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Gesellschaft & Religion Achtung Atommüll – wie warnen wir unsere Nachfahren?

Mit der sicheren Endlagerung von Atommüll ist es nicht getan. Die verbrauchten Brennstäbe strahlen auch noch nach Zehntausenden Jahren. Wie können wir verhindern, dass Menschen in der fernen Zukunft sie irrtümlich ausgraben?

Ein Mann steht vor einer gelben Tonne und hält ein leuchtendes, gelbes Kreuz in der Hand.
Legende: Welche Piktogramme erwiesen sich über Jahrtausende als konstant – und könnten auch in ferner Zukunft verständlich sein? Reuters

Die ältesten Pyramiden sind knapp 5000 Jahre alt. Hätten die alten Ägypter eine für uns im 21.Jahrhundert verständliche Warnbotschaft verfasst, könnten wir diese interpretieren?

Etwa so präsentierte sich die Aufgabe, die das US-Energieministerium Anfang der 1990er-Jahre einer gemischten Gruppe von Experten stellte: Linguisten, kognitive Psychologen, Anthropologen und Architekten. Sie sollten Ideen für ein Warnsystem vor Atomendlagerstätten entwickeln, das Menschen in 12'000 Jahren verstehen könnten.

Das Konzept soll konkret an der derzeit einzigen geplanten Endlagerstätte der USA umgesetzt werden, dem Waste Isolation Pilot Plant, Link öffnet in einem neuen Fenster im US-Staat New Mexico. Monolithe sollen die Stätten markieren. Doch die Frage ist: Was schreibt man auf die Marker und Wände der Anlage?

Was heißt schon universell?

Zeichnung, die darstellt, das aus Tieren Menschen wurden.
Legende: Versuch einer für Ausserirdische verständliche Darstellung der Evolution. Jon Lomberg

«Da hat man uns wirklich vor ein einzigartiges Problem gestellt», erinnert sich Jon Lomberg, Link öffnet in einem neuen Fenster, Mitglied der Kommission. Der Maler und Autor hatte sich bis dahin mit der Verständlichkeit von Informationen für andere Wesen beschäftigt: für Ausserirdische. Lomberg entwarf etwa Zeichnungen zum Thema Evolution, die die US-Weltraumbehörde NASA auf den sogenannten Golden Records, Link öffnet in einem neuen Fenster der beiden Voyager-Sonden, Link öffnet in einem neuen Fenster 1977 ins All schickte.

Eine frühe Erkenntnis der damaligen Diskussion: Symbole sind wandelbar. Der Totenkopf mit gekreuzten Knochen zierte einst Piratenflaggen und markiert heute Giftbehälter. Er steht also universell für Tod und Gefahr. «Doch im frühen Christentum», merkt Lomberg an, «bedeutete das Symbol das Gegenteil, nämlich Wiederaufstehung.»

Storytelling im Comicstrip

Welche Piktogramme erwiesen sich über die Jahrtausende als konstant? «Das ist das Strichmännchen», erklärt Anthropologe David Givens, Link öffnet in einem neuen Fenster, Experte für nonverbale Kommunikation. Von den Höhlenmalereien bis zu den frühen Hieroglyphen bezieht sich ein Strichmännchen immer auf Menschen.

Ein Comic zeigt ein Männchen, dass sich einem Fass mit Atom-Müll-Markierung nähert und umkippt.
Legende: Entwurf einer Comic-Warnung: Eine Berührung mit dem gekennzeichneten Fass streckt nieder. WIPP

David Givens brachte Hefte der Comics aus den 1930er-Jahren in die Brainstorming-Runde: die Henry-Comics. Hauptfigur ist der kahlköpfige Bub Henry, der nicht sprechen kann und sich durch Pantomime ausdrückt. So entstand die Idee zu einer kurzen Bilderstrecke mit einem Männchen, das vor tödlichem Atommüll warnt.

Doch schon eröffnete sich das nächste Problem: die Erzählrichtung. Wer üblicherweise von links nach rechts liest, versteht, dass Kontakt mit dem Fass den Tod bringt. Umgekehrt nimmt sich das Fass jedoch als Jungbrunnen aus. Man einigte sich deshalb auf eine vertikale Erzählrichtung. Denn, von einer Handvoll früher Skripte abgesehen, gibt es kein Schreibsystem, das von unten nach oben gelesen wird.

Eine zweite Warnung, auf die man sich einigte, ist in Worte gefasst und wird von zwei Gesichtern flankiert. Sie stellen zwei Emotionen dar, die in ihrem Ausdruck als universell gelten: Ekel und Angst. Letzteres angelehnt an Edvard Munchs berühmtes Bild «Der Schrei».

Die Zeit wird knapp

2033 soll die US-Pilot-Endlagerstätte in New Mexico versiegelt werden. Bis dahin sind es noch – oder nur noch – knapp zwei Jahrzehnte. Die Sicherheit soll für die nächsten 100 Jahre danach durch aktive Beobachtung gewährleistet sein. Erst dann bleiben lediglich die architektonischen und symbolischen Markierungen. Das klingt nach viel Zeit, aber: «Irgendwann müsse man beginnen, die Ideen zu testen», so John Lomberg.

Eines wird man nie wissen: Ob das entwickelte Warnsystem auch funktionieren wird. «Aber wer weiss», so Lomberg, «vielleicht haben die Menschen in ein paar Tausend Jahren eine Methode gefunden Atommüll zu nutzen.». In diesem Fall wären die Zeichen und Symbole, die Lagerstätten markieren, fast so etwas wie die Markierung auf den alten Schatzkarten: Dort wo das X ist, gräbt man getrost los.

8 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Kummer, Gümligen
    Vor ca. 5000 Jahren oder mehr wurde schon einmal ein Endlager gebaut. In weiteren 5000 Jahren werden die Überreste als "Heiliger Ort" dienen, das heisst, man wird - wider besseren Wissens - diese Strahlen zur Aufnahmezeremonie in die Gemeinschaft der Erwachsenen verwenden. Wer kann also diese Menschen warnen? Einzig ein Mensch aus der heutigen Zeit, der sich mit der Problematik auseinandersetzt. Zu lesen in 'DER GLASSTUHL' im eigen-ART-verlag oder http://www.pekkele.ch/der-glasstuhl
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  • Kommentar von Rudolf R. Blaser, Aeschi
    Nach ges.Menschenverstand istEndlager so zu planen,dass es restlichesLeben nicht bedroht,wenn es Menschheit nicht mehr gibt.Alles fliesst,normalerweise vonOben nachUnten.Somit istLager zuoberst auf demHaufen reinerWAHNSINN+wird alle unteren Anrainergebiete verseuchen,wennEiszeiten alles pulverisieren.Somit muss Endlager in südlichereBreitengrade.Diese missratene+misslungeneTechnologie bedroht uns stündlich+die nachfolgenden55'000Generationen+hat ihrenUrsprung direkt in der Hölle.
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    1. Antwort von markus muenger, saase
      ich kenn mich mit Atommüll nicht aus, aber beim Lauf der Natur denke ich nicht dass alles nach unten läuft sondern, alles ist ein Kreislauf. Von oben fließt alles ins Meer wird dort von der Wärme wieder in die Höhe gezogen und lässt es oben auf dem Berg wieder runter. Alles in den Süden zu transportieren scheint mir eher eine Ausrede als eine Lösung. Ihrem letzten Satz stimme ich zu.
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  • Kommentar von M. Roe, Gwatt
    Am besten, man vergräbt ihn nicht. Das wäre so nach dem Prinzip aus den Augen aus dem Sinn. Und im Meer vergraben ist noch dümmer. Wir müssen zu jedem AKW oberirdisch eine Pyramide bauen und die schlimmsten Teile darin gut eingepackt aufbewahren. So könnten dann auch die AKW-Befürworter jeden Tag sehen, dass hier noch etwas ruht, das erforscht und "entschärft" werden sollte, bevor man es erneut einsetzt. Diese Pyramiden wären dann grosse Mahnmale, die vielleicht auch dem Sport dienen könnten.
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