«Djinns» geistern durch die islamische Welt

Auch Muslime kennen Dämonen. Es sind «Djinns» – erschaffen aus Feuer und beseelt von einem eigenen Willen. Im Volksglaube sind diese Geister sehr präsent. Der Dokfilm «Besessen» blickt in die obskure Welt der «Djinns».

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Der Dokfilm «Besessen»

58 min, aus Sternstunde Religion vom 11.9.2016

Die jordanische Filmautorin Dalia Al-Kury hatte schon als Kind Angst vor «Djinns». Deshalb macht sie sich Jahre später als junge Filmemacherin auf die Suche nach diesem Phänomen, das in der islamischen Welt tabuisiert, aber sehr verbreitet ist.

«Djinn», das ist die Bezeichnung für übersinnliche Wesen, die aus Feuer erschaffen sind, über einen eigenen Willen verfügen und neben den Menschen in der Welt leben. Es sind die Dämonen und Geister der islamischen Welt.

Riten und Exorzisten

Dalia Al-Kurys Film «Besessen» (Originaltitel: Possessed by Djinn) beginnt mit dem tragischen Mord an einem vierjährigen Mädchen in Jordanien. Es wurde von ihrem Vater getötet, der glaubte, es sei von «Djinns» besessen.

Der Film entführt die Zuschauer in eine obskure Welt von Riten und Traditionen, Exorzisten und Menschen, die sich von «Djinns» bedrängt fühlen. Er spielt zwar in Jordanien, doch die Vorstellung von «Djinns» ist in der ganzen muslimischen Welt verbreitet. Die Ähnlichkeiten zu christlichen Praktiken sind frappant und reichen vom Ausräuchern einer Wohnung bis hin zu verstörenden Austreibungsritualen.

In Jordanien gehen ein paar Leute auf eine Geisterbahn.

Bildlegende: «Besessen» feierte auf dem Hot Docs Canadian International Documentary Festival in Toronto seine Weltpremiere. Possessed by Djinn, Filmstill

«Djinns» als Erziehungsmittel?

Wer in einem muslimischen Haushalt aufwächst, komme kaum um die «Djinns» herum, sagt der wissenschaftliche Lektor am Zentrum für Islam und Gesellschaft der Universität Fribourg, Hureyre Kam. Oft würden sie als Erziehungsmittel verwendet: Manche Eltern drohten mit dem «Djinn», damit sich ihr Kind konform verhalte.

Nach Kams Einschätzungen ist die Darstellung des Phänomens im Film von Dalia Al-Kury jedoch etwas zu allgemein geraten. Die Vorstellung von «Djinns» existiere auch ausserhalb des Islams. Es sei nicht möglich, die «Djinns» nur auf den Koran zu beziehen, da der Koran diese Wesen nicht «erfinde», sondern bereits vorhandene Vorstellungen in eine koranische Weltanschauung transformiere, sagt Hureyre Kam.

Nicht wie der Teufel

Für Muslime ist der Koran das Fundament ihrer Weltanschauung. So gibt es für sie keinen Grund, an der Existenz der «Djinns» zu zweifeln, jedoch ist in der muslimischen Welt umstritten, wie diese Wesen zu definieren sind.

Im Volksglauben sind Dämonen und Geister sehr präsent. Diese hätten – so die Vorstellung – verwandtschaftliche Beziehungen untereinander. Es gibt solche, die Gutes bewirken und solches, die Schlechtes bewirken. Auf keinen Fall sind die «Djinns» aber identisch mit dem Teufel.

Auf dem Friedhof

Wie genau «Djinns» Menschen beeinflussen, bleibt laut Kam Spekulation. Es gebe Leute, die behaupten, dass «Djinns» sich an stillen Orten aufhalten, zum Beispiel in der Wüste oder in der Nacht auf einem Friedhof. Türkische Schriften verweisen zum Beispiel auf indische oder babylonische Quellen. Auch zu Exorzismen gibt es Hinweise.

Dass ein Vater seine vierjährige Tochter umbringt, weil sie von «Djinns» besessen sei, das findet Kam sehr erstaunlich.

Was ihn besonders verblüfft, ist das Ende des Films: Nach ergebnislosen Untersuchungen kehrt der Vater wieder zu seiner Familie zurück, die ihn glücklich aufnimmt.

Irritierend ist das vor allem auch deshalb, weil keine staatliche Autorität eingreift und die Todesursache der Tochter genau abklärt. In solchen Fällen müsste ein Psychiater einbezogen werden, der seinerseits auch spirituelle Aspekte und traditionelle Vorstellungen berücksichtigt.

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