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Ethnografische Sammlungen Will sich der weisse Mann die Seele reinwaschen?

Frankreich will afrikanische Masken, Statuen, Schreine und Speere zurückgeben. Mit welchem Motiv – und an wen überhaupt?

Skulpturen in einer Ausstellung
Legende: Afrikanische Kulturgüter sollen nach Afrika zurückgeführt werden. Im Bild: Eine Ausstellung im Musée du quai Branly. Trocadéro. Foto: Léo Delafontaine

Die Rede war ein Paukenschlag: Im vergangenen November verkündete der französische Präsident Emmanuel Macron in Ouagadougou vor versammelter Intelligenzia des afrikanischen Landes: Er wolle die Voraussetzungen dafür schaffen, dass afrikanische Kulturgüter in den französischen Museen temporär oder fest nach Afrika zurückgeführt werden können.

Bisher stellte sich die Grande Nation auf den Standpunkt: Was in den französischen Depots liegt, gehört dem französischen Staat. Das gilt nicht nur für Mona Lisa und Co., sondern auch für die unzähligen Kulturgüter, die aus den Kolonien in französische Museen gebracht wurden.

Es geht um viel

Macrons Rede stellt diese Museumspolitik gründlich auf den Kopf, denn die Grand Nation liess sich bisher in nur ganz heiklen Fällen erweichen, auf Rückforderungen zu reagieren. Zum Beispiel bei den südamerikanischen «Schrumpfköpfen» oder der Südafrikanerin Sarah Baartman, deren Leiche man nach ihrem Tod präpariert und in Paris ausgestellt hatte.

Doch jetzt geht es nicht mehr nur um «human remains», also menschliche Überreste, sondern um Masken, Statuen, Schreine, Speere – um gekaufte, geraubte, gerettete, erbettelte Objekte.

Wer führt die Regie?

Sie zurückgeben – darüber könne man schon nachdenken, reflektierte der Direktor des Musée du Quai Branly, des grössten ethnografischen Museums in Paris, die Rede seines Präsidenten – wenn in Afrika die nötigen Vorkehrungen getroffen werden für eine sichere Aufbewahrung.

Afrikanische Maske
Legende: Eine Punu-Tsengi-Maske im Musée du Quay Branly. Flickr/Jean-Pierre Dalbéra , Link öffnet in einem neuen Fenster

Das sei keine akzeptable Haltung – folgte postwendend die Kritik – sie zeige nur, dass der weisse Mann immer noch die Regie im Diskurs um die koloniale Vergangenheit führe.

Wem was zurückgeben?

Macrons Rede war kein aus dem Nichts geborener Schnellschuss, eher das Echo auf eine Vielzahl von Fragen in Zusammenhang mit ethnografischen Sammlungen: Wie kann man das «Fremde» zeigen – das vielleicht gar nicht mehr so fremd ist, dank Internet?

Was sagen uns all die Baströcke, Penisstulpen, Schnitzereien, die die einstigen Sammler als exotische Raritäten angeschleppt hatten, um zu dokumentieren, wie weit entfernt deren Träger – die sogenannten Naturvölker – von der echten Zivilisation sind?

Und was passiert, wenn wir sie zurückgeben? In wessen Hände? Gibt es die Ethnie – die einstigen Besitzer – überhaupt noch? Vielleicht besser ins jeweilige Nationalmuseum? Aber sind nicht gerade diese «Nationen» koloniale Konstrukte? Ebenso wie ein «Museum»?

Will der weisse Mann seine Seele reinwaschen?

Oft leise und von den Medien kaum wahrgenommen beschäftigen sich viele Museumsleute – Ethnologen, Historikerinnen – schon länger mit solchen Fragen. Darunter auch solche, die allfällige Rückführungen dezidiert ablehnen.

Nicht, weil die Afrikaner zu wenig Sorge tragen würden zu ihren Objekten. Sondern weil durch die Rückgabe heikler Objekte die Gefahr besteht, dass der weisse Mann versuche, seine Seele reinzuwaschen.

Aus dem Auge – aus dem Sinn – oder, wie es die Schweizer Ethnologin Suzanne Chappaz-Wirthner formuliert: Es besteht das Risiko, dass durch Restitutionen die Brutalität der kolonialen Aneignung übertüncht wird.

Eine gigantische Provokation

Ob Macron tatsächlich zu seinem Wort steht, werden wir sehen. Auf alle Fälle hat er die Diskussion lauter werden lassen und Öl ins Feuer gegossen in eine ähnliche laute Debatte in Berlin.

Dort wird mit sehr viel Geld das Stadtschloss wiederaufgebaut, das auch Kaiser Willhelm der Zweite bewohnte. Ausgerechnet dort soll ab 2019 die grosse ethnografische Sammlung Berlins untergebracht werden.

Eine gigantische Provokation für diejenigen, die sich mit deutscher Kolonialgeschichte auskennen und wissen, dass dieser letzte Kaiser sein Kolonialreich brutal ausgebaut hat und mitverantwortlich am systematischen Völkermord an den Herero 1904 in Namibia war.

Wie soll man umgehen mit ethnografischen Sammlungen, die fast alle kolonialen Machenschaften entstammen? Was erzählen sie uns? Der Anfang einer gigantischen Aufräumarbeit hat begonnen.

3 Kommentare

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  • Kommentar von Florian Gillich (Florian Gillich)
    Wieder so ein Artikel. "Der weisse Mann" geschrieben 2018. Wer soll das sein? Meine Hautfarbe ist tendenziell rosa und anders als die z.B. eines Spaniers. Einverstanden, es waren Männer, die diese Kulturgüter in Afrika geklaut haben. Aber ich stelle mir vor, dass auch französische Frauen diese "Unterhaltung" gemocht haben. Wenn wir heute etwas gut zu machen haben, dann betrifft dies Männer und Frauen
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  • Kommentar von James Klausner (Harder11)
    2.) Die Sammlungen sollten nicht aufgelöst werden, sondern an einem sicheren Standort, wenn möglich an eine Universität angegliedert, als Gesamterbe Afrikas bewahrt werden.
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  • Kommentar von James Klausner (Harder11)
    1.) Und beim nächsten Bürgerkrieg werden die Depots dann geplündert und die Gegenstände finden Ihren Weg über den illegalen Handel zurück in private Sammlungen der 1. Welt, oder beim nächsten Aufflammen von Unruhen durch radikale Evangelikale oder Islamisten wird alles zerstört. Ein Institut für das afrikanische Erbe muss her, mit Afrikanern als Kuratoren, welche die Bestände, zuordnen, katalogisieren, wissenschaftlich auswerten.
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