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Was soll man sagen – Macht, Moral und Cancel Culture
Aus Kontext vom 03.05.2021.
abspielen. Laufzeit 46:53 Minuten.
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Debatte um Cancel Culture Ist Cancel Culture demokratisch oder totalitär?

Seit dem Fall Muschg, seinem Vergleich von Cancel Culture mit Auschwitz, gehen die Wogen rund um den Kampfbegriff wieder hoch. Ist das eine Gefahr für die Meinungsfreiheit oder eine längst fällige Debatte?

Drei Fragen an zwei Frauen, die einiges gemeinsam haben und die Debatte doch anders sehen: Anna Rosenwasser, LGBTQ-Aktivistin und Kolumnistin aus Zürich, findet, nur schon der Begriff Cancel Culture sei Ausdruck der herrschenden Verhältnisse. Judith Sevinç Basad, Journalistin und Autorin aus Berlin, dagegen sieht in der aktuellen Entwicklung totalitäre Tendenzen. 

Anna Rosenwasser

Anna Rosenwasser

LGBTQ-Aktivistin und Kolumnistin

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Die LGBTQ-Aktivistin, Kolumnistin und Influencerin bezeichnet sich selbst als «doppelt so gay wie sie aussieht, und halb so jüdisch, wie sie klingt». War Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz. Rosenwasser hat Politologie und Geschichte der Neuzeit studiert. Sie ist aufgewachsen in Schaffhausen und lebt heute in Zürich. Ihre Mutter ist Schweizerin, ihr Vater Israeli.

Judith Sevinç Basad

Judith Sevinç Basad

Journalistin und Autorin

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Autorin und Kolumnistin. Studierte Philosophin, Germanistin und Politologin. Hat für die liberale Seyran-Ates-Moschee in Berlin gearbeitet. Hat für WELT, NZZ, FAZ und Cicero geschrieben und eben ein Buch veröffentlicht: «Schäm Dich! Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist». Aufgewachsen in Bayern als Tochter eines Türken und einer Deutschen. Lebt in Berlin.

SRF: Ist Cancel Culture ein echtes Problem oder ein Schein-Problem? 

Judith Sevinç Basad: Wenn Leute an Auftritten gehindert werden, oder Aktivisten aus der Anti-Rassismus oder LGBTQ-Szene derart Druck machen, dass Texte offline genommen werden und die Autoren sich entschuldigen müssen, dann gefährdet das die Meinungsfreiheit.

Anna Rosenwasser: Von Cancel Culture reden immer Leute, die jahrzehntelang unwidersprochen alles Mögliche sagen konnten und jetzt Angst haben, ihre Deutungshoheit zu verlieren. Es geht nicht darum, diese Leute zum Schweigen zu bringen. Es geht um längst fällige Debatten.

Dass wir öffentlich darüber reden, was geht und was eben nicht: Das ist doch hochdemokratisch.
Autor: Anna Rosenwasser LGBTQ-Aktivistin und Kolumnistin

Basad: Aktivisten behaupten, Cancel Culture sei die Erfindung eines rechts-konservativen Mobs, Abwehrkampf des alten weissen Mannes. Das ist zu simpel. Als mein Buch herauskam, versuchten Aktivisten es auf Amazon herunter zu ranken: durch Kommentare, ich sei rechtsextrem oder transfeindlich. Notabene, ohne dass sie das Buch gelesen hätten. Wenn das nicht Cancel Culture ist, dann weiss ich halt auch nicht. 

Es läuft immer ähnlich: Jemand sagt oder schreibt etwas, das wird als anstössig empfunden. Die Kritik kocht hoch, erst auf Social Media, dann in den angestammten Medien. Wer profitiert von dieser Dynamik?

Rosenwasser: Im Fall Muschg hat der Schriftsteller seinen Auschwitz-Vergleich nie zurückgenommen. Daher denke ich, das war eine bewusste Provokation. Die Dynamik, die danach entstand, fand ich eigentlich gut: Dass wir öffentlich darüber reden, was geht und was eben nicht. Das ist doch hochdemokratisch. Eine Stimme in der Öffentlichkeit zu haben ist ein Privileg. Jemand wie Adolf Muschg hat das seit Jahrzehnten. Durch die sozialen Medien können nun auch Leute teilhaben, die bisher nicht gehört wurden.  

Nicht alle Aktivisten übersteuern. Aber ein Teil ist laut und aggressiv. Die müssen da runterkommen.
Autor: Judith Sevinç Basad Journalistin und Autorin

Basad: In Zeiten von Social Media sind alle auf Clicks aus. Und je skandalöser die Aussage, umso grösser die Aufmerksamkeit. Alle versuchen damit zu spielen: der Mob, die Medien, die Aktivisten. Auch negative Publicity ist Publicity. Ich hoffe, dass sich dieses Muster irgendwann tot läuft. Diese Art der Kommunikation auf diesem Niveau ist doch unterirdisch. 

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Aus dem Archiv: Gespräch mit Anna Rosenwasser
59:07 min, aus Focus vom 08.02.2021.
abspielen. Laufzeit 59:07 Minuten.

Was sollte sich ändern, damit die Debatte konstruktiver wird?

Basad: Nicht alle Aktivisten übersteuern. Aber ein Teil ist laut und aggressiv. Die müssen da runterkommen. Und wir sollten wieder mehr persönlich miteinander diskutieren, weniger auf Social Media. Wenn man eine Person vis-à-vis hat, verhält man sich viel vernünftiger, trotz aller Differenzen. 

Rosenwasser: Was wir erleben, ist Widerstand gegen Machtverhältnisse, die jahrzehntelang galten. Wenn wir heute öffentlich darüber diskutieren, was wir akzeptieren und was nicht, dann bringt das die Gesellschaft voran. Aktivismus kann im Ton variieren, mir ist auch nicht immer wohl dabei. Aber wer lange nicht mitreden durfte, ist die dauernde Duldsamkeit vielleicht auch mal leid. Gesellschaftlicher Wandel passiert nicht dadurch, dass ein paar Leute ganz höflich fragen, ob es allenfalls – sofern es keine Umstände macht – ein bisschen mehr Gerechtigkeit geben könnte.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.

Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 3.05.2021, 17:58;

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49 Kommentare

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  • Kommentar von Kris Kronig  (Kris)
    Eine spannende Frage zum Thema Cancel Culture würde sich auch am Beispiel der Moderation und Netiquette führen. Ist das «Löschen von Kommentaren» ohne Begründung und Rücksprache oder Einspruchmöglichkeit bereits Cancel Culture?

    Das Vorgehen ist rechtens. Darüber gibt es keine Frage. Aber ist es richtig?

    Wie überprüft SRF, ob ein Kommentar gegen die Netiquette verstösst oder bloss der Meinung eines moderierenden Menschen nach dagegen verstösst?
  • Kommentar von Lutz Bernhardt  (lb)
    Man kann es auch anders sehen. Cancel Culture ist ein Zeichen von Dummheit. Wer sie betreibt, hat nie gelernt, sachlich und aufrichtig mit einem Gegenüber zu diskutieren. Und vor allem dann, wenn sachliche Argumente fehlen, beleidigt man einfach das Gegenüber und grenzt es aus. Nicht unwahrscheinlich, dass mein Kommentar einen Shitstorm generiert, in der gegenwärtigen Ära der Cancel Culture! :-)
    1. Antwort von Shane O'Neill  (Diddleydoo)
      Es ist eine Verteidigungsstrategie für Leute die nicht gewollt denken zu müssen.

      Lieber auf Instragram posten als zu lernen Logisch zu denken.
  • Kommentar von Alex Schneider  (Alex Schneider)
    „Auch wenn ich gewisse Forderungen von Minderheiten richtig und vernünftig finde, will ich nicht, dass sie zu einem neuen Katechismus werden und dass jede Rede mit einem Bekenntnis zum Antifaschismus enden muss. Das geht mir auf die Nerven. Wenn der Toleranzler, übrigens frei von jeder Toleranz, apodiktisch verlangt: Hürlimann, bekenne dich zum Antifaschismus, zur Ökologie, zum Feminismus, zum Nichtrauchen, da sagt es im Hürlimann: Nein!“ (Thomas Hürlimann in BaZ vom 23.9.19)
    1. Antwort von Valentin Haller  (Projektionsfläche)
      Und was genau will Hürlimann damit zum Ausdruck bringen? Dass es ganz okay ist, Faschismus, Umweltverschmutzung oder Sexismus gut zu finden? Nein, es ist nicht okay - ganz unabhängig vom Bekenntnis.
    2. Antwort von Shane O'Neill  (Diddleydoo)
      @Haller

      es geht darum, dass die Begriffe "Sexismus" "Faschismus" und weiter ziemlich Bedeutungslos sind wenn es von Gewisse Ecken kommt weil Sie einfach alles in eine Schublade stecken und sind keineswegs in der Lage differenziert zu denken.

      Zudem sind gewisse Themen offensichtlich selbst-widersprechend.
    3. Antwort von Markus Baumann  (pierrotlunaire)
      @Haller Sie haben das Wort „apodiktisch“ überlesen. Was Sie Hürlimann unterstellen, hat keine Grundlage in dem, was er gesagt hat. Es geht darum, dass man nicht bei jeder Gelegenheit reflexartig betonen muss, dass man Antifaschist, Ökologist, Feminist und Nichtaucher sei, damit man zu den „Guten“ gehören darf. Ohne dass man sich mal darüber austauscht, was heute damit überhaupt gemeint ist. Parolengeschwätz ist das Zeichen unreflektierter Geister, denen die Fähigkeit zum Dialog fehlt.
    4. Antwort von Valentin Haller  (Projektionsfläche)
      Herr O‘Neill: Wenn ich hier Faschismus oder Sexismus als Beispiele verwende, dann selbstverständlich nicht im Sinne von Kampfbegriffen, die irgendwem zu Unrecht an den Kopf geworfen werden, um eine Diskussion abzuwürgen. Sondern im ganz eigentlichen Wortsinne.

      Will heissen: Jemand, der sich offen dafür ausspricht, die Demokratie abzuschaffen und stattdessen einen Führerstaat zu errichten, der verdient keine Toleranz, kein Gehör, kein gar nichts. Nicht jede Meinung ist eine legitime Meinung.
    5. Antwort von Valentin Haller  (verbosus.ch)
      @O‘Neill und Baumann: Ich verstehe, was Sie meinen. Natürlich ist es unnötig, dass man sich bereits vor der eigentlichen Diskussion als was auch immer etikettiert. Entscheiden sollen die besten Argumente und nicht, als was man diese oder sich selbst ausgibt.

      Ich habe mich im Zitat daran gestört, dass Hürlimann Beispiele verwendet, für die es ohnehin keine vernünftigen Argumente gibt. Niemand kann Faschismus oder Sexismus wollen, hier ist Toleranz ganz grundsätzlich fehl am Platze.
    6. Antwort von Kris Kronig  (Kris)
      @Projektionsfläche
      Selbstverständlich ist es nicht okay, diese Dinge gut zu finden. Aber wenn verlangt wird, dass man sich jedesmal explizit dagegen aussprechen müsste, dann würde man all diese Dinge zur Selbstverständlichkeit erheben.

      Mir sind Taten und Haltungen wichtiger, als Lippenbekenntnisse. Ich gehe davon aus, dass Menschen gegen Faschismus, Umweltverschmutzung oder Sexismus sind, ohne dass sie es extra erwähnen müssen. Verhalten sie sich aber so, dann sage ich das.