Derry-Londonderry: Kulturhauptstadt mit blutiger Vergangenheit

Wo sich Katholiken und Protestanten jahrzehntelang in Feindschaft gegenüberstanden, sollen die Künste nun Brücken schlagen. 2013 präsentiert sich das nordirische Derry-Londonderry als Grossbritanniens «City of Culture».

Blick auf zwei bemalte Hausfassaden. Links ist ein Mann mit einer Atemmaske zu sehen, rechts eine junge Menschenmasse unter dem Ausspruch: «You are now entering free Derry.»

Bildlegende: Londonderry: Graffitis erinnern an «Bloody Sunday». Jetzt soll Kunst helfen, die blutige Vergangenheit zu überwinden. Keystone

Im sechsten Jahr der internationalen Finanzkrise steckt Grossbritannien tief in der Rezession. Ein Ende der Malaise ist nicht abzusehen, im Gegenteil: Experten warnen bereits vor der nächsten Talfahrt. Besonders hart trifft die Dauerflaute die Kultureinrichtungen des Landes. Ihnen drohen bis auf weiteres massive Etat-Kürzungen. Und dennoch: Nirgends im Vereinigten Königreich ist in diesen Tagen so häufig von Aufschwung die Rede, wie bei den Künsten. Auf Optimismus machen nicht nur die etablierten Kunsthochburgen in London, Liverpool und Manchester, Aufbruchstimmung herrscht auch in den kulturellen Randzonen in der Provinz.

Kunst als Impulsgeber und Katalysator

Seit Jahresbeginn ist Londonderry Grossbritanniens erste offizielle «City of Culture». Die Stadt der gespaltenen Loyalitäten und Konfessionen gibt als Kulturkapitale Anlass zu grossen Hoffnungen. Ähnlich wie in Liverpool, Europas Kulturhauptstadt 2008, werten die Organisatoren des Festspieljahres in Londonderry die Künste als idealen Impulsgeber und Katalysator für die nachhaltige Regeneration einer ganzen Region. Viele schwärmen schon jetzt von neuen Arbeitsplätzen, mehr Tourismus und «blühenden Landschaften» allerorten.

Irisch-britische Zusammenarbeit

Darin sind sich am River Foyle alle einig: Beim «City of Culture»-Projekt, einer grenzüberschreitenden irisch-britischen Koproduktion, steht viel mehr auf dem Spielplan als Musik, Tanz und Theater. Knapp die Hälfte von Derry-Londonderrys rund 110'000 Einwohnern ist jünger als 25 Jahre. Der «Bloody Sunday» (1972) und die knapp vier Jahrzehnte währenden Unruhen in der Krisenprovinz Ulster mit ihren fast 4'000 Todesopfern sind für die junge Generation längst Geschichte.

Spätestens mit dem Karfreitagsabkommen 1998 setzte in Nordirland eine neue Zeitrechnung ein, seither laufen die Uhren anders. Heute geht es um die Einlösung der im Zuge der Entspannung sich abzeichnenden Friedensdividende.
Darauf zielen auch die für die «City of Culture»-Festspiele geplanten rund 150 Veranstaltungen. Sie alle stehen unter dem Motto «All Our Futures» und «Unlocking Our Creativity».

Krise hin, Aufschwung her

Darum soll es in Londonderry in den kommenden Monaten gehen und noch weit über 2013 hinaus: um Kultur als Brückenschlag und die «Entfesselung» eines während des Nordirlandkonflikts aufgestauten und allzu lange vernachlässigten Kreativpotentials der Annäherung und Versöhnung. Krise hin, Aufschwung her: Politiker beiderseits der Irischen See wären schlecht beraten, sollten sie der Kreativindustrie, sozusagen im Einsatz «an vorderster Front», die Mittel kürzen. Noch nie, so scheint es, war Kulturarbeit so wertvoll wie heute. Und so unverzichtbar.

Mehr zum Kulturprogramm

Als erste «UK City of Culture» präsentiert sich das nordirische Derry-Londonderry 2013 mit einem umfassenden Kulturangebot. Der offizielle Startschuss zum Kulturprogramm fällt am 20. Januar 2013.