«Die Selbstausbeutung als Filmemacherin ist gross»

Sexuelle Selbstbestimmung geistig Behinderter: Mit ihrem provokativen Drehbuch blitzte Stina Werenfels bei der Filmförderung ab. Danach begeisterte «Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern» an der Berlinale, an den Solothurner Filmtagen und gilt nun als Favorit beim Schweizer Filmpreis.

Ein Portrait von Stina Werenfels. Sie sitzt vor einer roten Wand, an der ein Filmposter ihres aktuellen Films hängt.

Bildlegende: Stina Werenfels wurde in Basel geboren und verbrachte ihre frühe Kindheit in den USA, Spanien und Griechenland. SRF/David Oesch

Warum thematisieren Sie in «Dora» das sexuelle Erwachen einer Behinderten?

Autonomie und Selbstbestimmung nehmen heute den höchsten Stellenwert in der Gesellschaft ein – doch sind wir wirklich so liberal, wie wir uns geben? Theoretisch werden Menschen mit Behinderungen gleiche Rechte zugestanden. Beim Thema Sexualität und dem Wunsch nach Kindern stellt sich die vermeintlich offene Gesellschaft jedoch quer. Diese Fragen wollte ich stellen und erforschen. Zudem interessierte mich besonders die Mutter-Tochter-Beziehung.

Wie sind Sie zu dem Projekt gekommen?

Als ich das Theaterstück «Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» sah, hat das etwas in mir ausgelöst. Mit dem Skalpell seziert die Geschichte unsere Gesellschaft. Lukas Bärfuss, den Autor, habe ich erst später kennengelernt. Er mochte die Idee einer Verfilmung. Ohne zu zögern hat er mir alle künstlerischen Freiheiten gegeben, meine Version von Doras Geschichte zu erzählen.

Was war das Schwierigste bei der Realisation des Films?

Es brauchte einen langen Atem bis der Film endlich zustande kam. Da ich ausser vom SRF keine Fördergelder in der Schweiz erhielt, drehte ich den Film in Deutschland. Wir hatten ein kleines Budget und knappe Drehzeit. Aber ich hatte den Ansporn die Geschichte dieser lebensfrohen jungen Frau unbedingt zu erzählen. Um Doras Gefühlswelt darzustellen, filmten wir die Szenen aus zwei Perspektiven: durch die Augen von Dora und durch jene ihrer Eltern. Dadurch mussten wir jede Szene doppelt drehen, eine Herausforderung.

Was bedeutet der Schweizer Filmpreis für Sie?

Der Schweizer Filmpreis wird von einem Fachpublikum und zudem von Berufskollegen vergeben, die Filme analytisch anschauen. Das ist natürlich eine wichtige Form von Anerkennung.

Was machen Sie mit den 12'500 Franken, die Sie für die Nomination bekommen?

Wir werden vor allem Finanzlöcher stopfen (lacht). Das Mass an Selbstausbeutung als Filmemacherin ist gross. Da ist die Prämie natürlich wichtig – auch für die Entwicklung meines neuen Projektes, über das ich noch nicht zu viel verraten will.

Fünf Fragen an ...

Wir haben den Regisseuren, die in der Kategorie «Bester Spielfilm» für den Schweizer Filmpreis nominiert sind, je fünf Fragen gestellt.

Zur Person

Nach ihrem Pharmaziestudium an der ETH Zürich studierte Stina Werenfels (*1964) an der renommierten Filmschule Tisch School of the Arts in New York. Ihr Debütfilm «Nachbeben» über die Zürcher Bankerwelt begeisterte und fand sich letztes Jahr unter den 100 besten Schweizer Filmen aller Zeiten (Frame, Dezember 2014).