Evgeny Morozov warnt vor einer Welt «made in Silicon Valley»

Evgeny Morozov gilt als einer der profiliertesten Kritiker unserer digitalen Welt. In seinem neuen Buch «Smarte Neue Welt» nimmt er die Philosophie der digitalen Vordenker des Silicon Valley unter die Lupe – und zugleich unseren Glauben an ihre Verheissungen.

Drei Hände halten vor einer blauen Wand je ein Smartphone in die Luft, eine vierte Hand zeigt mit dem Zeigfinger auf das eine Gerät.

Bildlegende: Für jedes Problem die passende App? Evgeny Morozov warnt in seinem Buch vor dem Trend der einfachen Problemlösung. Reuters

Evgeny Morozov, obwohl erst 29 Jahre alt, sorgte vor zwei Jahren mit seinem Buch «Net Delusion» weltweit für Aufsehen: Er zweifelte darin die Fähigkeit von Twitter und Facebook an, eine Revolution zu entfachen und Demokratie zu verbreiten. Nun legt er ein neues Buch vor: In «Smarte Neue Welt. Digitale Technik und die Freiheit des Menschen» warnt der renommierte weissrussische Publizist davor, den Verheissungen der digitalen Vordenker zu erliegen.

Apps zur Problemlösung sind verführerisch einfach

Porträt eines Mannes im Anzug

Bildlegende: Evgeny Morozov, Kritiker unserer digitalen Welt. Wikimedia/Chatham House

Evgeny Morozov warnt uns davor nicht etwa, indem er die Vorstellungen der «Internet-Zentristen» über unsere Zukunft ad absurdum führt. Im Gegenteil: Er zeigt vielmehr, wie unsere Welt aussehen würde, sollten die Vorstellungen der «Gigs», wie er die digitalen Vordenker im Silicon Valley nennt, Wirklichkeit werden.

Im Jahr 2020 würde digitale Technik alle Lebensbereiche überwachen. Zu versuchen, Probleme wie Übergewicht und Klimawandel mit Apps zu lösen, sei verführerisch einfach, meint Morozov. «Man stattet uns Bürger einfach mit Smartphones aus, die überwachen, was wir tun – wie viel Sport wir treiben, wie viel wir essen, und was wir essen.»

Wenn die Kamera über Abfalltrennung wacht

Tatsächlich gibt es in den USA bereits eine sehr aktive Bewegung, die sich «Das quantifizierte Selbst» nennt und ihren ganzen Alltag digital nachverfolgt. Möglich wird dies mittels Mikro-Sensoren, die aus einem unbelebten Gegenstand ein «smartes» Gerät machen.

Als Beispiel nennt Morozov die Idee einer intelligenten Überwachungskamera für den Mülleimer. Jedes Mal, schreibt er, wenn jemand den Mülleimer öffne, mache die Kamera ein Bild, übertrage es an eine Firma, die analysiere, ob man seinen Müll richtig getrennt hat. Je nach Ergebnis bekommt man Punkte und wird in sozialen Netzwerken bewertet.

Die Menschen trennen in diesem Fall ihren Müll, weil sie ihre Freunde beeindrucken oder virtuelle Punkte verdienen wollen – und nicht aus Umweltbewusstsein. Morozov sieht darin ein neues Verständnis von Motivation und Bürgerschaft erwachsen: «Wir denken dann nicht mehr über die politischen Dimensionen unseres Handelns nach.» Ebenso wenig darüber, warum wir die Dinge tun, die wir tun, und wie sie miteinander zusammenhängen.

Das Leben ist kein Videogame

Internet-Apologeten übersehen laut Morozov diese Komplexität unserer Lebenswelt immer wieder. Wir sollten, argumentiert er, nicht die Logik eines Videospiels auf unser Leben anwenden. Nicht alles, was machbar ist, sei auch sinnvoll. Den Glauben an einfache technische Lösungen für alles bezeichnet Morozov als «Solutionismus» (abgeleitet von «solution», englisch für Lösung). Zudem kritisiert er, dass auch die politischen Entscheidungsträger nur allzu gern auf dieses Pferd der schnellen Machbarkeit setzen.

«Die Regierung lagert die Problemlösung auf ihre Bürger aus.» Sie sollen nun die Probleme angehen, indem sie ihr Verhalten ändern – anstatt herzugehen und das System selbst zu reformieren. All die ambitionierteren Reformprojekte müssen plötzlich diesen strahlenderen Technologie-gesteuerten neuen Methoden weichen. Denn diese bringen den Politikern Beliebtheitspunkte ein, weil sie dadurch technologiefreundlich wirken. «So ändern wir nur sehr triviale Aspekte des Problems, packen seine grundlegenden Ursachen aber nicht an», schreibt Morozov.

Der engagierte Bürger – ein Auslaufmodell?

Technik, konstatiert Morozov, sollte uns nicht durch ihr reibungsloses Funktionieren eine heile Welt vorgaukeln, sondern stören und irritieren. Wie etwa ein Radio, das sich automatisch abschaltet, sobald man in seiner Wohnung ein Gerät anmacht, das besonders viel Strom verbraucht. Nur mit unorthodoxen Massnahmen, so Morozovs Fazit, könnten wir eine Zukunft «made in Silicon Valley» aufhalten – und verhindern, dass wir die Kontrolle über unser Leben aus der Hand geben und Maschinen überantworten.

Politik nach unserem heutigen Verständnis gäbe es in dieser digital gesteuerten Welt, die Morozov heraufziehen sieht, nicht mehr. Politik in dem Sinn, dass Bürger sich engagieren und darüber debattieren, was zu tun sei. «Sollten die Gigs, die Netzvordenker, gewinnen», prognostiziert Evgeny Morozov, «wird dies automatisch entschieden – auf Basis irgendeines Optimierungsalgorithmus.»

Buchhinweis

Evgeny Morozov: «Smarte neue Welt. Digitale Technik und die Freiheit des Menschen.» Blessing Verlag, 2013.