Die liebe Mühe der Deutschen mit dem Schweizer «Tatort»

Humorlos, verhärmt, klischeehaft: Der Schweizer Tatort muss in deutschen Medien oft harsche Kritik einstecken. Woran liegt’s? An der Synchronisierung, meint Tatort-Forscher Stefan Scherer. Und daran, dass er fürs deutsche Massenpublikum vielleicht zu subtil ist.

Ausschnitt aus der Titelgrafik des Tatort: Ein weisser Fingerabdruck, dahinter die Beine eines rennenden Mannes.

Bildlegende: Die Krimiserie Tatort zieht Millionen in den Bann – und lenkt den Blick auch auf die Schweiz. WDR Repro

Öd bis langweilig, holprig bis hölzern – Tatort-Folgen aus der Schweiz erhalten, so scheint es, regelmässig schlechtere Zensuren aus Deutschland als die ARD-Folgen. Oft steht dabei nicht die Handlung im Zentrum der Kritik, vielfach geht es um Sprache und Dialoge, um die regionale Einbettung.

Lokalkolorit gehört zum Tatort-Konzept

Haben die Deutschen also Mühe damit, wenn nicht geschliffenes Hochdeutsch in den Schluchten der Grossstadt gesprochen wird? Nicht unbedingt, sagt Stefan Scherer. Er hat im Rahmen einer Studie 500 der über 900 Tatort-Folgen unter die Lupe genommen.

Sprache, Dialekt und Lokalkolorit gehörten von Beginn an zum Konzept der Tatort-Reihe, beobachtet Stefan Scherer – auch in den deutschen Folgen. Die regionale Ausprägung komme aber in Wellen: «In den Nullerjahren war eine verstärkte Anbindung ans Regionale zu sehen: Etwa beim Schwaben Ernst Bienzle im SWR oder Charlotte Lindholm im NDR, die auf dem Land ermittelt, wo dann auch Dialekt gesprochen wird.»

Stolperstein Synchronisierung

Und doch macht Scherer ein Hauptproblem des Schweizer Tatort bei der Sprache aus. Während auf SRF der Tatort in Schweizer Mundart gezeigt wird, läuft bei der ARD eine synchronisierte Fassung. «Der Schweizer Tatort wird in ein ‹normalisiertes Schwyzerdütsch› übersetzt, das die Deutschen verstehen, die Schweizer tatsächlich aber so nicht sprechen. Dadurch entsteht Distanz, eine matte Atmosphäre.» Die Authentizität des Dialogs gehe oft verloren.

Das Problem kennt man bei SRF. An der Färbung der Sprache für die Synchronisation arbeite man laufend und sehr intensiv, sagt Lilian Räber, verantwortlich für den SRF-Tatort. Passend zur Rolle töne die Sprache hochdeutscher oder etwas schweizerischer. Es sei aber nicht einfach, die richtige Balance zu finden zwischen schweizerischer Einfärbung für ein deutsches Publikum und authentischem Klang.

Der krasseste Tatort kam aus der Schweiz

Synchronisationen leiden aber grundsätzlich unter kaum vermeidbaren Problemen: «Sie wirken immer etwas künstlich, wenn man die Unterschiede zu den Lippenbewegungen sieht», sagt Stefan Scherer. Man kennt das von amerikanischen oder französischen Filmen, die man nicht im Original schaut. Dieser Effekt schlage sich im Schweizer Tatort nieder, so dass er eher wie ein «ausländischer» Film wirke.

Wenn in Kritiken zu lesen ist, der Schweizer Tatort sei vergleichsweise «brav», kann Scherer das nicht nachvollziehen und erinnert an den allerersten Schweizer Fall: «‹Howalds Fall› hat sogar das Krasseste überhaupt gemacht: 1991 begeht der gerade eingeführte Ermittler Selbstmord, weil er das Inzest-Tabu mit seiner Tochter verletzt hatte. So etwas traut sich der Schweizer Tatort.» Zu brav – das sei ein Vorurteil, und werde zu oft unbedacht geäussert, meint Scherer.

Flückiger, der mit dem Leben hadert

Lilian Räber sieht Beispiele für wagemutigere Themen auch in jüngerer Zeit, etwa den Tatort «Skalpell», in dem es um Intersexualität ging. «Wir setzen uns zum Ziel, immer mal wieder gesellschaftliche Themen aufzugreifen, die es so im deutschen Tatort noch nicht gab.» Dazu gehört auch, dass bis heute nicht ganz klar ist, ob die Schweizer Ermittlerin Ritschard Frauen liebt oder nicht.

Ritschard und ihr Partner Flückiger belegen allerdings in einer aktuellen ARD-Umfrage nach den beliebtesten Tatort-Kommissaren die hinteren Ränge. Für Stefan Scherer nicht erstaunlich: «Flückiger ist ein alternder Mann, der mit sich und dem Leben hadert.» Diese schwierigere Charakterzeichnung hat einen schweren Stand verglichen mit dem beliebtesten Team Thiel und Boerne, das von der Komik in der Beziehung zwischen den Hauptfiguren lebt. «Da ist der Schweizer Tatort zum Teil zu subtil für den Massengeschmack der deutschen Zuschauer», glaubt Scherer.

Stefan Scherer

Ein Mann blickt durch eine Lupe auf einen Schirm, auf dem das Tatort-Logo zu sehen ist - das Auge in einem Fadenkreuz.

Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) erforscht Stefan Scherer, wie die Krimireihe soziales Leben und regionale Verhältnisse widerspiegelt. Im Rahmen seiner Studien hat er 500 «Tatort»-Folgen inhaltlich analysiert.

Sendehinweis

Am Sonntag, 7. September 2014 strahlte SRF 1 den siebten Schweizer Tatort aus: In «Verfolgt» geht es um Betrug, Eifersucht und das Schweizer Bankgeheimnis. Im Anschluss an die Sendung fand ein Live Chat statt mit Hauptdarsteller Stefan Gubser und Regisseur Tobias Ineichen auf srf.ch/tatort.

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