60 Jahre vor der Glotze – Fernsehen als Spiegel der Gesellschaft

Seit gut einem halben Jahrhundert flimmert in unseren Wohnzimmern das Fernsehen: zeigt unterhaltsame, dramatische und haarsträubende Sendungen. Eine Ausstellung im Historischen Museum Basel zeigt die Geschichte des Mediums und wie sich das Fernsehen verändert hat.

129 Minuten am Tag: So lange schaut der durchschnittliche Deutschschweizer Fernsehen. 129 Minuten, deren Einfluss nicht zu unterschätzen ist: «Ein Medium, das mit Bewegtbild und Ton zwei Stunden pro Tag konsumiert wird, verändert logischerweise. Auch die Werbung verändert. Der Impact ist riesig», sagt der Ausstellungsmacher Christoph Stratenwerth. Die These der Ausstellung geht jedoch nicht nur in eine Richtung: Die Gesellschaft beeinflusst das Fernsehen – und umgekehrt.

Als die Kiste zu flimmern begann

Drei alte Fernsehapparate, die in Holz gekleidet sind, und eine Kamera.

Bildlegende: In Holz gekleidet: Der Fernsehapparat, wie er früher aussah. HMB, Natascha Jansen

Die Ausstellung beginnt mit einer detaillierten Chronik der Deutschschweizer Fernsehgeschichte. Dutzende Informationstafeln, Zeitungsausschnitte und Zuschauerbriefe dokumentieren die ersten Gehversuche, zeugen von Erfolg und Rückschlag und erinnern an politische und pädagogische Widerstände.

1977 titelte die Schweizer Illustrierte etwa: «Hilfe, das Fernsehen frisst uns!». Die Ausstellung ruft wohltuend ins Gedächtnis, dass es angstbesetzte Mediendebatten schon immer gab, nicht erst mit dem Aufkommen des Internets.

Was Christoph Stratenwerth beim Anschauen des üppigen Archivmaterials besonders beeindruckt hat, ist die Debattenkultur, die das Fernsehen einst besass: «Wenn man sich anschaut, mit welcher Ruhe und zum Teil auch mit welcher Diskussionskultur und mit welchem Niveau im Fernsehen der 1970er- und 1980er-Jahre diskutiert wurde und das mit heute vergleicht, überrascht das immer wieder.»

Fertig mit Ruhe: Das Privatfernsehen kommt

Mit der Ruhe war es Mitte der 1980er-Jahre vorbei. Das Privatfernsehen kam auf. Die Ausstellung thematisiert diese Zäsur mit einer räumlichen Installation. Das Herzstück der Schau. Plötzlich herrschte freier Markt. Und eine Quotenschlacht. Die Panik war gross.

Um sich gegen die internationalen TV-Formate als kleiner Landessender zu behaupten, konzentrierte sich das damalige Fernsehen «DRS» auf die Hauptsendezeiten. Man setzte auf einen starken Wiedererkennungseffekt und auf Schweizer Inhalte. Das ist noch heute so. Heute heisst der Konkurrent allerdings Internet.

Ein Spiegel der Gesellschaft

Im letzten Teil der Ausstellung taucht man in die Zeitgeschichte ein: Kinder- und Jugendsendungen von damals und heute werden zum Beispiel gezeigt. Die Unterschiede könnten nicht grösser sein, sei es inhaltlich oder vom Tempo her. Das Fernsehen als Spiegel der Gesellschaft. «Man sieht unter einer Art Brennglas in die gesellschaftlichen Veränderungen hinein. Gleichzeitig hat man die berechtigte Vermutung, dass dieses Brennglas auch die Beschleunigungsmaschine von diesen Prozessen ist. Niemand kann uns beweisen, wie die Schweizer Geschichte verläufen wäre, wenn wir das Fernsehen nicht gehabt hätten. Aber wir haben alle die Vermutung, dass es doch eine starke Auswirkung gehabt hat.»

Berechtigt ist die Vermutung von Christoph Stratenwerth tatsächlich. Und es ist eine Frage, die sich beim Rundgang durch die Ausstellung stellt: Wie stark beeinflusst das Fernsehen unsere Gesellschaft? Und wo genau? Das Fernsehen hat sich über die Jahre stark verändert. Das zeigt die Ausstellung mit seinen unzähligen Objekten und Geschichten. Aber wie das Fernsehen uns verändert, bleibt offen.

Sendung: Kultur kompakt, SRF 2 Kultur, 18.9.2014, 12:10 Uhr

Zur Ausstellung

Die Ausstellung «Flimmerkiste – 60 Jahre Fernsehen zwischen Illusion und Wirklichkeit» ist vom 19. September 2014 bis zum 8. Februar 2015 im Historischen Museum Basel zu sehen.