«Bildung ist kein Arsenal, sondern ein Horizont»

Die Schulen sollten Klassen, Fächer und Noten abschaffen, fordert der Philosoph Richard David Precht. Diese Forderung sei überstürzt und undifferenziert, meint Roland Reichenbach, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Bildungsforschung.

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Richard David Precht über den Unterschied von Bildung und Wissen

2:25 min, vom 15.11.2013

Der Philosoph Richard David Precht, der am Sonntag in der «Sternstunde Philosophie» zu Gast ist, kritisiert das Bildungswesen stark und fordert eine Bildungsrevolution: Er möchte Klassen, Fächer und Noten abschaffen. Die Schüler sollen möglichst individuell betreut werden und die Möglichkeit haben, in jahrgangsübergreifenden Projektgruppen eigenmotiviert zu arbeiten, etwa zu Themen wie dem Klimawandel, einer nachhaltigen Ernährung oder zu aktuellen wirtschaftspolitischen Fragen. Die Bildung müsse sich der vernetzten Welt anpassen.

Roland Reichenbach, was halten Sie von diesen Forderungen?

Die von Precht genannten Forderungen sind nicht neu, sondern gehören zum Inventar der teilweise über 100 Jahre alten reformpädagogischen Standardforderungen. Solche und ähnliche Kritikpunkte haben die Regelschule historisch betrachtet positiv beeinflusst.

Wer sich aber der – vielfältigen und teilweise widersprüchlichen – gesellschaftlichen Funktionen und Aufgaben des Schul- und Bildungssystems bewusst ist, wird nicht wirklich glauben, mit den von Precht vorgeschlagenen Veränderungen liesse sich das Bildungssystem revolutionieren.

Die zeitgenössische Schulkritik aus der Popphilosophie (z.B. Precht), der Hirnforschung (z.B. Spitzer), der populistischen Bildungspolitik oder bestimmten Reformpädagogiken haben das strukturelle Defizit gemeinsam, die Komplexität des Systems souverän zu ignorieren.

Ist unser Schulsystem also kein veraltetes «Relikt des 19. Jahrhunderts», wie Precht meint?

Natürlich kann man das Schulsystem als «Relikt» des 19. Jahrhunderts verunglimpfen; etwa so wie den demokratischen Bundesstaat, die institutionellen Errungenschaften der Klassenkämpfe oder manche disziplinäre Unterteilungen in den Wissenschaften. Dass die Schule «veraltet» sei und sich nicht den neuen Anforderungen der Welt anpasse, ist ein Topos der Schulkritik. Damit würde ich keinesfalls die Vorschläge von Precht einfach ablehnen wollen. Im Gegenteil, sie sind alt und bekannt, ebenso wie die Einsichten in die notwendige Trägheit des Systems.

Was halten Sie von Prechts Vorschlag eines jahrgangsübergreifenden Unterrichts in Projektarbeiten?

Ich kenne niemanden im Feld, der dagegen wäre. Doch dass die Schule dennoch nicht so ist, wie Precht sie möchte, heisst ja noch nicht, dass sie sich in einem katastrophalen Zustand befindet. Und damit meine ich nicht, dass es nicht angeht, ein überflüssiges Buch zur Schulkritik zu schreiben. Das darf jeder, dieses Recht ist ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert.

Auch relativ uninformierte Autoren muten sich Schulkritik locker zu. Im Unterschied beispielsweise zum Gesundheits-, Sozial-, Transport- oder Verteidigungssystem: Hier merken die Autoren einfach schneller, dass sie vielleicht nicht ganz einschlägig informiert sind, um Revolutionen zu fordern.

Was sind Ihrer Meinung nach die Herausforderungen, die die Schulen dringend anpacken müssen?

Einerseits ist da die Frage, wie mit dem Phänomen der «Mass higher education» (lange Ausbildungswege auf tertiärer Stufe) umzugehen ist. Aber auch, wie die Verzahnung von Bildungssystem und Beschäftigungssystem optimiert werden kann, ohne dass das Bildungssystem als blosse Magd des Marktes verstanden wird.

Welche Formen von Sinnstiftung von und durch Bildung im institutionellen und ausserinstitutionellen Kontext sind möglich und wünschenswert? Wie kann der (tatsächlichen) Selbstwertgefährdung der Person durch institutionelle Bildung entgegen gewirkt werden? Welches sind pragmatische Massnahmen, um die soziale Differenz vor dem Hintergrund des Gleichheitsideals soweit als möglich zu kompensieren? Alarmismus und Hyperaktivität, revolutionäre Dringlichkeit und scheinbar klare Rezepte sind in der Begegnung mit diesen Herausforderungen keine guten Strategien.

Stimmt es eigentlich, dass unsere heutigen Schulen die Kreativität nicht fördern, sondern die Schülerinnen und Schüler mit Stoff bombardieren, den sie in Prüfungen brav wiedergeben, danach aber gleich wieder vergessen?

«Bildung ist kein Arsenal, sondern ein Horizont», meinte Hans Blumenberg. Die Beschäftigung mit Fachwissen verändert unseren Horizont, unsere Perspektive. Wie es heisst: Bildung ist, was übrig bleibt, wenn die schulischen Inhalte alle vergessen worden sind. Die Idee, dass die schulischen Inhalte möglichst maximal und vielleicht noch lebenslang erinnert werden sollten oder müssen, ist ganz abwegig. Diese Bemerkung bedeutet natürlich keineswegs, den Status quo des schulischen Lernens und Prüfens gut zu heissen.

Die Schweiz gehört übrigens zu den innovativsten Nationen überhaupt, was etwa an den Patentierungen technischer Neuentwicklungen und natürlich vielen anderen Kulturleistungen abgelesen werden kann. Ein Kreativitätsproblem hat dies Land meines Erachtens kaum. Abgesehen davon: Nur Einzelpersonen können Kreativität, wenn überhaupt, fördern, nicht Systeme oder Organisationen. Lehrpersonen tun dies etwa dadurch, indem sie eine Leidenschaft für eine Sache zeigen.

Precht meint, man könne die wertvollen Kompetenzen gar nicht mit Noten bewerten: Ob ein Kind motivierter, neugieriger, teamfähiger und kreativer geworden sei, liesse sich in keiner Notenskala abbilden. Setzen unsere Schulen also auf die falschen Kriterien, nur weil die richtigen nicht benotet werden können?

Hier möchte ich Precht ganz zustimmen; aber die Konsequenzen, die er daraus zieht, als unbegründet ablehnen. Die Aussagekraft von Noten ist freilich für manche zentrale Bereiche menschlichen Könnens völlig beschränkt bis nicht vorhanden. Das weiss jeder.

Bildung ist derzeit in aller Munde. Insbesondere die Debatte um den «Lehrplan 21» sorgt immer wieder für Aufregung. Man möchte die Lehrpläne der Kantone vereinheitlichen und dabei den Fokus stärker auf das Erlernen von Kompetenzen, weniger von Inhalten, richten. Welche Überlegung steckt dahinter?

Oberflächlich betrachtet ist der Lehrplan 21 die Vereinheitlichung und Anpassung der schulischen Lerninhalte in den meisten Schweizer Kantonen. Das ist aufwändig, vom Souverän erwünscht, hat einige wesentliche Vorteile und ist – z.B. pädagogisch oder lerntheoretisch betrachtet – nicht notwendig.

Die damit verbundene verstärkte Kompetenzorientierung und die Messbarmachung sogenannter nationaler Bildungsstandards zwecks Steuerungsmöglichkeiten betreffen das Innere dieser Reform und sind strittig. – Grundloser Optimismus und ein gewisses Mass an Ignoranz sind die treuen Begleiter und Unterstützer mancher Reform.

Zur Person

Portrait Roland Reichenbach

Roland Reichenbach Bild: Frank Brüderlin

Roland Reichenbach ist Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Uni Zürich und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Bildungsforschung.

Buchhinweise

Precht, Richard David: «Anna, die Schule und der liebe Gott. Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern.» München: Goldmann, 2013.

Reichenbach, Roland: «Für die Schule lernen wir - Plädoyer für eine gewöhnliche Institution.» Seelze: Kallmeyer & Klett 2013.

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