Ein humaner Krieg – ist das möglich?

Seit 150 Jahren versucht das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), im Krieg eine gewisse Menschlichkeit zu wahren. Ist das überhaupt möglich? Das Musée Rath in Genf zeigt eine Jubiläums-Ausstellung ohne Jubel, dafür mit einem kritischen Blick.

Es ist nur ein Papier. Was vermag es schon auszurichten gegen Grausamkeit und Gewalt? Das Papier in der Ausstellungsvitrine ist allerdings nicht irgendein Schriftstück. Es sind die Genfer Konventionen, unterzeichnet 1864 von zwölf Staaten. Sie regelten den Umgang mit Kriegsverletzten, eine Reaktion auf die Schlacht von Solferino. Damit brachten die Genfer Konventionen ein wenig Menschlichkeit in das Grauen der Kriege.

Keine Feierstimmung

«Humaniser la guerre?», fragt die Ausstellung im Musée Rath in Genf. Ein Paradox, räumt die Kuratorin Iris Meierhans unumwunden ein: Tatsächlich sei es eine widersprüchliche Forderung, den Krieg humanisieren zu wollen. Aber die Formulierung gehe zurück auf einen der Gründer des IKRK, Louis Appia. Dieser habe pragmatisch festgestellt: «Es gibt Krieg, es wird weiter Krieg geben. Versuchen wir doch trotzdem, etwas Menschlichkeit zu wahren», zitiert Iris Meierhans den bis heute gültigen Leitsatz des IKRK-Gründers. Ausgehend davon ist eine Jubiläums-Ausstellung entstanden – ganz ohne Jubel und ohne Feststimmung.

Kalaschnikows, Formulare und das Grauen des Krieges

Drei Männer verteilen von einem Auto aus Brotlaibe an eine grosse Menge Menschen, die die Arme danach ausstrecken.

Bildlegende: Kukës, Albanien, 2. Mai 1999: Das IKRK teilt Kosovo-Flüchtlingen Brot aus. IKRK/Boris Heger

Zur Einstimmung in die Ausstellung ertönt die «Symphonie der Klagelieder» von Henryk Górecki. Dazu werden die verschiedenen Gesichter des Krieges gezeigt: Der Kolonialkrieg, der Weltkrieg, der Bürgerkrieg, der Guerilla-Krieg, der Krieg gegen Terror.

Videoaufnahmen zeugen vom grossen Leid: Etwa eine Aufnahme von Ruanda, wo ein kniender Mann niedergeschlagen wird. Aber auch Lastwagen voller Leichen und verzweifelte Menschen sind zu sehen. In anderen Videoaufnahmen erzählen eine vergewaltigte Frau, ein politischer Gefangener und ein Kindersoldat vom Grauen des Krieges. Dazwischen sind die Werkzeuge der Gewalt ausgestellt: eine Kalaschnikow, eine Personenmine, eine Gasmaske. Neben dem gezeigten Leid wirken die Waffen unwirklich, fast klein – und erst recht die Instrumente des IKRK im Kampf gegen Gewalt: die Formulare, Rapporte, Reissäcke.

Das IKRK macht Eingeständnisse

Das Bemerkenswerte dieser Ausstellung ist die Schonungslosigkeit gegenüber den eigenen Fehlern. Etwa die deutliche Feststellung, dass das Rote Kreuz versagt hat, als es die Vernichtungslager der Nazis nicht kritisierte. Oder dass das IKRK unnötig lange brauchte, bis es sich auch der zivilen Opfer von Kriegen annahm.

«Humaniser la guerre?» ist eine Ausstellung, die Unerträgliches nicht scheut. Zum Beispiel auch mit der Inszenierung, die die Besucher dem Dilemma der IKRK-Helfer aussetzt: Im letzten Raum nämlich steht eine drei Meter hohe, schwarze Wand. Ein Sehschlitz gibt den Blick frei auf eine Gruppe von Männern, die zusammengepfercht hinter Gittern stehen. Auf der Wand steht die Frage: «Diesen Menschen helfen?» Die Antwort scheint einfach.

Hinter der Wand ist dasselbe Bild zu sehen, dazu allerdings auch eine Machete und die Frage: «Diesen Menschen helfen – auch wenn einer von ihnen Völkermord verübt hat?»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt vom 10.6.14, 6:45 Uhr

Zur Ausstellung

«Humaniser la guerre? CICR – 150 ans d’action humanitaire» ist noch bis zum 20. Juli 2014 im Musée Rath in Genf zu sehen.