Ein Sachbuch über das Träumen erhellt die Nacht

Während eines Drittels unseres Lebens sind wir Träumer. Und zwar alle! Auch die härtesten Realisten, die sich an ihr nächtliches Kopfkino kaum erinnern, könnten ohne die Reise in ihre innere Wirklichkeit nicht existieren. Eine Ehrenrettung der Träume, die alles andere als Schäume sind.

Ein Junge schläft.

Bildlegende: Für eine gute Gesundheit brauchen nicht nur die Kleinen viel Schlaf. Getty Images

«Warum sieht das Auge im Traume klarer als die Vorstellung wachend?» Diese Frage kommt von einem Genie. Leonardo da Vinci versuchte seinem visionären Nachtleben auf die Spur zu kommen. Das taten viele Denker. Sie erahnten, dass Träume nicht einfach nur Hirngespinste sind. Charles Baudelaire notierte: «Der Schlaf ist voller Wunder!» «Was sind Träume?», fragte sich vor gut 100 Jahren auch der Vater der Psychoanalyse. Freud kam zum Schluss: «Träume sind der Königsweg zum Unbewussten.» Er deutete sie als Ausdruck von geheimen Wünschen und unverarbeiteten Kindheitserlebnissen. Sein Buch «Die Traumdeutung» war bahnbrechend.

Neue Erkenntnisse

Die Hirnforschung bringt neues Licht in unser Nachtleben. Dank hochtechnisierten Scannern und Anderem ist es möglich geworden, dem Menschen beim Träumen zuzusehen. Was wie Science Fiction anmutet, ist bereits wissenschaftliche Praxis. Der deutsche Wissenschaftsjournalist Stefan Klein nimmt uns in seinem neuen Buch «Träume» mit auf eine Reise in unsere Wirklichkeit. Es ist eine Abenteuerreise, die hilft, das Rätsel des menschlichen Bewusstseins zu entschlüsseln. «Wir müssen aufhören, unsere Träume zu deuten», fordert Klein. «Wir müssen beginnen, unsere Träume wirklich ernst zu nehmen.»

Lernen im Schlaf

Stefan Klein trägt in seinem hinreissend hirnfreundlich geschriebenen Buch neue Erkenntnisse der Schlafforschung zusammen. Eine der überraschenden Erkenntnisse, an der auch Freud wohl seine Freude hätte: Träume verweisen nicht nur in die Vergangenheit. Sie sind auch zukunftsträchtig. Sie helfen uns nämlich, die Zukunft zu bewältigen. Sie machen unser Hirn fit für das, was kommt. Während wir träumen, erweitern sich unsere Fähigkeiten. Das Gehirn verändert sich. Wir lernen im Schlaf. Und erholen uns dabei. Schon blöd, wer sich zu wenig Schlaf gönnt!

Ein Triumph der Vorstellungskraft

Dank bildgebenden Verfahren ist nun auch klar: Wir träumen fast immer, wenn wir schlafen. Dass wir uns kaum daran erinnern, ändert nichts an dieser Tatsache. Wir träumen auch tagsüber oft. Immer dann, wenn unsere Gedanken von der äusseren Welt in die innere Welt «abschweifen», sind wir Traumwandler. Auch harte Realisten sind Träumer. Sonst könnten sie nicht leben.

Wer «Träume» liest, bekommt viel Denkfutter. Aber auch sein Nachtleben wird deutlich aufregender. Die Traumerinnerung wird präziser. Die Traumbilder werden farbiger. Es macht mehr Spass, ins Bett zu gehen. «Träume» , schreibt Klein, «sind wie Kunstwerke. Beides sind Triumphe der menschlichen Vorstellungskraft.»

Buchhinweis

Stefan Klein: «Träume: Eine Reise in unsere Wirklichkeit», S. Fischer, 2014.

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