Der Weg in die Armut ist kürzer, als man denkt

Armut ist in der Schweiz noch immer ein Tabuthema – obwohl es in der Schweiz rund 590'000 Menschen gibt, die als arm gelten. Darunter sind viele Langzeitarbeitslose und ältere Menschen. Aber auch regulär Arbeitende können plötzlich zu wenig Geld zum Leben haben, wie ein Beispiel zeigt.

Ein Mädchen vor einem etwas trostlosen Wohnblock, an ein Geländer gelehnt, auf etwas zeigend.

Bildlegende: Armut ist in der Schweiz meist unsichtbar – und betrifft nicht nur Arbeitslose und ältere Menschen, sondern auch Kinder. Getty Images

Die zwei Kinder tollen im Wohnzimmer umher, kreischen, quietschen, lachen. Und stolpern dabei fast über das am Boden liegende Spielzeug. Dass die Kinder Spielzeug haben und so unbeschwert durch die Räume flitzen können, ist nicht selbstverständlich. Denn ihre Mutter Patrizia ist alleinerziehend und arm.

Armut in der Schweiz

Wann ist jemand arm in der Schweiz, einem der reichsten Länder der Welt? Die Grenze variiert, je nach Wohnort und Haushaltsgrösse. Im Schweizer Schnitt gilt eine alleinlebende Person als arm, die mit weniger als 2600 Franken pro Monat auskommen muss. Für Alleinerziehende gelten monatlich 4000 Franken als Existenzminimum. Jeder sechste Einelternhaushalt lebt in der Schweiz unter dieser Grenze, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie der Universität Bern festhält.

Zu diesen Haushalten gehört auch derjenige von Patrizia. Die 33-Jährige lebt mit ihren vier und fünf Jahre alten Kindern in Zürich in einer gepflegten Dreizimmerwohnung. Sie verdient mit Schichtarbeit am Flughafen rund 1500 Franken monatlich, vom Vater der Kinder erhält sie 2000 Franken pro Monat.

Es kann sehr schnell gehen

Dass sie einmal zu wenig Geld haben könnte, um ihrem Sohn einen Eintritt in die Badi zu kaufen, oder dass sie in Panik geraten könnte, wenn die Winterjacke der Tochter durchgewetzt ist, hätte Patrizia vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten. Sie hat eine Ausbildung zur Wirtschaftsfachfrau, kauft weder übermässig viel ein noch hat sie Schulden. Zudem hat sie sich im Lauf ihres Lebens eine kleine Reserve angespart.

Doch als sich Patrizia vor rund zwei Jahren von ihrem Mann trennt, vom Thurgau nach Zürich zieht und mehrmals die Wohnung wechseln muss, geht ihr das Geld aus. Sie zieht in eine Genossenschaftswohnung und beantragt subventionierte Krippenplätze für die Kinder. Sozialhilfe beantragt sie keine – zu gross sei der Eingriff in die Privatsphäre, zu unangenehm die Fürbitte beim Staat.

Totaler Rückzug

Die Familie kommt über die Runden, indem Patrizia jeden Franken umdreht, Aktionen studiert, bei Rechnungen auf die Mahnung wartet und ihr eigenes soziales Leben auf ein Minimum reduziert. Freundinnen trifft sie fast nicht mehr – denn alles, was ausserhalb der Wohnung stattfindet, kostet Geld. Geld, das sie nicht hat.

«Ich war komplett auf mich alleine gestellt. Die Freundinnen, die meinen Rückzug bemerkt haben, wollten zwar helfen. Aber ich konnte einfach nicht zugeben, wie es wirklich um uns steht. Da war Scham dabei, dass meine Ehe gescheitert war und ich es trotz strenger Schichtarbeit auf keinen grünen Zweig brachte.»

Noch immer ein Tabu

Diese Ohnmacht und das Schamgefühl seien typisch für von Armut betroffene Menschen, meint Bettina Fredrich, Leiterin der Fachstelle Sozialpolitik von der Caritas Schweiz: «Viele Betroffene ziehen sich zurück und sprechen mit niemandem über ihre Situation. Das führt auch dazu, dass Arme in der Schweiz schlicht nicht sichtbar sind. Nicht im Alltag und nicht auf der politischen Ebene.»

Denn immer noch ist Armut in der Schweiz ein Tabuthema, für das es keine Lobby gibt. Zwar gibt es seit 2013 ein Armutsprogramm auf Bundesebene. Allerdings ist dieses lediglich auf fünf Jahre hin angelegt und das Budget sehr bescheiden. Über eine Bestandesanalyse wird das Programm kaum hinausgehen. Und obwohl es von den Kantonen und verschiedenen Organisationen Hilfe für Armutsbetroffene gibt, sind sie oft mit ihren Alltagsproblemen alleine.

Licht am Ende des Tunnels?

Ein Ausbrechen aus dem Teufelskreis ist schwer, aber nicht unmöglich. Patrizia hat einen Anfang gemacht: Sie hat nach langer Stellensuche einen Job gefunden, der ihr bei 50 Prozent Beschäftigung 2500 Franken monatlich einbringt. «Seit ich die Jobzusage bekommen habe, kann ich seit langem auch mal wieder richtig durchschlafen. Vorher habe ich manchmal gar nicht geschlafen, weil mein Kopf permanent am Kalkulieren war, weil Rechnungen offen waren und Anschaffungen anstanden. Doch jetzt denke ich, sollte es bergauf gehen», sagt Patrizia und lächelt ihren auf dem Boden spielenden Kindern zu.

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