Aussteigen, Auspacken: Frauen im Kampf gegen die Mafia

Der Kampf gegen die Mafia hat in Italien in den letzten Jahren Erfolge gezeigt. Zu verdanken ist dies massgeblich Frauen, die mit grossem Mut mit der Justiz zusammenarbeiten. ORF-Korrespondentin Mathilde Schwabeneder konnte die wichtigste Kronzeugin Italiens im Geheimen treffen und interviewen.

Ein junges Brautpaar, sie in klassischem Brautkleid mit Schleier (s/w).

Bildlegende: Wichtige Frau in der Camorra-Familie: Assunta «La Pupetta» Maresca rächte sich für die Ermordung ihres Mannes selbst. Styria premium

  • Auch Frauen können bei der Mafia hohe Positionen einnehmen: Sie leiten Geschäfte im Ausland, erteilen Mordaufträge oder übernehmen sogar die Rolle des Bosses.
  • Dementsprechend gibt es heute auch mehr Frauen, die aussteigen und mit der Justiz zusammenarbeiten,
  • Frauen decken mit grösserer Entschlossenheit auf als Männer.

Mathilde Schwabeneder, Sie dokumentieren in ihrem Buch «Die Stunde der Patinnen» ein Gespräch mit der heute 37-jährigen Giuseppina Pesce. Sie stammt aus der kalabrischen Kleinstadt Rosarno und gehörte einst einem der mächtigsten Clans der ‘Ndrangheta an. Sie hat der Mafia den Rücken gekehrt und arbeitet heute mit der italienischen Justiz zusammen. Deswegen ist sie in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen worden und lebt mit ihren drei Kindern, von Leibwächtern bewacht, an einem geheimen Ort. Sie ist mittlerweile die wichtigste Kronzeugin Italiens und hat bereits Dutzende von Mafiosi hinter Gitter gebracht. Wie ist es Ihnen überhaupt gelungen, mit ihr in Kontakt zu treten?

Ich musste bei der Justizkommission in Rom eine Anfrage stellen. Das war etwas kompliziert, denn das war zu der Zeit, als in Italien gerade die Regierung umgebildet wurde und die Kommission lange Zeit gar nicht besetzt war. Die Anfrage wurde schliesslich positiv beantwortet.

Man braucht einen langen Atem. Denn man muss dann weiter abwarten, ob die Kronzeuginnen selbst auch dazu bereit sind. Wenn diese dann einmal Ja sagen, kann es wiederum ganz schnell gehen. Das heisst, man muss auf Abruf bereit sein, alles stehen und liegen zu lassen, um zu einer bestimmten Zeit an einem vorgegebenen Ort das Gespräch zu führen.

In welchem Rahmen findet ein solches Gespräch statt?

Das Gespräch findet an einem Ort statt, der geheim bleiben muss, das ist Teil der Abmachung. Die Kronzeugin der Justiz erscheint mit Polizeischutz zum Gespräch.

Was hat Sie an dem, was die Kronzeugin – in diesem Fall Giuseppina Pesce – Ihnen erzählt hat, am meisten erstaunt?

Am meisten hat mich die Entschlossenheit beeindruckt, mit der sie sich von der Mafia abgewendet hat. Denn es braucht sehr viel Mut, wenn man bedenkt, in welche schwierigen Verhältnisse sie hineingeboren wurde: Giuseppina Pesce ist in die Organisierte Kriminalität hineingerutscht, nie aus ihrer Kleinstadt herausgekommen, hat wenig Schulbildung und wurde sehr jung mit einem Mafioso verheiratet. Das heisst, sie hatte gar keine Möglichkeit zu entkommen, keine Möglichkeit Abstand zur eigenen Geschichte zu bekommen. Und trotzdem hat sie sich zum Widerstand entschlossen.

Was haben Sie bei Ihren Recherchen über Kronzeuginnen generell über die Tätigkeiten von Frauen in der Mafia herausgefunden?

Porträt von Giuseppina Pesca, frontal in die Kamera schauend.

Bildlegende: Giuseppina Pesce, die derzeit wichtigste Kronzeugin im Kampf gegen die Mafia. Styria premium

Das romanhafte Bild der duldenden und schweigenden oder klagenden Schwarzen Witwe ist nur ein kleiner Teil einer viel umfassenderen Realität. Es gibt daneben viele Mittäterinnen und solche, die sogar an die Spitze der Clans vorstossen und dabei die Rolle des Bosses übernehmen – etwa dann, wenn dieser im Gefängnis sitzt.

In erster Linie übernimmt dann eine Schwester die Führung, wie dies etwa bei Nunzia Graviano der Fall war, die einen mächtigen Clan der Cosa Nostra auf Sizilien wie eine Holding führte, einer Managerin gleich. Sie hat noch im Gefängnis täglich die Börsenkurse verfolgt.

Welche Tätigkeiten üben Frauen in der Mafia konkret aus?

Sie treiben auf der einen Seite Schutzgelder ein, zahlen auf der anderen Seite begünstigte Familien aus, die Mitglieder im Gefängnis und deshalb Einkommensausfälle haben. Sie fungieren als «Strohmänner» für versteckte Vermögen, verwalten immensen Immobilienbesitz, leiten Geschäfte im Ausland, erteilen Mordaufträge und schicken Killer aus, da gibt es die ganze Bandbreite.

Wenn wir beim Fall von Giuseppina Pesce bleiben – ihr wurde nach der Verhaftung zwar kein Kapitalverbrechen angelastet, aber sie galt als wichtige Mitwisserin: Sie wurde die Postbotin des Clans genannt, weil sie ihren Mann und weitere Mafiosi im Gefängnis mit Informationen versorgt und ihre Anweisungen herausgeschmuggelt hat.

Giuseppina Pesce ist derzeit die wichtigste Kronzeugin Italiens. Ist sie ein Einzelfall?

Es gibt immer mehr Frauen, die an die Spitze von Mafia-Clans vorrücken, und dementsprechend gibt es heute auch mehr Frauen, die aussteigen. So werden im jüngsten Bericht der nationalen Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft vom Februar dieses Jahres gleich mehrere Frauen zitiert, die Pesces Beispiel gefolgt sind und mit der Justiz zusammenarbeiten.

Die italienischen Behörden versprechen sich sehr viel davon. Denn: Es hat sich gezeigt, dass die Frauen, wenn sie sich einmal dazu durchgerungen haben, mit grösserer Entschlossenheit als Männer mafiöse Machenschaften aufdecken. Warum das so ist, kann ich nur vermuten: Im Gegensatz zu Männern fühlen sie sich in erster Linie ihren eigenen Kinder gegenüber und weniger der Herkunftsfamilie verpflichtet. Und sie wollen das Leben ihrer Söhne und Töchter retten.

Zur Person

Zur Person

ORF

Mathilde Schwabeneder-Hain promovierte an der Universität Rom in Romanistik. Seit 2007 ist sie ORF-Auslands-Korrespondentin in Rom. 2013 publizierte sie «Franziskus. Vom Einwandererkind zum Papst» (gemeinsam mit Esther-Marie Merz) und 2015 «Auf der Flucht: Reportagen von beiden Seiten des Mittelmeers» (mit Karim El-Gawhary).

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