Sackkleid und Trompetenärmel Formen ohne Normen: Die Mode des Cristóbal Balenciaga

Die Entwürfe des Cristóbal Balenciaga revolutionierten die weibliche Silhouette. Wer war der medienscheue Mann, der vor 80 Jahren seine erste Kollektion zeigte?

Eine Frau macht sich in einem Museum an einer Kleiderpuppe zu schaffen.

Bildlegende: Ganz schön gewagt – aber nicht unbedingt tragbar: ein Balenciaga-Kleid aus dem Jahr 1955. Getty Images

Das Wichtigste in Kürze

  • Vor genau 80 Jahren zeigte der spanische Modemacher Cristóbal Balenciaga in Paris erstmals Haute Couture Mode.
  • Wegen seiner gewagten Entwürfe hatte er den Ruf, den Körper wie eine Skulptur zu bearbeiten.
  • Zu Balenciagas Kundschaft gehörten Filmstars wie Ava Gardner oder Marlene Dietrich.
Modemacher Balenciaga bei der Arbeit.

Bildlegende: Der letzte Schliff: Balenciaga bei der Arbeit, 1968. Henri Cartier-Bresson/Victoria Albert Museum

Einige seiner Kleider könnte er gestern entworfen und heute in die Läden gebracht haben – so zeitlos modern wirken sie. Dabei sind sie zum Teil 80 Jahre alt.

Da hängt in einer Vitrine des renommierten Victoria and Albert Museum in London zum Beispiel ein knielanges, floral gemustertes Kleid in Pink und Beige. Seine Trompetenärmel und der Rock in A-Linie feiern diese Saison Hochkonjunktur.

Dieses Zeitlose sei für den Stil Balenciagas charakteristisch, bestätigt Stephanie Wood, wissenschaftliche Mitarbeiterin der grossen Werkschau «Balenciaga: Shaping Fashion». Einige seiner Kreationen seien Kernstücke der Mode geworden und in jedem Kleiderschrank zu finden.

Ein Couturier im wahrsten Sinne

Doch wer war dieser Mann, der unsere Vorstellung von Damenmode nachhaltig geprägt hat? «Haute Couture ist wie ein Orchester, dessen Dirigent Balenciaga ist. Wir anderen Couturiers sind die Musiker, die seinen Anweisungen folgen», sagte Modeschöpfer Christian Dior.

Und auch Coco Chanel, die mit Dior und Balenciaga das Dreigestirn der Pariser Haute Couture in den 1950er- und 1960er-Jahren bildete, sagt: «Nur Balenciaga ist ein Couturier im wahrsten Sinne des Wortes. Er ist der einzige, der den Stoff zuschneiden, eine Kreation zusammenstellen und sie von Hand nähen kann. Die anderen sind lediglich Designer.»

Früh übt sich

Dass er sein Metier von der Pike auf beherrschte, hat seinen Grund. Bereits im Alter von zwölf Jahren absolvierte das jüngste Kind einer Näherin im spanischen San Sebastián eine Schneiderlehre.

In ihrer anekdotenreichen Biografie «Balenciaga: unser aller Meister», die soeben auf Deutsch erschienen ist, erzählt Autorin Mary Blume, wie er eine reiche Dame mit einem nachgeschneiderten Kleid beeindruckte. Als Dank habe sie ihm die Lehre verschafft.

Dieses Handwerk merkt man seinen Kreationen an. Sein profundes Wissen erlaubte ihm, das Material so zu bearbeiten, dass er architektonische Formen um den Körper herum kreieren konnte.

Formen jenseits der Normen

Besonders deutlich wird dies an einem pinken Kleid aus Seidentaft von 1955, das in London gezeigt wird: Balenciaga drapierte von der vorderen Mittelnaht aus Unmengen von Stoff derart gekonnt, dass eine voluminöse, gebeulte Form entstand. Das Resultat: eine historisch anmutende ausgestellte Rückansicht.

Seine unglaublichen Formen brachten ihm bald schon den Ruf ein, den Körper zu bearbeiten wie eine Skulptur. Mehr noch: Er arbeite wie ein Architekt, sagte später der Modedesigner Oscar de la Renta, der bei Balenciaga ein Praktikum machte.

Königliche Kundschaft

Das Nachwuchstalent blieb nicht unentdeckt. Bereits 1917, mit 22 Jahren, eröffnete Balenciaga seinen eigenen Modesalon in San Sebastián. Die spanische Königin Maria Cristina und die Infantin Isabel Alfonsa zählten bald zu seinen Klientinnen.

Als 1936 der Spanische Bürgerkrieg ausbrach, verliess Cristóbal Balenciaga Spanien Richtung Paris. Dort eröffnete er an der Avenue George V sein eigenes Haus. Seine erste Kollektion präsentierte Balenciaga 1937 – also genau vor 80 Jahren.

Experimentierfreude

Bald gehörten Filmstars wie Ava Gardner oder Marlene Dietrich zu seiner Kundschaft. Und das, obwohl Balenciaga nicht nur tragbare Mode schuf. Die Modewelt völlig vor den Kopf gestossen hat er mit dem sogenannten Sackkleid: ein Kleid, das von den Schultern bis zu den Knien gerade hinunter hing – ohne eine Taille anzudeuten.

Dieser Entwurf, so Stephanie Wood vom Victoria and Albert Museum in London, erhebe ihn durchaus in den Rang eines Revolutionärs. Ihm behagte es nicht, Frauen auf eine gewisse Form zu limitieren und so hat er Zeit seines Lebens mit Formen experimentiert.

Eine Frau in Balenciagas berühmtem Couvert-Kleid.

Bildlegende: Das berühmte Couvert-Kleid, 1967. Hiro/Victoria Albert Museum

Aber aufs Klo damit?

Besonders faszinierend ist auch sein Umschlag-Kleid aus schwarzer Seidengaze von 1967: Gedacht als Cocktail-Kleid, besteht es an den Schultern aus vier abstehenden Falten, die knapp über den Knien in eine enge Röhre münden. Die Frau sieht darin aus, als ob sie tatsächlich in einem zusammengefalteten Couvert stecke.

Davon gibt es nur zwei Exemplare. Aus gutem Grund: Dieses Kleid wurde zurückgegeben, weil die Käuferin nicht wusste, wie sie damit auf die Toilette gehen solle. Nun ist es im Victoria and Albert Museum in London zu sehen.

Jähes Ende

Trotz dieser Bedenken: Cristóbal Balenciagas Geschäft entwickelte sich gut. Er verstand sich jedoch als Couturier in wahrsten Sinne. Als Mitte der 1960er-Jahre Prêt-à-porter Mode wurde, also vorgefertigte Kleidung in Standardgrössen, verschloss er sich dieser Entwicklung.

Für Balenciaga gab es nur die massgefertigte Haute Couture. Als Konsequenz schloss er – fünf Jahre vor seinem Tod – seine Boutiquen. Das war 1968. Der Revolutionär der Mode wollte die gesellschaftlichen Revolutionen nicht mehr mitmachen.

Ausstellungshinweis

«Balenciaga: Shaping Fashion»: Die Ausstellung im Victoria and Albert Museum London läuft noch bis am 8. Februar 2018.

Buchhinweis

Mary Blume: «Balenciaga, unser aller Meister». Schirmer Mosel, 2017.

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