«Alles was neu ist, verdanken wir Zufällen»

In unserem modernen Leben hat der Zufall immer weniger Platz. Wir planen Karrieren, suchen online den perfekten Partner, wollen sowieso alle Risiken ausschalten. Was uns dabei alles entgeht, hat der deutsche Wissenschaftsautor Stefan Klein untersucht. Ein Plädoyer für die Kraft des Zufalls.

Eine Frau scheint erschrocken oder überrascht zu sein. Sie reisst die Augen auf und hat den Mund offen.

Bildlegende: Sich dem Zufall zu öffnen, heisst mit offenen Augen durch die Welt gehen. Getty Images

Stefan Klein, wie stehen Sie persönlich zum Zufall?

Positiv. Ich freue mich, in einer Welt zu leben, in der nicht alles vorbestimmt ist. Ich habe mich zum Beispiel durch reinen Zufall in meine Frau verliebt – jeder Mensch verliebt sich durch Zufall, sie können nicht voraussehen, wen sie treffen werden.

Unsere Gesellschaft lebt aber eher schlecht mit dem Zufall – weshalb?

Das ist so, weil das Unvorhergesehene dem Menschen Angst macht. Paradox dabei ist: Wir leben heute so sicher wie nie zuvor in der Geschichte. Trotzdem haben wir vor Zufällen Angst, wir können da ruhig selbstbewusster sein.

Wenn also unser Leben zufällig abläuft, stehen wir dann nicht im Verdacht, es zu vertändeln?

Mag sein, aber wenn Sie den Zufall völlig aus ihrem Leben ausschalten, dann ist Ihr Leben viel enger, als es sein müsste. Dann gucken Sie nicht nach links, nicht nach rechts. Da mögen Sie vielleicht eine Zeit lang gut damit fahren, aber in einer Welt, die sich ständig verändert, fallen Sie irgendwann auf die Nase.

Was ist denn Ihre Strategie?

Ich rede ja nicht von völliger Wahllosigkeit. Selbstverständlich müssen wir planen, überlegen. Es geht darum, dass wir mit einer gewissen Gelassenheit durchs Leben gehen und akzeptieren, dass es Unvorhersehbares gibt. Anerkennen, dass wir Fähigkeiten haben, damit umzugehen. Und uns freuen, dass es dieses Unvorhersehbare gibt, weil nur so können wir lernen.

Inwiefern lernen wir davon?

Grosse Entdeckungen geschehen zufällig. Wenn Sie schon wissen, was Sie suchen, machen Sie keine Entdeckungen mehr. Künstler machen sich seit jeher den Zufall zunutze. Alles was neu ist, verdanken wir Zufällen. In der Wissenschaft sucht man den Zufall systematisch, man simuliert den Zufall, weil man möglichst vorurteilsfrei an Probleme herangehen möchte. Sich dem Zufall zu öffnen, heisst, seine Vorurteile über Bord werfen und mit offenen Augen durch die Welt gehen.

Gehe ich unter der Wohnung eines Freundes vorbei und er ruft mich just in diesem Moment an – ist das noch Zufall oder gilt da gar eine kosmische Verbindung?

Nein, das war keine kosmische Verbindung mit Ihrem Freund. Er ruft Sie wahrscheinlich ziemlich häufig an und einmal in vielen Jahren grad dort. Das merken Sie sich.

Das ist übrigens auch der Grund, warum wir unangenehme oder sogar existenzbedrohende Zufälle so stark überschätzen. Wir merken uns den einen Germanwings-Flug, der abgestürzt ist. Das beschäftigt uns wochenlang, monatelang. Die Millionen Flüge, die jeden Tag auf der ganzen Welt starten und landen, die vergessen wir sofort wieder. Das liegt an unserer selektiven Wahrnehmung.

Unser Alltag ist voller kleiner Einzelereignisse. Sind wir darauf angewiesen, Zusammenhänge zu konstruieren, um uns nicht zu verlieren?

Wir lernen, indem wir ständig echte oder vermeintliche Koinzidenzen auswerten und spekulieren über eine Gesetzmässigkeit. Dabei schiessen wir manchmal etwas über das Ziel hinaus. Dann sehen wir Gesetze, wo keine sind, oder eben Gespenster.

Ist denn letztlich unsere Existenz, die Welt, ein Zufall?

Genau. Es gibt schon Naturgesetze, der Zufall nicht kann nicht vollkommen frei walten. Aber da geschieht nichts deterministisch, vorbestimmt oder gesteuert. Das gilt für jeden Einzelnen von uns. Mir hat es immer schon Spass gemacht, mir vorzustellen: Wenn meine Eltern sich nicht begegnet wären, würde es mich nicht geben.

Solche Zufälle haben etwas Faszinierendes. Die ganze Unterhaltungsindustrie lebt davon. Einen Film, der vorhersehbar ist, würde niemand sehen wollen. Aber im Leben erwarten wir, dass alles am Schnürchen läuft!

Kinder «nach Mass» ist heute ein wichtiges Thema. So auch deren Zukunftsplanung.

Wie sich Kinder entwickeln, was sie für ein Leben haben, hängt von so vielen Zufällen ab. Wir haben ihre Entwicklung nur grob in der Hand. Kinder kreieren ihre eigene Welt, das können Sie nicht steuern. Eltern können bestimmte Rahmenbedingungen setzen, sie gut behandeln – aber die Kinder in eine bestimmte Richtung lenken, das können sie nicht. Ich glaube, es steht uns gut an, da eine gewisse Bescheidenheit oder Demut zu zeigen.

Zur Person

Ein Porträt von Stefan Klein.

Andreas Labes

Stefan Klein studierte Physik und analytische Philosophie. Heute gilt er als der erfolgreichste deutsche Wissenschaftsautor mit Bestsellern, wie «Die Glücksformel» oder «Alles Zufall». Zuletzt hat er den Altruismus und das Träumen ergründet.

Sendehinweis

«(Kein) Zufall» ist Thema im Kulturplatz, am Mittwoch 12.8.2015 um 22:25 Uhr auf SRF 1.

Sendung zu diesem Artikel