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Gesellschaft & Religion Das Buch zur Stunde: «Im Namen Gottes – Religion und Gewalt»

Religion gehört genauso zur Menschheitsgeschichte wie Gewalt, schreibt Karen Armstrong. Die Britin verteidigt in ihrem neusten Buch die Religionen und zeigt ihr Friedenspotential auf. Die Aktualität des Terrors hat das Buch, das letzten Herbst erschien, nicht überholt. Es kommt zur rechten Zeit.

Auf fünf Säulen sind fünf Symbole der fünf Weltreligionen zu sehen.
Legende: Kein antiquiertes Modell: Karen Armstrong setzt sich für die Weltreligionen ein. Keystone

Es ist ein 600-Seiten-Werk über die Gewaltgeschichte in den Weltreligionen. In «Im Namen Gottes – Religion und Gewalt» schreibt die britische Religionshistorikerin Karen Armstrong auch gegen den Säkularismus an. Laizisten sähen Religion als eine längst überwundene Entwicklungsstufe des Menschen, die es abzuschaffen gelte, um Frieden zu schaffen.

Nein, kontert Armstrong. Gerade die Fähigkeit zur Empathie mit anderen Menschen mache den Menschen zum Menschen. Und Empathie, ja sogar selbstloses Mitgefühl sei genau das, was Religionen in ihrer Ethik und Mystik beschreiben. Im anderen Menschen begegne einem sogar Gott selber, können religiöse Menschen sagen. Und dies gelte nicht nur für Juden und Christen, sondern auch für Muslime und ähnlich für Buddhisten.

Von Friedensstifter bis Kriegstreiber

Blonde Frau mit hellem Wolloberteil
Legende: Vielseitig: Armstong war Nonne, hat Judaistik studiert und Arbeiten über den Propheten Mohammed veröffentlicht. Corbis

«In der Geschichte der Religionen war der Kampf um Frieden genauso wichtig wie der heilige Krieg. Religiöse Menschen haben alle möglichen genialen Methoden entwickelt, um mit dem aggressiven Machismo des Reptiliengehirns zurechtzukommen, um Gewalt zu umgehen und respektvolle, lebensfördernde Gemeinschaften aufzubauen.»

Armstrong begnügt sich aber nicht mit einer Verteidigung der Religionen. Gleich auf den ersten Seiten zeigt die das Sowohl-Als-Auch in den Religionen auf: Sie können eben nicht nur Frieden und Bildung befördern, sondern auch zu machtpolitischen Zwecken missbraucht werden. Das war bei den Kreuzzügen nicht anders als heute im «Islamischen Staat», IS. An dieser Stelle erklärt sie noch einmal das Konzept von «Dschihad»: Er meine eben gerade nicht den militärischen «Krieg», sondern das spirituelles Ringen um ein rechtschaffenes oder «gottgefälliges» Leben, also vielmehr ein inneres An-sich-Arbeiten.

Gewalt begleitet die Menschheitsgeschichte. Darin verwoben sind auch die Religionen. Armstrong kann in allen grossen Religionen beide Pole zeigen: die Friedensstifter (wie Ghandi und Martin Luther King) wie auch die Kriegstreiber (Papst Urban II oder Bin Laden). Herausfleddern lasse sich Religion bis heute nicht aus unseren Gesellschaften, und das sei auch gut so, schreibt Armstrong. Die sozial-ethische Kraft religiöser Gemeinschaften sei wertzuschätzen. Und keine Gesellschaft könne auf Spiritualität verzichten.

Beliebte Expertin für Medien und Politik

Auf dem europäischen Festland wird die 70-jährige Britin Armstrong gerade erst von einer breiteren Öffentlichkeit entdeckt. Armstrongs Artikel im Guardian und ihre TV-Sendungen auf BBC machten sie im englischsprachigen Raum sehr bekannt. Zudem ist sie regelmässig Gast bei der Uno und US-Regierung, die die Wissenschaftlerin in Religionsfragen konsultieren.

Dabei lässt sich Armstrong schwer auf «eine Seite» ziehen. Früher war sie eine römisch-katholische Nonne, verliess 1969 ihren Orden und ging an die Universität. Am renommierten Leo Baeck College studierte sie jüdische Studien und lehrte dort ebenso wie in Oxford. Für ihre Arbeiten über den Propheten Mohammed verlieh ihr die einflussreiche Al Azhar Universität in Kairo einen Orden. Muslimische Gelehrte dankten ihr damit für ihre Aufklärungsarbeit über den Islam im Westen. Aber auch ihre Bücher über Buddha und den Buddhismus wurden zu Bestsellern.

Populär, aber nicht populistisch

Besonders europäische Wissenschaftler halten Armstrong die Breite in ihren Büchern und Vorträgen immer wieder vor. Wie lassen sich auch «4000 Jahre Judentum, Christentum und Islam» in einem Buch zusammenfassen?

Armstrongs «Geschichte von Gott» kam bei den Leserinnen und Lesern allerdings gut an. Den grossen Bogen zu schlagen, die Gemeinsamkeiten der Religionen herauszustreichen und dadurch einen ethischen Nenner des Ganzen zu finden, ist Karen Armstrongs Anliegen. Sie fand diesen Nenner in der «Goldenen Regel» («Was Du nicht willst, das man Dir tut, das füg' auch keinem Anderen zu») und im Mitgefühl oder der «Compassion».

Verteidigung der Religion um der Menschen willen

Auch in ihrem neuesten Buch stellt Armstrong ihre hohe Sachkenntnis über die Weltreligionen unter Beweis. Auch hier zeigt sie allgemeinverständlich den unverzichtbaren Wert religiöser Traditionen für unsere Gesellschaften heute. Dennoch ist es eine selbstkritische Verteidigungsschrift der Religion. Der Gewaltgeschichte widmet sie den Hauptteil dieses Buches.

Armstrong wendet sich gleichermassen gegen die, die meinen, man könne und müsse Religion einfach abschaffen, um Gewalt abzuschaffen. Und sie schreibt auch gegen diejenigen, die Religion für wirtschaftliche oder machtpolitische Zwecke instrumentalisieren und darüber die Menschlichkeit vergessen.

9 Kommentare

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  • Kommentar von Rolf Künzi, Winterthur
    Man findet in den Religionen beides, die Schuld- und Angstmacherei und wunderschöne Tiefe. Früher waren immer zuerst große Klimaschäden wie Vulkane die zu Hngernöten und Seuchen führten und dann wurde über die oft religiösen Feindbilder gemordet und es gab Kriege. Heute sind solche Auslöser die Wirtschaft, die selbst ein sehr starkes Vertrauens- und Glaubenssystem ist. Wer jetzt aber meint in der Religion wurde nichts entdeckt der liegt völlig falsch. In gewissen Dingen ist Religion weit voraus.
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  • Kommentar von H. Bernoulli, Zürich
    Der Beitrag enthält einen wichtigen Hinweis zur Frage der Gewaltdarstellungen im Koran. Gewalt kann auch bildlich verstanden werden. Das Problem im Islam ist weniger die Gewaltdarstellung im Koran, als vielmehr die Gewaltanwennungen Mohammeds als Vorbild. Das relativiert die allergorische Interpretation der Gewaltdarstellung im Koran.
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  • Kommentar von R. Stalder, Aarau
    Um zu wissen, was richtig oder falsch ist, brauche ich definitiv keine Religion. Man benutzt seinen Verstand, sein Gewissen, seine in der Erziehung und beim Aufwachsen aufgebauten Werte. Notfalls fragt man seine Freunde. Wer die Religion verteidigt und sich Wissenschaftler nennt, ist unglaubwürdig. Die Wissenschaft kann zwar nicht beweisen, dass es keinen Gott gibt, doch die Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes liegt nahe bei null.
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    1. Antwort von t.hendrikson, zürich
      Es gibt Menschen, die haben eine sehr individualisierte, ja selbstgerechte Sicht der Dinge und meinen: wenn mir Religion persönlich nichts nützt, dann ist sie wertlos. Ich bewundere Ihre simplifizierte Sicht von "richtig" und "falsch". Ist es richtig ein Smartphone zu besitzen, obwohl Menschen anderswo ihr Leben für den Abbau von dazu nötigen Mineralien riskieren müssen? Ich bewundere auch Ihre Wissenschaftsgläubigkeit. Warum nur gibt es viele Wissenschaftler, die sich selbst gläubig nennen?
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    2. Antwort von H. Bernoulli, Zürich
      Diejenigen, welche einen göttlichen Ursprungs des Lebens erfahren haben, fanden ihn nicht aussen, sondern in sich - das sind Mystiker, Erleuchtete. Es gibt auch sehr viele Zeugen, welche solche Menschen erlebt haben, ihre Ausstrahlung, Fähigkeiten, Weitsichtigkeit usw. Jeder kann in sich die Erfahrung erlangen. Dafür braucht es keine Religion. Aber Anweisungen, Belehrungen usw. sind hilfreich. Und dafür wären (!) Religionen da. Oft aber werden die Menschen nur dumm gehalten.
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    3. Antwort von R. Stalder, Aarau
      Herr Hendrikson, um bei der Frage des Smartphones zu bleiben: Hilft mir die Religion etwa, diese Frage zu beantworten? Und dann glaube ich einfach mal nicht, dass es heute noch viele Wissenschaftler gibt, die sich selber gläubig nennen. Früher war es eine Frage des (sozialen) Überlebens, dass auch Wissenschaftler von sich sagten, man sei selbstverständlich gläubig, aber das hat sich zum Glück geändert.
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    4. Antwort von t.hendrikson, zürich
      In einer Welt, die sich fast komplett einem ökonom., techn. und wissenschaftl. System unterworfen hat, bin ich unsagbar froh um die Geisteswissenschaften (Philosophie, Theologie, etc.), die die Sinnfragen des Lebens zur Sprache bringen. Kirche engagiert sich sehr stark in Fragen der globalen Gerechigkeit, der Umwelt und der Individualethik. @ Herr Stalder: Ja, Religion ermahnt uns zu ethisch verantwortlichem Handeln. (->Smartphone). Auch heutige Wissenschaftler glauben an Gott. Googeln Sie's nur
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    5. Antwort von Sandro Mettler, Zürich
      @R. Stadler: Sie haben recht, nützliche Moral und Ethik entspringen nicht der Religion, sondern bilden sich über ständige Neuverhandlung gesellschaftlicher Konventionen heraus. Auch Ihre Aussage über die Existenz Gottes ist unstrittig. Ein Wissenschaftler ist jedoch nicht a priori unglaubwürdig, weil er die Religion verteidigt. Als Wissenschaftler muss man auch der Religion unvoreingenommen begegnen. Verteidigt also ein Wissenschaftler die Religion, sind alleine seine Argumente ausschlaggebend.
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    6. Antwort von sandromettler0@gmail.com, Zürich
      @R. Stadler & T. Hendrikson: Was die gläubigen Wissenschaftler betrifft, so liegt Frau/Herr Stadler sicher näher bei den Tatsachen. Viele Wissenschaftler bezeichneten sich als gläubig, um in einer tiefreligiösen zu überleben. Heute zeigen Umfragen in der Amerikanischen Akkademischen Gesellschaft zeigen, dass gerade mal 7–9 % der Mitglieder sich als gläubig bezeichnen, unter ihnen viele, die unseriös und pseudowissenschaftlich arbeiten (etwa Kreationisten) und daher kaum zitiert werden.
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