Die US-Waffenlobby nimmt Kinder ins Visier

Kinder als Zielscheibe der Pro-Waffen-Lobby: In den USA sorgt ein Bilderbuch über eine Familie von Waffennarren für verkrampfte Reaktionen. Daran zeigt sich die Hilflosigkeit Amerikas, mit dem Thema Waffen umzugehen. Das Kinderbuch ist selbst Konservativen zu dreist.

Eine Gruppe von Kindern, eines trägt eine Waffe.

Bildlegende: Sorgt für Diskussionsstoff: Zeichnung aus dem Buch «My Parents Open Carry». White Feather Press, LLC

Es ist ein ganz normaler Samstag im Leben der Familie Strong: Mama, Papa und die 13-jährige Brenna frühstücken, gehen einkaufen und besuchen eine Buchhandlung. Nicht ganz so normal ist, dass Mama und Papa Strong zu jenen Amerikanern gehören, die sich jedes Mal, bevor sie das Haus verlassen, eine Pistole umschnallen.

Warum sie das tun, erklären sie gerne allen, die sie auf ihre Kampfausrüstung ansprechen: ob in der Gemüseabteilung des Supermarkts oder im Café der Buchhandlung. Sie preisen die abschreckende Wirkung ihrer Pistolen: Je mehr Waffen, desto sicherer die Welt und überhaupt sei das Tragen von Waffen ein Ausdruck der ur-amerikanischen Freiheit. Soweit der Inhalt des Bilderbuches «My Parents Open Carry», das in den Vereinigten Staaten zurzeit für verkrampfte Reaktionen sorgt.

Werbebroschüre, getarnt als Kinderbuch

Kinder halten Schilder hoch.

Bildlegende: Eltern spannen ihre Kinder bei einer Pro-Waffen-Demo ein. Reuters

Die Autoren Brian Jeffs und Nathan Nephew schreiben im Vorwort, dass sie amerikanische Kinder schon früh für das Second Amendement sensibilisieren wollten. Dieser vieldiskutierte Verfassungszusatz erlaubt US-Bürgern das offene Tragen von Waffen.

Das Werk – eher eine Broschüre mit Druckfehlern als ein Buch – ist in einem Kleinstverlag in Michigan erschienen. Das übrige Verlags-Programm: vorwiegend Titel über Selbstverteidigung und Christentum.

Wenig Resonanz in den Medien

Mark Walters von der Internet-Radiostation Armed American Radio ist des Lobes voll für das Buch. Gleiches gilt für die Betreiber anderer Foren, die ausser Waffenfreunden allerdings kaum jemand kennt.

Von den Mainstream-Medien wird «My Parents Open Carry» nämlich nicht ernst genommen. Die einzigen prominenten Fernsehsendungen, in denen das Buch bisher Erwähnung gefunden hat, waren Comedy Shows. Die Moderatoren übergossen das Bilderbuch mit Häme.

Kinder mit Eltern in einem Waffengeschäft in den USA.

Bildlegende: Waffenkauf ist Familiensache. Reuters

Das hat zwar zu einem rapiden Anstieg der Verkaufszahlen geführt, aber zu keinem lauteren Echo in der amerikanischen Medienlandschaft. Der Grund für die Berührungsangst ist offensichtlich. In «My Parents Open Carry» werden Kinder dreist zur Zielscheibe der Pro-Waffen-Lobby gemacht. Da sind selbst die erzkonservativen Kommentatoren von Fox News um Worte verlegen.

Mut und Wille zur Reform fehlt allen

Die Waffendebatte flammt in den USA mit trauriger Regelmässigkeit auf: zum Beispiel nach Massakern wie dem in Newtown, wo vor eineinhalb Jahren 20 Kinder und sechs Erwachsene starben. Mit derselben Regelmässigkeit gelingt es der Waffenlobby, jeden Versuch zur Durchsetzung strengerer Waffengesetze in Washington abzublocken.

Von «My Parents Open Carry» werden in den USA die Finger gelassen. Das ist ein Zeichen der Hilflosigkeit. Was in den Medien kein Thema ist, existiert für die Öffentlichkeit nicht. Solange die Öffentlichkeit keinen Druck macht, handeln die Politiker nicht. Am Mut und am Willen zur Reform fehlt es allen.

Die erste eigene Pistole


Ein Kinderbuch für kleinste Waffenfreunde

4:58 min, aus Kultur kompakt vom 14.08.2014

Zum krönenden Abschuss ihres gemeinsamen Samstags fahren die Strongs wie üblich auf den Schiessplatz. An diesem Tag schenken Mama und Papa Brenna zu ihrer Überraschung und noch grösseren Freude für ihre guten Schulnoten ihre erste eigene Pistole. Das letzte Bild von «My Parents Open Carry» zeigt die Familie Strong in voller Montur und trauter Dreisamkeit beim Üben. Und wenn sie sich nicht gegenseitig getroffen haben, schiessen sie noch heute.