Die neuen Mandelas – ein Besuch in Afrikas Kaderschmiede

Afrika macht vor allem mit Krisen Schlagzeilen. Schuld daran seien mangelnde Führungspersönlichkeiten, sagt der ehemalige Unternehmensberater Fred Swaniker. Heranwachsen sollen sie in seiner «African Leadership Academy» – einer Schule für Jugendliche vom ganzen Kontinent.

Schüler der «African Leadership Academy» betrachten eine Karte Afrikas.

Bildlegende: Bereit, Afrika zu erobern: Schüler an der «African Leadership Academy» in Johannesburg. African Leadership Academy

Manchmal muss sich Yannick Yehe kneifen um sicherzugehen, dass er nicht träumt. Er habe sich nie vorstellen können, auf eine solch aussergewöhnliche Schule zu gehen, erzählt der 18-Jährige. Er stammt aus der Elfenbeinküste, aus einfachen Verhältnissen. Keiner in seiner Familie hat einen höheren Schulabschluss erlangt, geschweige denn ein Internat im tausende Kilometer entfernten Johannesburg besucht.

Der ehemalige Unternehmensberater Fred Swaniker

Bildlegende: Der ehemalige Unternehmensberater Fred Swaniker ist Gründer der «African Leadership Academy». African Leadership Academy

Genau dort sitzt Yannick nun beim Frühstück mit seinen Mitschülern aus allen Ländern Afrikas. Einige haben in ihrer Heimat Bürgerkrieg, Hunger und die Willkür korrupter Eliten erlebt. Andere sind behütet in Mittelschichtsfamilien aufgewachsen.

Schüler sind handverlesen

Eines haben alle gemeinsam: Die «African Leadership Academy» hat jeden von ihnen aus tausenden Bewerbern ausgewählt. Pro Jahr werden nur einhundert Stipendien vergeben, je zur Hälfte an Jungen und Mädchen. Neben guten Noten müssen sie auch Führungsqualitäten, Unternehmergeist und Leidenschaft für Afrika unter Beweis stellen.

«Jeder hier will Afrika verändern», betont Yannick. Einige streben eine politische Karriere an, andere engagieren sich für Menschenrechte oder Umweltschutz. Yannick bewarb sich mit der Idee, eine Bank für afrikanische Unternehmensgründer aufzubauen. «Es gibt viele Afrikaner mit grossartigen Ideen. Ihnen fehlt nur das Kapital sie umzusetzen.»

Afrika braucht «neue Mandelas»

Schüler in grossem Hörsaal der «African Leadership Academy»

Bildlegende: Handverlesen: Die Kandidaten müssen neben Führungsqualitäten auch ihre Leidenschaft für Afrika unter Beweis stellen. African Leadership Academy

Der Kontinent dürfe sich nicht länger auf ausländische Investitionen und Entwicklungshilfe verlassen, meint auch Akademiegründer Fred Swaniker. «Afrika muss sein Schicksal endlich selbst in die Hand nehmen.» Dazu brauche man vor allem eines, so der ehemalige Unternehmensberater bei McKinsey: «Führungspersönlichkeiten». Politiker, die als die neuen Nelson Mandelas für Frieden, Stabilität und Demokratie sorgen. Wissenschaftler, die Impfungen gegen Malaria und Ebola entwickeln. Unternehmer, die «afrikanische Googles und Microsofts» gründen.

Statt darauf zu hoffen, dass diese Visionäre irgendwann von selbst auftauchen, gründete der 38-jährige Ghanaer die «African Leadership Academy». Eine Kaderschmiede für die künftige Elite, der nicht nur ihre eigene Karriere, sondern das Wohl des Kontinents am Herzen liegt.

Raum für eigene Ideen

Der Lehrplan ist auf dieses Ziel zugeschnitten: Fächer wie afrikanische Philosophie, Rhetorik oder Unternehmensführung sollen die 17- bis 19-Jährigen auf ihre künftige Führungsrolle vorbereiten. Die Klassen sind klein, Frontalunterricht ist ein Fremdwort.

«Wir orientieren uns an der sokratischen Methode», erklärt Lehrerin Shoki Mapokgole: Schüler sollen zum kritischen Denken angeregt werden, Raum haben um ihre eigenen Ideen zu entwickeln und auszuprobieren. Die Lehrerin selbst weiss um die Vorteile dieser Methode. Sie hat die Akademie selbst absolviert.

Absolventen müssen in Afrika arbeiten

Wie fast alle ihrer damaligen Mitschüler hat die Südafrikanerin nach dem Schulabschluss an einer Eliteuniversität in den USA studiert. Nun ist sie zurück in der Heimat. Dies ist eine Bedingung für das Stipendium: «Spätestens mit dem 25. Geburtstag müssen wir nach Afrika zurückkehren und mindestens zehn Jahre hier arbeiten.» Wer sich nicht daran hält, muss die rund 40‘000 Dollar Schulgebühren zurückzahlen. Schliesslich soll diese Investition dem Kontinent zugutekommen.

Vision eines panafrikanischen Netzwerks

Ziel ist es aber nicht nur dem Braindrain entgegenzuwirken, sondern auch ein panafrikanisches Netzwerk Gleichgesinnter aufzubauen. Akademiegründer Fred Swaniker gerät bei diesem Gedanken ins Schwärmen: Die Tatsache, dass sich die Absolventen aus allen Teilen Afrikas kennen, werde nicht nur zum Abbau von Handelsbarrieren, sondern auch zu mehr Frieden beitragen. «Man führt keinen Krieg gegen seinen Nachbarn, wenn man ihn aus der Schule kennt.»

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