Anfänge des RAF-Terrors Die RAF – entstanden aus der Konkursmasse der 68er-Bewegung

Morde, Entführungen, Anschläge: Vor 40 Jahren begann das «Terrorjahr 1977». Die RAF-Terroristen stellten die Bundesrepublik Deutschland vor eine Belastungsprobe.

Polizisten decken am 7. April 1977 die Leiche von Generalbundesanwalt Siegfried Buback nach dessen Ermordung durch RAF-Terroristen ab.

Bildlegende: Der Mord an Siegfried Buback am 7. April vor 40 Jahren gilt als Auftakt des Terrorjahres 1977. Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • 1970 gründen eine Gruppe um Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof die linksextremistische Rote Armee Fraktion (RAF).
  • Die RAF hatte politische Ziele – mit ihren gewalttätigen Handlungen aber konnte sie diese Ziele selten umsetzen.
  • Der Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback am 7. April vor 40 Jahren gilt als Auftakt des Terrorjahres 1977, das im «Deutschen Herbst» gipfelte.
  • 1998 löst sich die RAF auf. Insgesamt ist sie für 34 Morde, zahlreiche Banküberfälle und Sprengstoffattentate verantwortlich.
Hanns Martin Schleyer hät ein Plakat vor sich auf dem steht: «Seit 20 Tagen Gefangener der RAF». Im Hintergrund ist das Logo der RAF.

Bildlegende: Wurde von der RAF entführt und ermordet: Hanns Martin Schleyer. Keystone

Ein tiefer Einschnitt

Es beginnt vor 40 Jahren mit der Ermordung des deutschen Generalbundesanwalts Siegfried Buback in Karlsruhe: das Terrorjahr 1977 der Roten Armee Fraktion, kurz RAF.

«Das war ein tiefer Einschnitt in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland», sagt der Politologe und RAF-Experte Wolfgang Kraushaar. «Unter den vielen Anschlägen und Entführungen war dieses Attentat eine Ausnahme, weil es im Voraus als Hinrichtung konzipiert worden war.»

Höhepunkt der Gewalt

Das Jahr 1977 ist der Höhepunkt des RAF-Terrors. Im Juli erschiesst die RAF den Bankier Jürgen Ponto. Etwas später, im sogenannten «Deutschen Herbst», entführt und tötet sie den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Ausserdem entführt sie eine Lufthansa-Maschine nach Mogadischu.

Die Gründung beginnt mit einer Flucht

Gegründet wird die RAF sieben Jahre zuvor. Eine Gruppe um Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Horst Mahler und Ulrike Meinhof schliessen sich zu einer linksextremistischen Vereinigung zusammen.

Meinhof und vier Mittäter befreien 1970 Andreas Baader mit Waffengewalt aus dem Gefängnis, in dem er wegen Brandstiftung steckt. Die Gruppe flieht nach Jordanien, wo sie in einem palästinensischen Ausbildungslager Grundlagen des Guerilla-Kampfes lernt.

Mit Gewalt gegen den Staatsapparat

Die Offensive der RAF beginnt 1972 mit einem Bombenanschlag auf das Hauptquartier der US-Armee in Frankfurt am Main. Sie richtet sich gegen den Staatsapparat: gegen den Vietnamkrieg der Vereinigten Staaten, gegen die Justiz, gegen den Axel-Springer-Verlag und dessen Boulevardzeitung «Bild».

Damit versucht sie mit gewaltsamen Mitteln das fortzusetzen, was sich die 68er-Bewegung auf die Fahne geschrieben hat. «Wenn man so will, ist die RAF aus der Konkursmasse der 68er-Bewegung entstanden», erklärt Kraushaar.

Natürlich, die 68er-Bewegung sei für den RAF-Terror nicht verantwortlich. Aber nach deren Ende gibt es einige Gruppierungen, die bereit sind, ihre Ziele mit Gewalt zu erreichen.

Eine Frau wird von einem Mann geführt.

Bildlegende: Die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof bei ihrer Gefangennahme am 16. Juni 1972. Keystone

Mit politischem Grundanspruch

Gewalt gehört laut Kraushaar von Anfang an zum Programm der RAF. In einem Interview im Juni 1970 erklärt Ulrike Meinhof: «Bullen sind Schweine (…) und natürlich kann geschossen werden.»

Von ihrer politischen Seite zeigt sich die RAF mit Bombenanschlägen auf US-Einrichtungen, auf Angehörige der Justiz und des Axel-Springer-Verlags. Die gewalttätigen Aktionen mit politischem Ziel sind allerdings eher kurze Phasen. Danach versucht die RAF vorwiegend, die eigenen Gefangenen freizupressen.

«Die RAF ist von ihrem Grundanspruch politisch gewesen», meint Kraushaar dazu. «Mit ihren Handlungen hat sie das aber nur sehr selten umsetzen können.»

Richtige Ziele, falsche Mittel?

Schiessen tut die RAF bis 1998, dann löst sie sich selbst auf. Insgesamt ist sie für 34 Morde, zahlreiche Banküberfälle und Sprengstoffattentate verantwortlich.

Trotzdem stossen die Aktionen anfänglichen in gewissen linken Kreisen auf Sympathie. «Man glaubte, dass die richtigen Ziele – wenn auch mit falschen Mitteln – angepackt würden und dass man die RAF in einer gewissen Weise solidarisch kritisieren müsse», sagt Kraushaar.

Die RAF als Referenzrahmen

Mit der zweiten RAF-Generation und ihren brutalen Morden geht diese Sympathie jedoch zunehmend verloren. Die deutsche Regierung reagiert mit grosser Härte auf die Gewalt. Für die Bundesrepublik ist der Kampf gegen die Terroristen eine harte Belastungsprobe, die sie bis heute prägt.

«Heute ist die RAF zu einer Art Referenzrahmen für das Nachdenken über den Terrorismus insgesamt geworden», sagt Kraushaar. So werde auch bei aktuellen Terroranschlägen, wie zuletzt in London, immer wieder gefragt: Wie sah das damals bei der RAF aus?

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 29.03.2017, 09:02 Uhr

Sendung zu diesem Artikel