Amazon am Pranger

Der Internetriese Amazon hat sich mit schlechten Bedingungen für seine Leiharbeiter, Knebelverträgen für Kleinverlage und mit seinen Datenschutzregeln zum Auge eines «Shitstorms» gemacht. Die Aufruhr im Netz ist gross: Es wird zum Boykott aufgerufen.

Amazon hinter Gittern.

Bildlegende: Amazon - knallhart und grausam gegenüber Leiharbeitern und Verlagen. Keystone

Der Online-Versandhandel Amazon ist grosser Kritik ausgesetzt. Der Auslöser ist eine Reportage der ARD über schlechte Arbeits- und Wohnbedingungen der Leiharbeiter. Die Mitarbeiter würden in Angst leben und arbeiten, heisst es im Beitrag. Es ist sogar von «modernisierter Sklaverei» die Rede. Und das nicht im fernen Asien, sondern fast vor der eigenen Haustür, in Nordrhein-Westfalen (D).

Ohne Amazon verschwindet die Lizenz zum Lesen

Amazon ist schon seit langem unter Beschuss von verschiedenen Seiten: Kleinverlage prangern Knebelverträge an, die keine Rendite mehr zulassen, so dass die Existenz der Verlage bedroht werde. Kunden klagen über Schlupflöcher im Datenschutz, die die Weitergabe von Informationen an Tochterfirmen zulassen. Autoren werden davon abgehalten, Bücher anderer Autoren zu kommentieren, denn Amazon wählt aus, wer die Kommentarfunktion nutzen darf.

Und die Benutzer, die sich für eine Kündigung des Amazon-Accounts entschlossen haben, bemerken plötzlich, dass E-Books vom Kindle-Reader verschwinden. Kein Amazon, keine Lizenz zum Lesen.

Das Auge des Sturms

Die Kritik hat einen «Shitstorm» provoziert: Massenweise Protest in den Social Media-Kanälen, der Gewerkschaft ver.di, in Blogs, offenen Briefen, in den Kommentaren in Zeitungen.

Beispielsweise gründen Nutzer auf Facebook Gruppen wie z.B. «Amazon, nein danke» mit 4'500 Anhängern oder «Amazon Boykott Deutschland - ich bin dabei» mit 2'500 Anhängern. Auf Change.org sammelte die deutsche Dienstleistungs-Gewerkschaft ver.di 32'000 Unterschriften.

In der Vergangenheit mussten viele Firmen diese Form gebündelter Kritik ertragen, wie zum Beispiel die Computerfirma «Apple».

Die Konzerne reagieren, so auch Amazon. Amazon hat Verträge zu den Firmen, die die Leiharbeiter anstellen und unterbringen, aufgelöst. Doch den Verlegern, Autoren und Kunden reicht das nicht. Das Vertrauen ist erschüttert. Woher weiss der Kunde, dass jetzt alles «wieder gut» ist? Gar nicht.

Der Blick in die Schweiz

Der kleine Verlag Dörlemann aus Zürich feiert sein 10jähriges Bestehen. Die Stimmung in diesem Jubiläumsjahr könnte allerdings besser sein. Der Grund: Amazon. Die Einnahmen brechen ein, da viele Schweizer Leser bei Amazon in Deutschland bestellen.

Und das bedeutet für den Dörlemann Verlag konkret, dass er pro verkauftes Buch weniger verdient. Amazon - die klare Nummer eins im Onlinebuchhandel mit einem Gesamtumsatz von fast 50 Milliarden US-Dollar - drückt massiv auf die Margen.

Auch der Verleger des Zürcher Unionsverlags, Lucien Leitess, hat den Fernseh-Bericht gesehen. Überrascht war er keineswegs: «Genauso hart und grausam ist Amazon beim Einkauf der Konditionen der teilnehmenden Verlage».

Zweifelhafte Geschäftsgebaren

Im Gegensatz zum kleinen Unionsverlag konnte die Schweizer Nummer 1, der Diogenes Verlag, einiges für sich rausholen - zumindest wird darüber in der Brache gemunkelt. Diogenes selber wollte sich gegenüber SRF 2 Kultur allerdings nicht dazu äussern.

Lucien Leitess fällt auf, dass vielen Käufern nicht bewusst sei, wie knallhart das Geschäftsmodell von Amazon ist. Ein Beispiel: «Der Kunde sollte sich bewusst sein, dass die Titel, die ihm vorgeschlagen werden als besondere Empfehlung von Amazon, von den Verlagen teuer gekaufte Plätze sind.» Die echte Empfehlung gibt es also doch nur beim Buchhändler.

Boykott ist die falsche Lösung

Mindestens zwei deutsche Kleinverlage hatten genug von dem Druck auf die Margen und kündigten ihre Zusammenarbeit mit Amazon. Der Dörlemann Verlag und der Unionsverlag hingegen lehnen einen Boykott ab. Der Grund liegt auf der Hand: Amazon ist zum wichtigen Abnehmer geworden, auch bei den Kleinen. Branchenkenner schätzen, dass Amazon bis zu 15 Prozent des gesamten Buchhandelsumsatzes abdeckt.

Der Buch-Kunde entscheidet, ob er sich von Amazon bequem beliefern lassen möchte oder die Beratung beim lokalen Händler schätzt. Die Verantwortung über den Einkauf bleibt am Ende beim Kunden und die der Gesetzgebung bezüglich Wettbewerbsvorteile bei der Politik.