Achtsamkeit: Sich nicht in Gedanken verlieren, sondern innehalten

Wer unter Stress, Überlastung und Schlaflosigkeit leide, solle sich in Achtsamkeitsmeditation üben, sagt Yuka Nakamura. Die Achtsamkeitslehrerin ist sicher: Damit würden diese zeittypischen Probleme minimiert. Damit reiht sie sich in die Lehre des Achtsamkeits-Vaters Jon Kabat-Zinn ein.

Eine Frau vor einem weiten Horizont mit Meer

Bildlegende: Achtsamkeit – der Schlüssel zum Glück? Flickr/image catalog

Die «Mindfulness-Based Stress Reduction» rief der Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn vor 36 Jahren ins Leben. Mittlerweile interessieren sich Stars und Wirtschaftselite für die «benefits» dieser Methode. Der Erfolg von «MBSR» ist nicht zuletzt aufgrund der bemerkenswerten Ergebnisse der Neurowissenschaft zurückzuführen. In diesem Gebiet interessiert man sich immer mehr für den positiven Einfluss von Meditation auf das menschliche Gehirn. Aber was ist Achtsamkeit eigentlich – und weshalb die Methode in aller Munde?

Von Lebensdunst zu Lebenskunst

Psychologin und Achtsamkeitslehrerin Yuka Nakamura erklärt: Viele ihrer Kursteilnehmer merken, dass sie an ihre Belastungsgrenzen kommen, sei es durch einen stressigen Beruf, schwierige familiäre Umstände, Krankheiten oder andere schmerzhafte Erfahrungen: «Der subjektiv erlebte Stress ist heutzutage sehr hoch.» Dies könne man auch immer wieder in Studien lesen. Das Achtsamkeitstraining lehre einen anderen Umgang mit solchen Situationen.

Laut Nakamura hilft das Training, aus gewohnten Mustern der Stressreaktionen (Angst, Ärger, Verleugnung etc.) auszusteigen und schwierigen Situationen mit einer anderen inneren Haltung von Gelassenheit und Aufmerksamkeit zu begegnen. Achtsamkeit – darin sind sich die Vertreter der Methode einig – sei eine Form der Lebenskunst. Regelmässig geübt, nehme die Häufigkeit an positiven Gefühlen zu.

Besser mit Gefühlen umgehen

«Achtsamkeit ist eine Qualität der Geistesgegenwart und des ‹In-Kontakt-Seins› mit der jetzigen phänomenalen Erfahrung», sagt Nakamura. In verschiedenen Übungen lerne man, sich nicht in Gedanken zu verlieren, sondern innezuhalten und die Aufmerksamkeit aufs Hier und Jetzt zu lenken. Zudem soll die innere Haltung frei von Verlangen oder Ablehnung sein. Dies ermögliche es, einen anderen, konstruktiveren Umgang mit belastenden Situationen zu finden und das eigene Leben bewusster und selbstverantwortlicher zu gestalten.

Historisch betrachtet ist diese Praxis buddhistisch geprägt. Jon Kabat-Zinn aber war interessiert daran, die vielen positiven Effekte dieser Meditationsform für alle zugänglich zu machen. Deshalb säkularisierte er die Methode. Scheinbar mit Erfolg.

Das Achtsamkeitstraining eignet sich aber nicht nur für Menschen in emotionalen Ausnahmezuständen. Es kann auch Kindern helfen, mit ihren Gefühlen besser umzugehen, Verhalten und Impulse besser steuern zu können. Nakamura: «Schätzungsweise zeigen bis zu 20 Prozent der Kinder klinische Auffälligkeiten in ihrem Verhalten – das ist eine hohe Zahl. Wenn man diesen Kindern durch Achtsamkeit helfen könnte, wäre das sehr wertvoll.»

Zur Person

Dr. Yuka Nakamura ist Psychologin, MBSR-Lehrerin und -Ausbildnerin. Sie ist Co-Leiterin des CFM Zentrum für Achtsamkeit in Zürich und als Lehrerin, Autorin und Referentin tätig. Nakamura praktiziert und lehrt buddhistische Meditation u.a. im Meditationszentrum Beatenberg.

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Jon Kabat-Zinn ist Gast in der Sendung Sternstunde Philosophie vom Sonntag, 14. Februar 2016. Barbara Bleisch spricht mit ihm darüber, ob Achtsamkeit die neue Glücksformel von heute ist. Die Sendung ist hier bereits jetzt zu sehen.

«MBSR»

«Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR)», «Stressbewältigung durch Achtsamkeit», wurde 1979 von Prof. Jon Kabat-Zinn als achtwöchiger Kurs an der Universitätsklinik von Massachusetts entwickelt und ist ein intensives Training in Achtsamkeit mit Hilfe von verschiedenen Übungen.

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