Dok-Serie «Geboren am ...» Das war 1946: Churchill in Zürich, UNO und Nürnberger Prozesse

1946 wird Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger in das erste Nachkriegsjahr geboren. Alte Konflikte werden verarbeitet, neue entstehen. Eine Übersicht.

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Jahresrückblick (Schweizer Filmwochenschau, 27.12.1946)

7:40 min, vom 15.6.2017

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die UNO übernimmt die Aufgaben des Völkerbundes.
  • In Indochina, Korea und Palästina zeichnen sich neue Kriege ab.
  • In Nürnberg und in Tokio finden Prozesse gegen die Hauptverantwortlichen für die Kriegsverbrechen statt.

Im Jahr eins nach der grossen Katastrophe des Zweiten Weltkrieges bildet sich die neue Weltordnung heraus. Winston Churchill spricht vom «Eisernen Vorhang» der sich quer durch Europa zieht. Der Völkerbund wird aufgelöst und die UNO übernimmt seine Aufgaben.

Mehrere neue Staat werden gegründet oder erhalten ihre Unabhängigkeit: Österreich erhält seine alten Grenzen von 1937 zurück, Ungarn wandelt sich vom Königreich zur Republik, Jugoslawien übernimmt das sowjetische Modell mit verschiedenen Teilstaaten. Syrien, Jordanien und die Philippinen erlangen ihre Unabhängigkeit.

Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

Doch es stehen neue Konflikte: Frankreich erkennt die Unabhängigkeit Vietnams nicht an und die ersten Schüsse im Indochina-Krieg fallen. In Korea richten Amerikaner und Sowjets, entgegen der Abmachungen, zwei Besatzungszonen ein.

In Jerusalem explodiert eine Bombe im King David Hotel. Das Hotel dient der britischen Mandatsregierung als Herberge für einige Büros der Zivilverwaltung und als Armeehauptquartier. Verantwortlich für den Anschlag ist die Untergrundorganisation Lehi, die unter anderem vom späteren Premierminister Menachem Begin geführt wird.

Beim Anschlag sterben 91 Menschen, 46 werden verletzt. Für England wird die Situation im Mandatsgebiet Palästina immer unberechenbarer. 1948 zieht sich England ganz aus Palästina zurück. Am 14. Mai 1948 ruft David Ben-Gurion den Staat Israel aus.

Aufarbeitung der Gräuel

In Nürnberg endet im Oktober 1946 der Prozess gegen 24 Hauptkriegsverbrecher des NS-Systems. Zwölf Angeklagte werden zum Tode verurteilt, sieben erhalten langjährige oder lebenslängliche Gefängnisstrafen und fünf werden, aus unterschiedlichen Gründen, freigesprochen.

Parallel zum Nürnberger-Prozess findet in Tokio ab dem 3. Mai 1946 ein Prozess gegen die Hauptverantwortlichen der japanischen Kriegsverbrechen statt.

Die Kritikpunkte am Tokioter-Prozess sind ähnliche, wie die am Nürnberger-Tribunal: Es handle sich um Gewinnerjustiz, heisst es. Die japanischen Kriegsverbrechen werden unter die Lupe genommen, die Flächenbombardements der Allierten in Tokio und Yokohama aber nicht thematisiert. Ganz zu schweigen von den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki.

Die schützende Hand der Besatzer

Der Japanische Kaiser Hirohito.

Bildlegende: An den Tokioter Prozessen ist die Kaiserfamilie und Kaiser Hirohito (m.) nicht auf der Anklagebank. Keystone

Hauptkritikpunkt ist, dass die amerikanischen Besatzer die Kaiserfamilie schützen und ihre Rolle bei der gewaltsamen Expansion Japans nicht thematisieren. Weder Hirohito noch seine Söhne, die während des Krieges zum Teil hohe Posten im Militär innehaben, werden angeklagt. Das Kalkül der Besatzer ist, dass die Institution der Kaiserfamilie zur Legitimierung der Besatzung beitragen soll.

Der Prozess endet 1948 mit sieben Todesurteilen, 16 Angeklagte erhalten lebenslange Haftstrafen und zwei langjährige Haftstrafen. Vier der Verurteilten sterben im Gefängnis, die anderen werden zwischen 1954 und 1956 allesamt aus dem Gefängnis entlassen.

Ähnlich wie in Deutschland steigen viele Kriegsverbrecher im Japan der Nachkriegsjahre in wichtige Positionen in Staat und Wirtschaft auf. Paradebeispiel ist Nobusuke Kishi, der die Industrialisierung der Mandschurei in den 1930er- Jahren ohne Rücksicht auf menschliche Verluste vorantreibt. Von 1957 bis 1960 ist er Premierminister von Japan.

Ereignisse 1946 – Ein Jahr in Bildern

Das waren die Oscars 1946

Porträt des Regisseurs Billy Wilder.

Bildlegende: Regisseur Billy Wilder gewinnt mit dem Film «The Lost Weekend» seine zwei ersten Oscars. Keystone

Bei den Oscarverleihungen im März 1946 holt das Alkoholiker-Drama «Das verlorene Wochenende» die Auszeichnung als bester Film. Billy Wilder gewinnt seine ersten beiden Oscars als Regisseur und Drehbuchautor und die Goldfigur für den besten Hauptdarsteller gewinnt Ray Milland als schwer trinkender Autor Don Birnam in «Das verlorene Wochenende».

Hollywood Ikone Joan Crawford erhält den Oscar als beste Hauptdarstellerin für die Titelrolle im Film Noir «Mildred Pierce». Die Auszeichungen für die besten Nebenrollen erhalten James Dunn in «Ein Baum wächst in Brooklyn» und Anne Revere in «Kleines Mädchen, grosses Herz».

Das lief im Radio – eine Hitparade gab's noch keine

Sängerin Evelyn Künneke macht sich an einem Flügel zuschaffen.

Bildlegende: Big-Band-Swing und Schlager, wie etwa von Evelyn Künneke ist der Sound der ersten Nachkriegsjahre. Imago/ United Archives

Die Hitparade gibt es 1946 weder in der Schweiz noch in Deutschland, Verkaufszahlen und das Radioairplay werden noch nicht erfasst. Die Musik von 1946 ist geprägt von Schlagern und Big-Band Swing-Nummern wie etwa Benny de Weilles «Schön wie ein Gedicht». Fröhliche, nicht sonderlich tiefgründige Nummern wie «Drei kleine Geschichten» von Evelyn Künnecke sind nach den dunklen Kriegsjahren beliebt.

Viele der Interpreten, die auch nach 1945 Erfolge feiern, haben sich für die Propaganda der Nationalsozialisten einspannen lassen oder sich zumindest mit den Faschisten arrangiert. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist der Schauspieler, Sänger und Entertainer Johannes Heesters.

Der Skandal des Jahres

Frank Sinatra bei einem Konzert.

Bildlegende: Sänger, Schauspieler und Entertainer Frank Sinatra wird mehrmals mit der Mafia in Verbindung gebracht. Keystone

Ende Dezember 1946 treffen sich in Havanna Amerikas Grössen des organisierten Verbrechens. Alle sind sie da: Charles «Lucky» Luciano, Meyer Lansky, Frank Costello und noch viele mehr. Die Mafiosi besprechen den Drogenhandel, die Kasinos, interne Streitigkeiten und die Zukunft Las Vegas'.

Für den eigentlichen Aufreger in der amerikanischen Presse sorgt aber das Unterhaltungsprogramm: Superstar Frank Sinatra ist in Kuba und wird mit «Lucky» Luciano zusammen gesichtet. «Shame, Sinatra!» titelt eine Kolumne.

«Geboren am…»

Bilderrahmen mit drei Ereignissen: Flugzeug, Unruhen, ein Mann mit Armbrust

SRF

In der Sommerserie «Geboren am…» erzählen wir Geschichten von Menschen, die eines verbindet: Sie kamen am gleichen Tag auf die Welt.

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