Wenn mein Vater vom Krieg erzählt

Überlebende Augenzeugen des Ersten Weltkriegs sind rar. Aber ihre Erzählungen wurden oft an die nächsten Generationen weitergegeben. Wie in meinem Fall: Mein Vater kennt zahlreiche Geschichten über den Ersten Weltkrieg wie ein Augenzeuge – obwohl er nicht dabei gewesen war.

Man sieht Peter Voegeli mit seinem Vater in Sarajevo, am Ort des Attentats von 1914.

Bildlegende: Peter Voegeli mit seinem Vater in Sarajevo, am Ort der Attentats von 1914. SRF/ Peter Voegeli

Wer kann das schon mit gutem Gewissen sagen: Mein Vater und der Erste Weltkrieg. Und dabei von einer lebenden Person sprechen, die von der Zeit des Ersten Weltkriegs berichten kann, als ob sie dabei gewesen wäre.

Alles begann mit dem Wälzer «Die Schlafwandler» des Historikers Christopher Clark. Ein Standardwerk, das auf 750 Seiten den Ausbruch des Ersten Weltkriegs nachzeichnet. Mein Vater und ich lasen beide das Buch parallel. Und mein Vater konnte viele Schilderungen durch eigene Geschichten ergänzen. Ich staunte.

Rückblick auf eine bewegte Familiengeschichte

Mein Vater ist 87 Jahre alt. Er wuchs in Belgrad auf. Sein Grossvater hatte Glarus Ende des 19. Jahrhunderts als 19-Jähriger verlassen und war als Kaufmann nach Manchester, über Istanbul und Izmir nach Belgrag emigriert. Er hatte den Auftrag erhalten, das damalige Königreich Serbien zu modernisieren – so zum Beispiel das Eisenbahnnetz.

Er gründete eine Bank, verkaufte Dreschmaschinen. Und importierte Kopftücher aus Schwanden im Kanton Glarus. Jede Bäuerin im Agrarland Serbien hatte zwei Kopftücher, eines für den Sonntag und eines für die Werktage. Und der Legende nach stammten sie fast ausnahmslos aus Glarus.

Wie die Grosstante zwei Granaten aus dem Fenster warf

Soldaten schreiten über ein Schlachtfeld und tragen Verwundete.

Bildlegende: Durch Erzählungen wird der Erste Krieg oft plastischer als jedes Bild: Kriegsszene in Frankreich 1916. Keystone

Der Grossvater meines Vaters organisierte im Ersten Weltkrieg einen Suchdienst für Vermisste und Verwundete. Im Kinderbett im Elternhaus meines Vaters blieb ein Säbel der Österreicher nach dem Ersten Weltkrieg zurück. Eine Grosstante arbeitete in den Balkankriegen 1912/1913 als freiwillige Krankenschwester in einem Lazarett und warf mit einer Schaufel zwei Granaten aus dem Fenster, die ins Gebäude eingeschlagen waren. Gerade rechtzeitig, bevor sie explodierten.

Solche Geschichten hörte mein Vater von seinem Grossvater und von den Angestellten, die alle im Ersten Weltkrieg gewesen waren – in der grossen Küche zuhause in Belgrad. Und damals im Jugoslawien der 1930er-Jahre hing sozusagen noch das Parfüm der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg in der Luft.

Als ob er dabei gewesen wäre

Also reisen mein Vater und ich nach Sarajevo. Dorthin, wo damals die tödlichen Schüsse des Extremisten Gavrilo Princip auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand den Ersten Weltkrieg auslösten. Wir stehen auf der Lateinerbrücke, wo das Attentat stattfand, spazieren durch die Stadt und sprechen über die Geschichten von damals, die mein Vater so gut kennt, als ob er dabei gewesen wäre.

Es liegt nur eine Generation zwischen mir und diesen Geschichten. Sie klingen, als ob sie aus einer fernen Vergangenheit wären. Und doch sind sie durch die persönliche Erzählung so lebendig.

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