Die Rettung ist zu teuer: Ein Weltkulturerbe geht unter

Saint Louis, die alte Kolonialstadt im Norden Senegals, wird vom Atlantik weggefressen, wenn nichts geschieht. Der steigende Meeresspiegel spült den Strand weg, erste Häuser mussten bereits evakuiert werden. Behörden und Bevölkerung sind ratlos. Ist eine Umsiedlung der einzige Ausweg?

Abendstimmung am Strand von Guet N'Dar, dem Fischerquartier von Saint Louis. Diesiges Licht, überall sitzen Frauen in kleinen Gruppen, sie warten, schwatzen. Warten, bis eine der bunt bemalten Pirogen zum Strand fährt, mit aufheulendem Motor und auf den hohen Wellen surfend. Dann springen sie auf, und noch während die Männer die Piroge hinaufschieben, auf alten Gasflaschen, nehmen sie den Fang entgegen.

Weit müssen sie nicht gehen. Denn der Strand ist schmal geworden vor Saint Louis. Dort, wo früher die Pirogen in vielen Reihen standen, bleibt gerade mal Platz für eine Reihe. Und wenn die Flut kommt, lecken die Wellen an den Häusern von Guet N'Dar, und die Fischer müssen die Pirogen hinaufziehen bis in die Strassen.

Der Meerespiegel steigt – und bedroht die Stadt

Saint Louis, eine Stadt von 170'000 Einwohnern, ganz im Norden Senegals gelegen, ist bedroht. Die ehemalige Hauptstadt der französischen Kolonien, auf einer Insel mitten im Fluss Senegal gelegen, ist Weltkulturerbe der Unesco, ein Bijou an kolonialer Architektur – und wird immer wieder vom Fluss überflutet. Vorne, auf der schmalen Landzunge, droht das Quartier Guet N'Dar ein Opfer des Atlantiks zu werden.

Schuld ist der steigende Meeresspiegel. Um 20 Zentimeter ist er gestiegen, seit dem vorindustriellen Zeitalter – zu viel für die Strände vor Saint Louis; sie werden buchstäblich weggefressen. Um einen Meter pro Jahr, so die Beobachtung, schreitet das Meer voran. Und nicht nur in Saint Louis.

Die ganze Küste Senegals ist betroffen, viele Dörfer und Städte. Das Dorf Yenne Tode, südlich der Hauptstadt Dakar gelegen, wurde vom Meer entzweigeschnitten, in Rufisque, in Mbour und an anderen, touristisch bedeutsamen Orten der Petite Côte, gibt es keine Strände mehr. Die Touristen bleiben aus, die Fischer wissen nicht mehr, wohin mit ihren Pirogen, und den Kommunen fehlt das Geld, um Strassen, Häuser und Plätze, die im Meer verschwunden sind, zu ersetzen.

Experten sind alarmiert

Am senegalesischen Fernsehen lancierte der Umweltwissenschaftler Boubacar Gueye einen Appell an die internationale Gemeinschaft. Die Lage an Senegals Küsten sei «desaströs», sagte er, und rief dazu auf, «das Voranschreiten des Meers zu stoppen».

Auch die Unesco ist in Sorge. Bedroht ist die ehemalige Sklaveninsel Gorée von Dakar, bedroht ist vor allem Saint Louis. Doch es fehle an Mitteln, um etwas für die Rettung der Stadt zu tun, sagt die Verantwortliche der Unesco in Dakar, Guiomar Alonso Cano; und Fragen der Klimaveränderung gehören nun mal nicht ins Dossier der Kulturorganisation der UNO.

Wälle, Schleusen und Deiche sind teuer

Dämme müssten gebaut werden, man müsste Vorkehrungen treffen, damit der Sand nicht auf den Meeresgrund geschlürft wird, Welle für Welle. Vor Rufisque wurde ein Projekt lanciert, um den Strand zu retten, finanziert vom Kompensationsfonds der UNO, ein paar Kilometer, nicht mehr.

Für eine Stadt wie Saint Louis müsste weit mehr getan werden, das ganze komplexe Ökosystem des Flussdeltas bräuchte eine Korrektur, und die zum Meer gehenden Quartiere müssten geschützt werden; mit Umsiedlungen, wie sie die Stadtverwaltung durchführt, ist es nicht getan.

Reiche Städte, sagt der Klimaexperte und Meeresforscher Nicolas Gruber von der ETH Zürich, hätten die Mittel, um sich vor den steigenden Fluten des Meeres zu schützen. Allerdings sind die Kosten für Wälle, Schleusen und Deiche enorm – eine Studie des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat errechnet, dass für eine Stadt wie Kopenhagen bereits ein Meeresspiegelanstieg von 11 Zentimetern bis Mitte des Jahrhunderts «eine Verdopplung der ökonomischen Verluste im gleichen Zeitraum bedeutet, sofern nicht weitere Massnahmen ergriffen werden».

Für arme Städte wie Saint Louis aber bleibt nichts anderes, sagt Nicolas Gruber, als die «Umsiedlung in höher gelegene Gebiete».

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