Taiwan: Badekultur als koloniales Erbe

Ob mit Kollegen im Massenbad oder mit dem Lover in der Zweier-Kabine: Heisse Quellen sind aus Taiwans Alltag nicht mehr wegzudenken. Dabei wurde die Badekultur einst von der Kolonialmacht Japan eingeführt.

Es ist kurz vor zehn Uhr abends im Kaiserbad in der Ortschaft Beitou, nördlich der taiwanischen Hauptstadt Taipei. Pärchen und Grüppchen entspannen sich im 43 Grad warmen Wasser. Lai Zheng-wei sitzt am Beckenrand. Am Abend nach der Arbeit sei ein Ausflug hierher genau das richtige, sagt der 27-jährige Automechaniker. Der Schwefelgeruch der durch die Luft ziehe, mache ihm nichts aus. «Den Gestank bringt man danach fast nicht mehr aus den Haaren raus», findet dagegen Lais Freundin. Liao Geng-qi mag die heissen Quellen ebenfalls, doch auf den Schwefelgeruch könne sie verzichten.

«Giftiges Wasser»

Vom aufsteigenden Dampf und dem Schwefel hätten sich die Menschen früher gefürchtet, weiss Jessie Chung. Die Direktorin des Beitou Hot Spring Museum sagt, die Anwohner hätten damals geglaubt, dass es sich um giftiges Wasser handle. Die Insel Taiwan weist weltweit eine der höchsten Dichte an heissen Quellen auf. Richtig genutzt werden diese aber erst seit rund einhundert Jahren. Es war die japanische Kolonialmacht, die damals ihre Badekultur nach Taiwan brachte.

Badegäste mussten stehen

«Hier befand sich das Männerbad», sagt Jessie Chung, siesteht in einem leeren, gekachelten Becken. Das heutige Museum beherbergte bei seiner Eröffnung 1913 eine der grössten öffentlichen Badeanstalten Ostasiens. Errichtet wurde sie ebenfalls von den Japanern, im damals üblichen japanisch-europäischen Baustil. Das Becken sei absichtlich tief gewesen, sagt Jessie Chung. Man wollte nicht, dass sich die Besucher hinsetzen und sich im heissen Wasser ausruhen konnten. Erstens hätten stehend mehr Leute Platz gehabt, und zweitens konnten die Besucher somit nicht ewig bleiben.

Von allen Schichten genutzt


Sommerserie Badekulturen: Taiwan

3:19 min, aus Kultur kompakt vom 25.07.2014

Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten die japanischen Besatzer aus Taiwan abziehen. Geblieben ist die Begeisterung fürs Baden: Die heissen Quellen seien nicht nur für eine bestimmte Klientel, sagt Jessie Chung, sondern würden von allen gesellschaftlichen Schichten genutzt werden. Kostenlos baden kann man etwa im heissen Fluss, der neben dem Museum vorbeiführt. Wer es dagegen gediegener mag, kann sich in einem Luxus-Spa mit mehrgängigem Menu und Karaoke verwöhnen lassen.

Traditionell wird nackt gebadet

Mit umgerechnet acht Franken Eintritt gehört das Kaiserbad zum mittleren Preissegment.Traditionell wird nackt gebadet – dabei sind Männer und Frauen voneinander getrennt. Das Kaiserbad bietet dagegen auch eine gemischte Abteilung an, hier tragen die Gäste Badeanzüge und Badekappen. Gegen Mitternacht machen sich Liao Geng-qi und Lai Zheng-wei auf in den Esssaal der Badeanstalt. Die beiden sind sichtlich erschöpft. Heisse Quellen machten müde, sagt Liao Geng-qi, sie fühle sich jeweils wie nach dem Sporttraining.