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Frauenstimmrecht Schweiz – ein langer, zäher Kampf
Aus Kontext vom 31.01.2021.
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50 Jahre Frauenstimmrecht Mehr Soziales und Umweltschutz, weniger Militär

Seit der Einführung des Frauenstimmrechts 1971 setzen Frauen andere politische Akzente als Männer. Ein Rückblick.

Nach einem zähen Kampf, der ein gutes Jahrhundert gedauert hatte, erhielten die Schweizerinnen im europäischen Vergleich sehr spät das Stimm- und Wahlrecht: Erst am 7. Februar 1971 fanden es die Männer an der Zeit, auch die Frauen politisch teilhaben zu lassen. Mit 66 Prozent der Stimmen sagten sie an der Urne dazu schliesslich Ja.

2,7 Millionen Frauen erhielten eine politische Stimme

Mit dem Entscheid von 1971 änderten sich die Mehrheitsverhältnisse im Land: Zu den 2,5 Millionen Stimmbürgern kamen nun rund 2,7 Millionen Stimmbürgerinnen hinzu. Vor der Abstimmung über das Frauenstimmrecht wurde befürchtet, dass dies zu einem politischen Umbruch führen könnte.

Altes Bild von demonstrierenden Frauen mit Plakaten in den Händen
Legende: Mit Plakaten werben Frauen des Aktionskomitees «Ein Ja für die Frau» am 5. Februar 1971 in der Schweiz für das Frauenstimmrecht. Keystone / STR

Eine Befürchtung, die nicht abwegig gewesen sei, meint die Politologin Cloé Jans. Denn das Verhalten an der Urne werde stark durch Werthaltungen bestimmt, so Jans. Und diese wiederum stützten sich auf persönliche Erfahrungen, die eigene gesellschaftliche Position und die ökonomische Situation. Die Frauen waren 1971 beruflich, wirtschaftlich und sozial bedeutend schlechter gestellt als die Männer, und das hätte auf ihr Abstimmungsverhalten durchschlagen können.

Mehr Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit

Cloé Jans zieht im Buch «50 Jahre Frauenstimmrecht» Bilanz: Auch wenn nach der Einführung des Frauenstimmrechts keine «Revolution» stattgefunden habe, setzten die Stimmbürgerinnen bei einzelnen Themen deutlich andere Akzente als die Stimmbürger.

Buchhinweis

Isabel Rohner und Irène Schäppi (Hrsg.): «50 Jahre Frauenstimmrecht. 25 Frauen über Demokratie, Macht und Gleichberechtigung». Limmatverlag, 2020.

Eine umfassende Untersuchung von nationalen Volksabstimmungen zwischen 1981 und 2003 zeigt, dass sich Frauen mehr Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit und einen stärkeren Ausbau des Gesundheitswesens wünschen als Männer.

Altes schwarz-weiss Bild von Frauen an der Urne
Legende: Frauen setzen im politischen Abstimmungskampf andere Akzente als die Männer: Sie stimmen tendenziell sozialer und umweltfreundlicher. Keystone / STR / Photopress-Archiv

Frauen stimmen für soziale Integration

Diese Präferenzen bestätigen sich in den neueren Abstimmungsanalysen. Bei zehn von knapp 300 eidgenössischen Vorlagen in den letzten 30 Jahren gab es zehn Entscheide, bei denen die Frauen mehrheitlich anders stimmten als die Männer. Bei sieben davon waren sie erfolgreich.

So brachten sie 1994 die erleichterte Einbürgerung für junge Ausländerinnen und Ausländer und auch die Antirassismus-Strafnorm durch. Zwei Jahre später liessen sie die Initiative gegen illegale Einwanderung scheitern. Weiter verhinderten sie 1997 Leistungsverkürzungen für Arbeitslose. Mit diesen vier Entscheiden stärkten sie deutlich die soziale Integration in der Schweiz.

Gripen zum Absturz gebracht

Durchgesetzt haben sich die Schweizerinnen an der Urne 1994 auch bei der Abstimmung über die Alpen-Initiative, Link öffnet in einem neuen Fenster. Sie brachen damit für den Alpen- und Naturschutz eine wichtige Lanze. Das Ja brachte den Urner Landammann zum Tanzen, auch wenn er damals noch nicht wissen konnte, dass das Resultat neben dem Ständemehr der Mehrheit der weiblichen Stimmen zu verdanken war.

Die Stimmbürgerinnen drückten in den letzten 30 Jahren zwei weitere wichtige Entscheide durch: Sie sorgten 2008 dafür, dass sexueller Missbrauch von Kindern nicht mehr verjährt. Und schliesslich brachten sie 2014 die Beschaffung des Kampfflugzeugs Gripen zu Fall.

Alles in allem haben diese Entscheide mit spezifischen Werthaltungen zu tun, so die Wahlforscherin Cloé Jans. Die Frauen würden die vorhandenen Steuergelder anders investieren: weniger Militär, mehr Umwelt und mehr Soziales.

SRF 1, 10vor10, 28.01.2021, 21:50 Uhr.

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Domi Becker  (die etwas andere Sichtweise)
    Was Sie im Artikel unterschlagen:
    1989: Die Ablehnung der GSOA-Initiative "Armeeabschaffung" haben wir den Frauen zu "verdanken", Leider wurde nicht erhoben, warum die Mehrheit der Frauen für die Beibehaltung der Armee war. "Unterstellen" wir den Frauen von damals mal, voll hinter dem damaligen Konzept der Landesverteidigung gestanden und nicht einfach mal 3 Wochen Ruhe vor den Männern zu haben ;)
    Die dienstpflichtigen Männer waren übrigens mehrheitlich FÜR die Abschaffung.
    Beides erhellend.
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  • Kommentar von Richard Meier  (meierschweiz)
    Logisch, stimmen Frauen, die keinen Militärdienst leisten, anders über Fragen zur Armee ab. Nach meiner Meinung war es vor 50 Jahren ein Fehler, das Stimm- und Wahlrecht an die Frauen zu verschenken und nicht an deren obligatorische Teilnahme am Militärdienst zu knüpfen. Ganz nach dem Motto: Gleiche Rechte - Gleiche Pflichten!
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    1. Antwort von Takeshi Kovacs  (Envoy)
      Warum für Frauen den Militärdienst, statt für alle abschaffen? Oder Zivildienstpflicht.

      "das Stimm- und Wahlrecht an die Frauen zu verschenken" Also bitte, was für eine arrogante, chauvinistische Aussage. Haben Sie das Gefühl die Schweiz ist nun irgendwie heilig, weil sie den Frauen erlaubt hat, abzustimmen? Ist ja nicht so, wie wenn das eigentlich ein Grundrecht ohne wenn und aber sein müste, nein, die Frauen sollen doch dankbar sein und uns die Füsse küssen. Come on.
    2. Antwort von Tina Blatter  (tibebl)
      Es schockiert mich zutiefst, dass es noch immer Leute gibt, die finden, ein Stimm- und Wahlrecht, also ein elementares Grundrecht, sei den Frauen "geschenkt" worden. Und es haut mich aus den Socken, wieviele so einer Aussage noch zustimmen. Genau solche Aussagen zeigen doch, dass in vielen Köpfen noch so richtig verkrustete Bilder haften.
      Wahrhaftig - es ist noch ein langer Weg.
    3. Antwort von Tina Blatter  (tibebl)
      Die logische Schlussfolgerung bei Ihnen wäre ja dann, dass dienstuntaugliche Männer auch kein Wahlrecht hätten... Demzufolge Menschen mit körperlicher Behinderung bspw. auch nicht... Was machen wir mit den Zivildienstleistenden? Wahlrecht auf kantonaler Ebene? Und Zivilschutzleistende auf Gemeindeebene? Sie sehen, wirklich absurd.
    4. Antwort von Marc Kilchenmann  (marckilchenmann)
      Es sind die Frauen, die den Grossteil der unbezahlten Care-Arbeit übernehmen. Ihr Argument mit der Militärdienstpflicht ist deshalb für mich als Mann nur noch beschämend.
  • Kommentar von Roger Ebischer  (RO.Ebi)
    Die Gesetztesgebung sah es ebenso vor, dass Männer die keinen Wehrdienst leisteten, Schulden hatten und anderen Kriterien nicht befolgten, ebenso von den Abstimmungen ausgeschlossen waren. Diese Gesetzgebung verhinderte ebenso dass viele Männer sich gar nie für ein Frauenstimmrecht einsetzen konnten. Es wäre an der Zeit die Geschichte mit den wichtigen Details auf zu arbeiten, als ein Genderkrieg anzuzetteln.
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    1. Antwort von Martin Wyser  (Martin Wyser)
      Herr Ebischer, es stimmt einfach nicht, dass Dienstuntaugliche oder Verweigerer kein Stimm- oder Wahlrecht hatten. Ich kenne einige; auch einer meiner Vorfahren, dienstuntauglich, hatte 1920 alle politischen Rechte.