«Blick in die Feuilletons»: Griechenland und grosse Fenster

In griechischen Städten herrscht Solidarität, auf dem Land bisher unbekannter Egoismus, so der Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Tages-Anzeiger sinniert unter der Überschrift «Der gläserne Bürger» über das Wohnen mit grossen Fenstern.

Im Vordergrund ist eine Frau von hinten zu erkennen, die ein Foto knippst. Im Hintergrund ist das Parlament in Athen zu sehen.

Bildlegende: Die Demonstranten sind verschwunden - Touristen halten die Ruhe um das Parlamentsgebäude auf Fotos fest. Keystone

Monatelang hat uns die wirtschaftliche Situation in Griechenland beschäftigt. Insgesamt hat die so genannte Troika 183 Milliarden Euro in Hilfspaketen zur Verfügung gestellt. Griechenland ist unterdessen aus den Nachrichten verschwunden. FAZ-Autorin Melanie Mühl ist durch Griechenland gereist und stellt fest: Das Land geht unter.

Athen wie ausgestorben

In Athen ist es sehr ruhig geworden um den Syntagma Platz, nirgendwo sind wütende Demonstranten zu sehen, höchstens eine Handvoll Touristen, die das Parlament fotografieren. Es herrscht kaum Verkehr, keine Staus, kein Hupen, kein Smog. Noch nie, sagen die Menschen, sei die Luft in Athen so sauber gewesen.
Aber während sich in den griechischen Städten Solidarität regt, zeigt sich auf dem Land ein bisher unbekannter Egoismus.

Provisorien werden zu Dauereinrichtungen

Melanie Mühl besucht zum Beispiel in einem Athener Vorort eine ehemalige Luftwaffenbasis. Auf dem Gelände haben Ärzte ein Gesundheitszentrum eröffnet, in dem Menschen ohne Krankenversicherung kostenlos behandelt werden. Eigentlich war es als provisorische Einrichtung gedacht, als Hilfe in der Not, bis der Staat seiner Aufgabe wieder gerecht wird und die Lücke in der Gesundheitsversorgung schliesst. Nur: Das Provisorium ist zur Dauereinrichtung geworden. Eine Parallelwelt sei hier entstanden, schreibt die Autorin, in der der Staat keine Rolle spielt. Es sei die solidarische Selbstorganisation, die die Menschen am Leben hält.

Konkurrenzkampf wird grösser

Anders die Situation auf dem Land: Die Menschen in Tolo, einem Postkarten- Fischerdorf im Osten der Peloponnes, lebten bisher vom Fischfang. Vor der Krise, erzählen die Männer, seien sie knapp fünfzig Fischer gewesen im Dorf, jetzt sind sie weit mehr als Hundert. Das Meer gibt für diesen Ansturm an Fischern nicht genug her. Der Konkurrenzkampf wird grösser, der Egoismus auch. Egal, mit wem die Autorin spricht, die Menschen in Griechenland wirken frustriert, verunsichert, erschöpft.

Vorhang auf für Selbstdarstellung im «Tages-Anzeiger»

Wohnen mit grossen Fenstern ist Standard: Der Tages-Anzeiger sieht das auf dem Immobilienportal Homegate bestätigt: «70 Prozent der ausgeschriebenen Wohnungen mit Baujahr 2010 oder neuer haben raumhohe Fenster.» Flaneure, die des nachts gerne beobachten, was in hell erleuchteten Zimmern passiert, haben also freie Bahn. Zumal die Privatsphäre immer häufiger nicht durch Vorhänge und Storen geschützt ist. Doch was man sieht ist meistens alltäglich und das was man von sich selber kennt.

Phänomen der Zeit

In dem Feuilleton-Artikel sagt ein Architekturexperte, das offene Wohnen sei ein typisches Phänomen unserer Zeit. Ähnlich wie die Menschen sich auf sozialen Netzwerken offenbaren, tun sie dies mit ihren einsichtigen Wohnungen.
Allerdings wird es mit diesem Trend wohl bald vorbei sein. Aktuell entstehen wieder kleinere Wohnungen, weil der Stadtraum kleiner wird. Die kleineren Neubauwohnungen erhalten auch wieder kleinere Fenster, und damit sinkt auch das Bedürfnis nach Selbstdarstellung.