Das digitale Ich – ein Alter Ego, das umsorgt werden muss

Seit Edward Snowdens Enthüllungen ist der Begriff «Big Data» in aller Munde: Intime Informationen sind keine persönliche Angelegenheit mehr, sie werden gesammelt und ausgespäht. Constanze Kurz, Sprecherin des Chaos Computer Clubs, appelliert an unsere Verantwortung.

Ein Schild, das draussen an einer Wand hängt. Darauf steht: «Smile. You are on camera.»

Bildlegende: Auch in der Schweiz hinkt die Datenschutzgebung den Geheimdiensten hinterher. Flickr/Intel Free Press

Zwei Jahre ist es nun her, seit Edward Snowden die Dokumente publizierte, die aufzeigten, in welchem Mass die USA die Daten von Bürgerinnen und Bürgern anzapfen und überwachen. Zwei Jahre, in denen sich ein Begriff in der öffentlichen Diskussion festmachte: Big Data.

Big Data heisst, dass Regierungen, Geheimdienste, Firmen, Forschungszentren pausenlos riesige Datenmengen über uns auswerten. Und seither wissen wir, dass es in Zukunft nicht nur die Person an sich, mit ihren Werten, ihrer Identität und ihrem Selbstwertgefühl geben wird. Eine zweite, erweitere Identität wird uns auf Schritt und Tritt begleiten: das digitale Ich. Ein Alter Ego, das keineswegs deckungsgleich mit dem realen Ich sein wird, sagt Thomas Ramge, Politologe, Buchautor und Autor für «brand eins».

Mehr Achtsamkeit, bitte

Der Begriff Big Data hat uns darauf sensibilisiert, dass wir mit unseren Daten, also mit unserem digitalen Ich, etwas sorgfältiger umgehen sollten. Constanze Kurz, Informatikerin, Projektleiterin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin und Sprecherin des Chaos Computer Clubs, hält dafür, dass wir eine gesteigerte Verantwortung haben, wie wir mit unseren Daten umgehen.

Doch Constanze Kurz nimmt auch den Staat in die Pflicht, denn er hat dafür zu sorgen, dass unsere Daten prinzipiell geschützt und der Privatsphäre zugeordnet werden. Eine Forderung, die auch zwei Jahre nach den Enthüllungen von Edward Snowden aktuell bleibt. Denn einerseits wird immer deutlicher, wie dreist Geheimdienste selbst in die intimsten Bereiche europäischer Spitzenpolitiker eindringen; andererseits schaffen die Staaten (wie auch in der Schweiz) die gesetzlichen Voraussetzungen für eine weitgehende Überwachung bei Verdacht, während die Datenschutzgesetzgebung noch immer hinterherhinkt.

Maschinen kommunizieren

Ob eine solche Gesetzgebung überhaupt je der Komplexität der heutigen digitalen Welt gerecht werden kann, stellt zwischenzeitlich nicht nur der eidgenössische Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür in Frage.
Denn in dieser digitalen Welt kommunizieren mittlerweile nicht mehr nur Menschen miteinander, sondern immer mehr Maschinen, digitale Artefakte.

Eine Drohne von Amazon, die meine (registrierte) Internetbestellung zum Geburtstag meiner Frau zu einer bestimmten Zeit abliefert, erzählt einiges über unsere Ehe; aber was ist das schon, wenn mein Handy jederzeit Daten absondert, inklusive die Häufigkeit, Länge des SMS-Verkehrs, den ich in meiner Partnerschaft führe. Und nicht zu vergessen – welche Wörter ich dabei am häufigsten verwende.

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