggressiver. Das hat nichts mehr mit Schweben zu tun. Da muss man eben forschen.

Technik ist das eine. Dorion Weickmann konstatiert im Ballett aber auch eine Dressur des Geistes. George Balanchines Wahlspruch zum Beispiel war ja: «Don’t think, just dance!». In Ihren Proben fällt auf, dass Sie genau das Gegenteil anstreben.

Die Zeiten haben sich geändert. Wir müssen uns von überholten Ansichten befreien, sonst entleert sich das Ballett. Wir brauchen Künstler auf der Bühne, keine Maschinen. Eine Tänzerin, ein Tänzer muss informiert, wissend sein, nicht nachahmend. Ich suche nach der Emanzipation in den Tänzern. Sie müssen ihr Wesen ausgestalten dürfen. Es braucht Input, Regieanweisungen, Bilder, Erklärungen. Tänzer sind im Idealfall wunderbare Menschen, intelligent und mit unglaublich viel Hingabe. Warum soll man sie uninformiert lassen?

Also nichts mit Dressur?

Nein.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Ballett oder: der dressierte Leib

    Aus Kulturplatz vom 9.3.2016

    «Der dressierte Leib» – so betitelte die Tanzkritikerin und Autorin Dorion Weickmann ihre Doktorarbeit über die Entwicklung des Balletts. In der Formung der Körper und Perfektionierung der Bewegungen im Laufe der Jahrhunderte macht die Berlinerin eine Art Dressur aus. Mit ihr hat «Kulturplatz» in Düsseldorf den Schweizer Choreografen und Ballettdirektor Martin Schläpfer besucht. Die Redaktion hat dem Meister bei seiner Arbeit über die Schulter geschaut und mit ihm über Dressur in der Tanzkunst gesprochen.

    Nicole Salathé

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