«Copa Popular»: Brasilianer in den Favelas kicken gegen die WM

Die Favelas in Rio de Janeiro sind geografisch und sozial an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Menschrechtsorganisationen versuchen sich hier gegen die Machtspiele rund um die Weltmeisterschaft zu wehren. Zum Beispiel mit der «Copa Popular», einem Gegenturnier zur Fussball-WM.

Die Favela Santa Marta liegt im Süden Rios am Morro Dona Marta – am Hügel Dona Marta. 1996 waren Michael Jackson und der amerikanische Filmregisseur Spike Lee hier, um in der Favela den Videoclip für «They don’t care about us» zu drehen. Verewigt wurde dieser Besuch mit einer lebensgrossen Michael-Jackson-Statue.

Santa Marta hat sich entwickelt

Ob der Besuch etwas verändert hat, kann keiner so richtig beurteilen. Tatsache ist, dass es seit 2008 in der Favela Santa Marta friedlicher wurde. Drogenbanden wurden bekämpft und erfolgreich vertrieben. Dafür zuständig war die sogenannte Befriedungstruppe, die «Unidade de Polícia Pacificadora».

Mittlerweile wohnen in Santa Marta 8000 Menschen in ungefähr 500 Holzhäusern und 2000 bunt angemalten Ziegelsteinhäusern. Die Favela verfügt heute über einige Kindergärten, drei Bäcker, zwei Sportfelder und einen kleinen Supermarkt.

Eine Art Dachverband für diverse Anliegen

Mit der Fussball-Weltmeisterschaft steht die Favela Santa Marta wieder im Rampenlicht. Grund dafür ist das «Comitê Popular da Copa e Olimpíadas». Die Organisation ist ein Aggregat von Menschenrechtsorganisationen, Universitäten, sozialen Bewegungen und Gemeinden. Die Liste ihres Programms ist lang: gegen Zwangsumsiedlungen der Favelas, für das Recht auf Arbeit der Strassenverkäufer, für mehr Transparenz in den offiziellen Administrationen. Die Organisation setzt sich sogar für die Nationalparks ein, die unmittelbar an die Stadt Rio de Janeiro grenzen.

Ihre Hauptkritik derzeit: dass die WM die sozialen und politischen Probleme des Landes nicht beachtet. «Die WM und auch die olympischen Spiele in Brasilien austragen zu dürfen, wird hier als Anti-Privileg angesehen. Was dort passiert, hat nichts mit Fussball zu tun», sagt Renato Cosentino, PR-Manager in der Menschenrechtsorganisation «Justiça Global» (die auch Mitglied im «Comitê Popular da Copa e Olimpíadas» ist).

«Copa Popular», das Anti-WM-Fussballturnier

Ein Mädchen mit gelbem Fussballshirt.

Bildlegende: Rafaela spielt an der «Copa Popular», sie sagt: «Die WM steht nicht allen offen.» Michael Luisier

Die Menschenrechtsorganisation organisiert neben der Weltmeisterschaft ihr eigenes Fussball-Turnier, die «Copa Popular». Ganz unterschiedliche Menschen nehmen teil. Zum Beispiel Leute, die von Zwangsumsiedlungen betroffen sind oder Menschen, die Polizeigewalt erfahren haben. «Wir haben zwei Hauptziele: Erstens wollen wir diese Leute zusammenbringen, um die Bewegung zu stärken. Zweitens wollen wir die Öffentlichkeit erreichen und die Menschenrechtsverletzungen aufzeigen», erklärt PR-Manager Renato.

Solchen asozialen Bedingungen, wie sie die Teilnehmer erfahren haben, versucht das «Comitê Popular da Copa e Olimpíadas» entgegenzuwirken. «Fussball ist ein Mittel zur sozialen Integration», sagt Rafaela, eine Teilnehmerin des Fussballturniers «Copa Popular». Aus diesen Nachbarschaften, aus der grossen Masse an sich, kämen doch die meisten Fussballfans: «Die WM aber steht nicht allen Menschen offen.» Die «Copa Popular» zu organisieren sei sehr wichtig, so Rafaela, denn «im Ausland denkt man, alles sei perfekt im Brasilien der WM».

Favela – die Kletterpflanze

Santa Marta zählt zu einer der steilsten Favelas überhaupt und gilt als Inbegriff einer Favela. Die Bezeichnung «Favela» kommt von einer gleichnamigen brasilianischen Kletterpflanze. Ähnlich wie die Pflanze siedeln sich die Armenviertel an den Bergen in Rio de Janeiro an und «klettern diese hoch».

Sendung zu diesem Artikel