Freie Stille – Gedanken zum Nationalfeiertag

Der österreichische Kabarettist Alfred Dorfer wird für seine pointierten Meinungen gefeiert und gefürchtet. Sich zu äussern, ist seine Berufung – zum Beispiel über den 1. August, über die freie Meinungsäusserung und den Mut, keine Meinung zu haben. Kurz: über einen Feiertag der Stille.

Menschen neben einem Lampion an einer 1.-August-Feier.

Bildlegende: Einen Feiertag der Stille – das schlägt Alfred Dorfer für den 1. August vor. Keystone

Am 1. August ist Nationalfeiertag in der Schweiz, höre ich. Und da wird viel gegrillt, gefeuerwerkt und vor allem viel festgeredet. Die freie Meinung ist uns ja allen ein heiliges Gut. Dabei ist die Meinung eigentlich immer frei, oft sogar von Verstand. Im Grunde geht es aber um die freie Meinungsäusserung, die gerne mit Mut assoziiert wird und oft eine wahre philosophische Revolution bedeutet, dann nämlich, wenn Freiheit und Verantwortung erstmals voneinander getrennt werden.

Der medizinische Mehrwert der freien Meinungsäusserung liegt im Purgatorischen. Wie schön, diese partiellen Heilungsprozesse in diversen Internetforen miterleben zu dürfen. Teilhaben zu können an dieser enormen Stoffwechselerleichterung unter falschem Namen. Das hat mit Freiheit kaum zu tun, ist aber genauso amüsant wie ein Gladiatorenkampf in der Arena. Nur dass es für diese Gladiatoren um nichts geht. Dieses Dschungelcamp der Meinungsunterschicht zeigt, wie erstaunlich schnell angebliche Freiheit in die Nähe des Zwanghaften geraten kann.

Meinungsmarkt

Selbstredend gibt es auch Meinungsprofis, die ihr Geld damit verdienen, sich zu äussern. (Seltsam, dass es keine Jobs gibt, die darin bestehen, sich zu innern.) In der Markthalle der berufsmässigen Meiner tummeln sich Journalisten, Künstler, geschwätzige Wissenschaftler, Politiker und alle anderen, die von Veröffentlichung mental oder ökonomisch abhängig sind. Und weil ja ohne Börse kaum mehr etwas geht, gibt es auch auf diesem Markt Meinungen, die hoch im Kurs stehen oder downgegradet werden. Und das möglichst rasch, sonst sinkt der Unterhaltungswert.

Meinungsmainstream

Die freie Meinungsäusserung wird gerne mit Diskursivität verwechselt und ist zudem ein gutes Geschäft mit der Plausibilität. Befürworter und Gegner können so gleichermassen auf eine Schlachtenbummlerfahrt des Subjektiven mitgenommen werden. Die Werkstätten, wo Meinungen gemacht werden, arbeiten am Fliessband. Und wir beeilen uns, diese wertlose Meterware schnellstens zu erstehen.

Neuigkeiten werden wie eine Droge verteilt. Ein Methadonprogramm für Selbstverwirklichungsjunkies. Und am Schluss fühlt sich jeder irgendwie gut, für einen kurzen Moment. Bis zur nächsten Neuigkeitsinvasion. Dann beginnt sich diese Spirale des vermeintlich Wichtigen aufs Neue zu drehen. Wir müssen meinen. Dieses Echolot im sozialen Umfeld zeigt uns irgendwie, wo wir ungefähr stehen. Aber eben nur irgendwie und ungefähr. Das reicht aber bereits, um uns für mündig zu halten. Diese Mündigkeit ist selbst verschuldet und eine Befreiung davon ist nicht in Sicht.

Meinungsmoratorium

Dazu passt ein Satz, der Sokrates zugeschrieben wird. «Eh du etwas sagst, sollte es davor durch drei Filter gehen: ist es wahr, ist es gut und ist es notwendig.» Das wär doch etwas. Ein Tag im Jahr, an dem dieser Satz umgesetzt würde. Ein Valentinstag der Stille, an dem man sich Sträusse des Schweigens schenkt. Ein Feiertag, an dem Mut plötzlich darin bestünde, keine Meinung zu haben oder sie dem Umfeld wenigstens nicht aufzudrängen. Begleitet von der schlichten Erkenntnis, dass der gemeinsame Nenner von Meinung und Meinungslosigkeit durchaus Unwissenheit sein kann.

Ein Feiertag der Freiheit von der Meinung sozusagen. Der würde vielleicht frei machen für das Faktische. Kein Stress mehr, immer dabei sein zu müssen, ohne zu wissen wobei. Das könnte zu Entzugserscheinungen führen: Linderung würden dann Tagesstätten bringen, wo Meinungsäusserungsentwöhnte durch kleine Bastelarbeiten über die erste Krise gebracht werden. Die Medienwelt wäre an diesem Tag wohl nahezu inexistent, die Politik hätte Urlaub und diese Kolumne wäre nie geschrieben worden. Und die Demokratie würde davon wohl keinen Schaden nehmen. Im Gegenteil.

Zur Person

Zur Person

Peter Rigaud

Alfred Dorfer (1961) lebt als Kabarettist, Schauspieler und Autor in Wien. Seine Gruppe Schlabarett machte in den 80ern Schlagzeilen, später trat er mit Josef Hader auf, seit 1993 ist Dorfer Solokünstler und spielt regelmässig in Kinofilmen. 2002 erhielt er den Deutschen Kleinkunstpreis. Dorfer ist in der Radio-Kolumne «Zytlupe» auf SRF 1 zu hören.

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