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Frau auf einem Rollstuhl
Legende: Heute noch munter, morgen vielleicht schon in kritischem Zustand: Corona macht den Alltag im Pflegeheim zur turbulenten Berg- und Talfahrt. imago images / Norbert Schmidt
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Aus dem Tagebuch eines Arztes Chronik eines unangekündigten Corona-Todes

Alltag im Ausnahmezustand: Ein junger Arzt erzählt von seiner Arbeit in einem Alterspflegeheim während der Covid-Pandemie. Ein überarbeiteter Tagebucheintrag vom Januar 2021.

Simon John

Simon John

Arzt und Journalist

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Simon John hat in Basel Medizin studiert und arbeitet derzeit in einem Zürcher Alters- und Pflegezentrum als Assistenzarzt. Daneben schreibt er für verschiedene Medien über Gesundheitsthemen.

Herr Seymour* würde besser in ein britisches Kaffeehaus passen als auf die Covid-Station im Pflegezentrum. Der etwas beleibte Herr ist gerade erst angekommen und sitzt verloren am Tisch.

Seine Augen sind feucht und er spricht leise Englisch: Er habe Angst, weil er das Coronavirus erwischt habe. «Das wird schon gut», sage ich beinahe, aber dann doch nicht. Man soll nichts Falsches versprechen. Stattdessen sage ich: «Es geht Ihnen ja jetzt gut, ich mache mir keine Sorgen um Sie.» Er starrt vor sich hin und scheint wenig beruhigt.

Drei aufgestellte Damen

Tatsächlich mache ich mir wenig Sorgen. Es sind gute Wochen gewesen. Drei Damen Mitte 80 sorgten für Stimmung. Sie wohnen eigentlich in einem Altersheim, sind jetzt aber bei uns untergebracht zur sogenannten «Kohortenisolation»: Sie sind auf der Station eingesperrt, sinnvollerweise, bis sie niemanden mehr anstecken können.

Viele unserer Patientinnen und Patienten wollen nicht mehr ins Spital, das haben sie sehr klar gesagt.

Eine der drei, Frau Rohrer, hat eine Frisur wie eine Tennisspielerin aus den 1980er-Jahren und klopft Sprüche: «Übertreibt mir bloss nicht mit eurer Krankmacherei!» Sie ist dement und weiss nicht genau, wo wir sind und wie lange sie noch bleiben muss. Aber sie will tatsächlich dringend Tennis spielen.

Als ich eines Morgens auf die Station komme, stürzt sie auf mich zu – und fällt mir um den Hals. Man muss sich das vorstellen: Ich im senfgelben Seuchenkittel mit Maske und Schutzbrille und eine alte Frau mit Covid, kaum halb so gross, wirft sich an mich und jauchzt. Sie da noch wegstossen – zu spät.

Die zweite, Frau Bamberger, trägt eine akkurat sitzende Strickjacke und verlangt ständig Abführmittel, weil sie sich verstopft fühlt. Ich taste ihren Bauch ab, er fühlt sich weich und gesund an. Wahrscheinlich kann sie normal stuhlen – aber erinnert sich wegen ihrer Demenz nicht mehr daran.

Die dritte, Frau Dreifuss, noch kleiner und zierlicher in der Statur, schreitet wie eine Tänzerin über den Flur. Sie sei Akrobatin gewesen, sagt sie sehr stolz. Keine der drei hustet auch nur ein Mal.

Sitzende Frau mit gefalteten Händen
Legende: Bei einer Infektion ins Spital oder nicht? Eine schwierige Frage für viele Patientinnen und Patienten und deren Angehörige. KEYSTONE / DPA / Marijan Murat

Plötzlich in schlechter Verfassung

Zwei Tage später ist der britische Herr Seymour nicht mehr ansprechbar. 38.8 Grad Fieber, Sauerstoffsättigung unter 90 Prozent. Durch das Stethoskop höre ich seine Lunge rasseln wie Kartoffeln auf einer Käsereibe. Das alles sind alarmierende Zeichen, so kurz nach Krankheitsbeginn.

Ich versuche mit ihm zu sprechen, rüttle an seiner Schulter: «Es geht Ihnen nicht gut. Ich würde Sie gerne ins Spital schicken.» Er antwortet nicht. Sein letzter festgehaltener Wille, so habe ich es mit ihm beim Eintritt besprochen, ist die maximal mögliche Behandlung. Zur Absicherung will ich bei seinem Lebenspartner nachfragen: nicht erreichbar.

Die zittrige Stimme im Telefonhörer macht deutlich, dass ich etwas ausgesprochen hatte, das undenkbar gewesen war.

Im Spital, das ist sicher, hätte Herr Seymour bessere Chancen. Wir sind ein Pflegezentrum, wir können keine intravenösen Antibiotika bieten, kein Röntgenbild, kein Cortison, keine Beatmung. Bei uns gibt es nur Sauerstoff durch die Nasenbrille und Antibiotika in Tablettenform – wenn der Patient sie denn noch schlucken kann.

Erschütternde Nachrichten

Herr Seymour ist bereits mit der Sanität unterwegs ins Spital, als sein Partner zurückruft. Er poltert, Herr Seymour habe sich vor einigen Tagen bei einer anderen Behandlung im Spital angesteckt, sie seien sonst gar nie draussen gewesen. «Das kommt vor», sage ich. Bei so hohen Zahlen wie denen in der Schweiz tritt man aus der Türschwelle quasi in einen Pfeilhagel.

Damit der Partner sich ein Bild machen kann, beschreibe ich ihm, wie Herr Seymour ausgesehen hat, wie rasch es ihm schlechter gegangen war. Der Mann am anderen Ende der Leitung klingt jetzt erschüttert. 30 Jahre seien sie schon zusammen.

Er ist mit der Spitaleinweisung einverstanden und fragt nach einem Besuch. «In der Regel nicht», sage ich. «Wenn jedoch jemand im Sterben liegt, wird ein Besuch meist erlaubt.» Das Spital habe sicherlich eine ähnliche Regelung.

«Leider könnte ich mir vorstellen, dass Ihr Partner daran stirbt», sage ich. Ich spule das alles ab, ich habe viel zu tun. Die zittrige Stimme im Telefonhörer macht deutlich, dass ich etwas ausgesprochen hatte, das undenkbar gewesen war. 30 Jahre.

Das Wort «Tod» wird vermieden

Noch Tage später wälze ich das Gespräch in meinen Gedanken. Musste ich das Schlimmste wirklich schon ankündigen?

Sieben Tage später ist Herr Seymour tot. «Exitus letalis», steht zuoberst auf dem Bericht, der an Silvester auf meinem Tisch liegt. Ich hasse die Medizin, die sogar ein kurzes Wort wie «Tod» verschwurbeln muss. Herr Seymour hat Cortison bekommen und Antibiotika, um einen allfälligen bakteriellen Superinfekt abzudecken. Es hat nichts gebracht.

Wen zuerst impfen?

Einige Tage später treffe ich eine junge Frau, die ich einst auf einer Technoparty kennengelernt habe, als es noch Partys gab. Sie arbeitet in der Personalverwaltung eines grossen Consulting-Unternehmens.

Sie sagt, sie verstehe nicht, warum man zuerst die Alten impft. Sie würden sowieso nicht mehr lange leben, auf die paar Jahre mehr oder weniger komme es auch nicht an. Wenn die Alten früher sterben würden, entlaste dies zudem die AHV.

Sie spricht aus, was so viele Menschen in diesem Land offensichtlich denken, aber nicht auszusprechen wagen. Mit Herr Seymour ist ein Mensch gestorben, der noch hätte leben wollen. Mit seinen 73 Jahren hätte er vielleicht noch 5 oder 25 Jahre gelebt, wer weiss das schon. Er hätte vielleicht weiter seine Kakteen besprüht, Techno gehört oder Austern geschlürft – was auch immer Menschen gerne tun, wenn sie noch leben.

Ich beschliesse, die junge Frau nie wieder zu treffen.

* Die Namen und Beschreibungen der PatientInnen wurden stark verändert.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 11.1.2021, 09:03 Uhr.

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70 Kommentare

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  • Kommentar von Sybille Brini  (Sybille)
    Die Aussage der jungen Frau finde ich wirklich erschreckend, aber ich denke, sie sagt offen, was viele andere denken - natürlich solange sie selbst und ihre Familie nicht betroffen sind. Nun weiss man immer mehr über sog. Long-Covid Fälle, die auch bei jüngeren Personen vorkommen: Menschen, die an mehr oder weniger schweren Langzeitfolgen der Coronainfektion leiden und lang- und mittelfristig möglicherweise zu IV-Fällen werden. Die IV müsste man dann wohl auch "entlasten".
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  • Kommentar von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
    ewr mueller: Ziemlich zu Beginn der Pandemie, nach den ersten regelmässigen Todesfällen unter älteren Menschen, habe ich auf einen Kommentar geantwortet, in dem geschrieben wurde, «diese Alten wären sowieso in ein paar Monaten gestorben». Diese Aussage hatte mich dermassen empört, dass ich den Schreiber anfragte, ob er denn auf diese Art und Weise die AHV sanieren wolle. Meine Zeilen wurden nicht veröffentlicht, und kann ich dasselbe in einem Artikel lesen.
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  • Kommentar von Urs Felber  (ursus felber)
    Sehr schön geschrieben. Sehr berührend. Trotzdem, ich kenne zum glück niemanden persönlich, der mit/an Corona gestorben ist, auch wenn sich etliche freunde und verwandte angesteckt haben. Um so mehr kenne ich, welche vor einem wirtschaftlichen Scherbenhaufen stehen. So oder so, Corona wird wohl die Katastrophe unserer Generation werden.
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