Migration im Museum Die Fremdenpolizei und das Rein-Raus-Spiel

Vor 100 Jahren wurde die eidgenössische Fremdenpolizei gegründet. Wer darf bleiben und wer nicht? In Basel spiegelt sich die Migrationsgeschichte der Schweiz. Ein Rückblick.

Vier Einwanderer sitzen auf ihren Reisetaschen am Bahnhof.

Bildlegende: Die Schweiz rief Arbeitskräfte, und es kamen Menschen: Gastarbeiter aus Italien in Zürich, 1966. Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Weitgehende Personenfreizügigkeit war in Europa bis zum Ersten Weltkrieg gang und gäbe.
  • Mit Kriegsausbruch änderte sich das schlagartig – vor genau 100 Jahren erfand die Schweiz die Fremdenpolizei.
  • Ab da war Migration «ein Problem» – und die Verwaltung der Fremden setzte ein.

Die moderne Migrationsgeschichte geht weit zurück, bis ins 19. Jahrhundert. Zuerst migrierten notgedrungen viele Schweizer und Schweizerinnen ins Ausland. Geschichten wie die der «Schwarzen Brüder» – jene Tessiner Buben, die man als Kaminfeger nach Italien verdingte – stehen noch heute in zahlreichen Büchergestellen und rühren Kinder und Erwachsene zu Tränen.

Eine Schreibmaschine auf einem Ausstellungstisch.

Bildlegende: Die Ausstellung «Magnet Basel» hat 32 Migrantenschicksale aufgearbeitet und ausgestellt. Team Stratenwerth/Daria Kolacka

Offene Grenzen

Als die Schweiz dank der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts zu prosperieren begann, änderte die Migrationsrichtung. Es gab ein Auskommen für alle in der Schweiz. Niemand musste mehr auswandern. Dafür zog der Schweizer Arbeitsmarkt jetzt wie ein Magnet Menschen an – hauptsächlich Deutsche und Italiener.

Dank der bilateralen Abkommen zwischen den europäischen Nationen standen die Grenzen offen. Wer sich in der Schweiz niederlassen wollte, konnte das ohne grosse Formalitäten tun. Solange er oder sie sich ihren Lebensunterhalt selber verdienen konnten.

Migration, eine Selbstverständlichkeit

Da gab es zum einen die vielen Fabrikarbeiterinnen und Fabrikarbeiter. Sie wurden in den grossen Industrien und Infrastrukturprojekten gebraucht, etwa am Gotthard.

Zum anderen waren da viele Händlerinnen, Handwerker, Wirtsleute mit ausländischem Pass, die viele Jahre schon in der Schweiz lebten. Zum Teil wurden sie in der Schweiz geboren, sie hatten hier ihre Lehre gemacht, geheiratet und Kinder auf die Welt gebracht.

Migration über die Grenze war eine Selbstverständlichkeit – mal in die eine, dann in die andere Richtung. Bis der Erste Weltkrieg dieser Selbstverständlichkeit schlagartig ein Ende setzte.

Grenzen, schreibt der Historiker Patrick Kury in seinem Buch über die Anfänge der schweizerischen Migrationspolitik, erhielten plötzlich «eine bis dahin nie gewesene Bedeutung».

Nach dem Krieg war alles anders

Mit dramatischen Folgen für all die, die es verpasst hatten, einen Schweizer Pass zu beantragen, was vor dem Ersten Weltkrieg kein Problem war. Denn Integration durch Einbürgerung war in der damaligen Schweiz das erklärte Mittel gegen eine allfällige «Überfremdung».

Ein Stapel Papier hinter Glas.

Bildlegende: Das Dossier eines Kapitäns, der 1943 mit seiner Hochseeyacht in Basel strandete. Team Sratenwerth/Daria Kolacka

Doch mit dem Krieg war plötzlich alles anders: Die verfeindeten Nationen riefen ihre Landsleute zurück «an die Waffen». Bis zu dem Moment betrug der Ausländeranteil in der Schweiz 15 Prozent – in den Städten konzentriert, wo der Anteil bis auf 40 Prozent und höher klettern konnte.

Durch den Rückruf setze eine regelrechte Völkerwanderung quer durch Europa ein. Zehntausende von Italienern aus Belgien, Deutschland und Frankreich warteten vor dem Basler Bahnhof auf ihre Weiterfahrt Richtung Heimat. Umgekehrt zogen die Deutschen zurück ins Kaiserreich.

Neue Fremde im Land

Von Basel aus hatten sie es nicht weit. Der legendäre deutsche Wirt Christian Fraude des Kleinhüniger Gasthauses «Drei Könige» wurde ebenfalls einberufen – die deutsche Grenze befand sich nur wenige Meter von seinem Wohnhaus in der Schweiz entfernt. Ein paar Meter mit dramatischen Folgen für die Familie.1917 fiel Fraude im Krieg. In Basel hinterliess er seine Frau und vier Kinder.

So sank der Anteil von ausländischen Einwohnerinnen und Einwohner in der Schweiz rapide. Doch es kamen wegen des Krieges neue Fremde ins Land: Deserteure, Fahnenflüchtige, Kriegsgewinnler. Und bereits im Ersten Weltkrieg schon jüdische Flüchtlinge aus Polen und Russland. «Ostjuden» nannte man sie.

Ganz besonders sie stilisierte man auch in der Schweiz – beeinflusst von der heftigen Kriegspropaganda – zu unwillkommenen Fremden und legte damit den Boden für den vernichtenden Antisemitismus des Zweiten Weltkrieges.

Migration als Problem

Wer darf rein und wer nicht wurde zum Politikum – und 1917 deswegen eine Fremdenpolizei ins Leben gerufen. Ausgerechnet in einer Zeit, in der der Ausländeranteil in der Schweiz mit 3 Prozent auf einen historischen Tiefpunkt gesunken war.

Von da an war Migration «ein Problem», und die Verwaltung der Fremden setzte ein – mit Aufenthalts-, Niederlassungs- und Einbürgerungsbewilligungen, Diskussionen, Rechtsstreiten, Rekursen und Verfügungen.

500’000 Personendossiers mit teilweise unglaublichen Lebensgeschichten sind seit diesen Anfängen der Fremdenpolizei im Basler Staatsarchiv aufbewahrt und für die aktuelle Ausstellung «Magnet» höchst aufschlussreich und unterhaltsam aufgearbeitet.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 14.07.2017, 09:00 Uhr

Ausstellungshinweis

«Magnet Basel – Migration im Dreiländereck» findet vom 28. April bis 1. Oktober 2017 an fünf Ausstellungsorten in Basel, Liestal und Lörrach statt.

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